Unser Leserreporter beim Hindernislauf

Tough Mudder meets RALLE K.!

"Ich bin Tough Mudder", freut sich RALLE K. Mörderanstrengend war es, versichert er und berichtet von den Qualen im Matsch.

Tough Mudder meets RALLE K.! Die Fotos
Tough Mudder meets RALLE K. !

Autsch! Maaama!

Bild: Privat

Die Vorbereitung

„RALLE, wie sieht’s aus? Tough Mudder Norddeutschland im Juli. 16-18 km durchs Gelände und 20 Hindernisse?“, so ein Kollege im Dezember 16.

Wer mich kennt, weiß die Antwort. Und so wollte ich Anfang 2017 anfangen zu trainieren: Laufen, Hüpfen, Springen, Schnellkraft – alles Sachen, die ich seit meiner schweren Knieverletzung beim MTB-Downhillrennen anno 1884 eigtl. nicht mehr kann. Mittlerweile ist auch das linke Knie kaputt. Ja – und ich habe zugenommen – kein Wunder. Biken ist das Einzige, was ganz gut geht…

Trainingsstart war also der Tauchurlaub im Januar. Na ja. Nicht ganz. Die fetteste Bronchitis aller Zeiten schnappte zu! Tauchen und Fische? Bett und Antibiotikum!

Dann also Wochen später im Skiurlaub. Obwohl, so ohne Vorbereitung war das auch eher Skifahren auf der gemütlichen Seite.
Gut, die Bikesaison sollte ja jetzt losgehen.

Och – schon wieder erkältet und 3 Wochen Pause. Kaum war ich viertelwegs fit, war ich auch schon wieder krank.

OK, ein paar Mal Biken ging schon, aber zwischendurch immer wieder Arbeiten am neuen Haus – ne, alten, daher ja Arbeiten... Und nochmal: Erkältet. Ja leck mich doch…

„Es sind jetzt übrigens 19,6 km und 29 Hindernisse.“
BITTE????

Zwei Wochen vorm TM hab ich‘s dann aufgegeben und aus Prinzip nichts mehr gemacht. Gar nichts. Also: Überhaupt nichts!

Ich hab‘ mir noch nicht mal die Hindernisse im Internet angeschaut. Is‘ doch eh alles egal, Wurscht, Banane, 88. Obwohl: Einen Tag vorher hab ich mir die Nägel geschnitten, damit ich mich nicht verletze – zählt das?

Der Wettkampf

Wer hat eigtlich die Startzeit rausgesucht? 9.15 Uhr? Da verdaue ich maximal mein Frühstück… Stattdessen stehe ich hier unter 100en Bekloppten, teilweise kostümierten und teilweise beängstigend fit aussehenden Männchen und Weibchen. Mit meiner Wampe falle ich kaum auf – könnte ja ein Kostüm sein. Und bekloppt bin ich wohl auch – mit so einer (Nicht-)Vorbereitung…

Dann kann’s ja los gehen. Kollege Frank ist recht fit. Die beiden anderen unseres Teams sind… wo denn eigentlich? Wir haben uns klassisch verpasst. OK – Duo, statt Quattro. Man sieht sich wohl irgendwo auf der Strecke.

Startschuss. Alle gröhlen. Nur ich stöhne. Ich muss nämlich laufen. Hallo? Das habe ich schon über 1 Jahr nicht mehr gemacht! Nach 300 Metern fühle ich mich… blöd. Laufen ist blöd!

Schnelles Gehen muss reichen. Wir wollen ja nicht in Hektik verfallen. Es gibt sogar noch Unfittere als mich in unserer Startgruppe. Klingt komisch – is' aber so.

Tough Mudder Norddeutschland 2017 - Die Bilder

Ganz schön hoch diese Wand!

Bild: Privat

Erstes Hindernis. Ein paar Strohballen zum Rüberklettern. Eiiiinfach! Prompt hake ich mit dem linken Fuß unter einem Befestigungsseil ein und falle fast aufs Maul – uffpasse!!

Etwas ungelenk switche ich zwischen Traben und schnellem Gehen hin und her. Da müssen wir schon das 1. Mal durchs Wasser. Also eher durch Dreckbrühe. Mit dick Matsch unten. Heißt ja auch nicht Tough Mineralwater hier...

Meine Schuhe sind – äh – auch blöd. Mit der völlig glatten Sohle fühle ich mich im mudder wie Norbert Schramm sich auf ice… Prompt rutsche ich im Dreckloch aus und sitze bis zum Hals in der Brühe. Kalt. Stinkig. Für mich. Lustig. Für alle anderen… Kriechend geht es nun unter Stacheldraht durch die Matschepampe und wieder durch ein Wasserloch. Gut, dass ich lange Arme habe – mir reicht die Suppe bis zum Kinn.

Ab jetzt tun meine Beine nicht mehr ganz so weh. Entweder habe ich mich jetzt eingetrabt – is’ ja auch schon km 3, only 17 to go – oder das kalte Wasser überdeckt etwas Schmerz… Da überholen uns unsere Teambuddies im gestreckten übermotivierten Galopp. Und weg sind se. Ähhh, Team?

Ich bin so halbwegs im Rhythmus, beim dem mein Körper mit muss und kann tatsächlich in sowas wie leichtes Jogging verfallen. Und so geht es kilometerlang durch kaltes Wasser, dreckiges Wasser, über Baumstämme, durch den Wald, Pfützen, über Holzwände bis … „Arctic Enema – The Rebirth“.

Ja, ja der „Arktische Einlauf“: Durch eine Plastikröhre sausen über 100 kg in kaltes Wasser. Also Eiswürfelwasser. Also 4 Grad. Obwohl ich nicht mitgemacht habe damals, aber: Diese wattebauschige Facebook-Eiswürfel-Challenge ist ein müder Kindergeburtstag dagegen!!

„Die Wiedergeburt“? Ich habe eher eine plötzliche Nahtoderfahrung! Schlagartig verliere ich zudem das Gefühl für meine Geschlechtszugehörigkeit. Männchen? Weibchen? Ich weiß es nicht mehr. Ist aber in diesen Gender-geschwängerten Zeiten eh egal. Raus aus dem Becken! Ich fange freiwillig an zu laufen, um irgendwo im schockgefrosteten Körper so was wie Restgefühl zu wecken. Leck mich an der Gänsehaut!

Zur Belohnung laufen wir 100e Meter lang durch Wasserläufe und Bäche, gefüllt mit allem was es so gibt: Brühe, Gülle, Kuhscheiße (ischwör!), Matsch, Dreck (in siebenhundertvierzehn Varianten…) und was weiß ich denn alles. Die matschverklebten Hände darin „waschen“? Vergiss es – die kommen dreckiger aus dem was-is-überhaupt?, als man sie eintaucht. Und das will verdammt was heißen!

Wir klettern über Gerüste und Wände und kommen zur „Pyramide“: Eine 45 Grad steile Glitschewand, auf die man never ever alleine hoch kommt, selbst nicht, wenn man so’n komisches rotes Spinnenkostüm tragen dürfte. Also bilden sich unten Menschenpyramiden an denen man hochklettert, um sich oben von anderen Helfern hochziehen zu lassen: An den Armen, Beinen, Händen, Ohren und allem, was die so greifen können. Oben angekommen löst man die Helfer ab und wird selber zu einem. Und so ziehe ich an Armen, Beinen, Händen, Ohren und allem, was ich so greifen kann. Das ist so dermaßen anstrengend, dass mir fast schwarz vor Augen wird. Ich glaub, ich bin jetzt schlapp.

17. Immer noch 3 to go…

Wir müssen durch einen See. Mit normalem Wasser! In Fast-Badetemperatur! Wo is‘ der Trick?? Herrlich – Zeit, sich mal den Dreck rauszurubbeln: Aus dem Shirt, der Shorts, der Badehose, den Ohren, Augen, Nasenlöchern und – ja – auch aus der Kimme. Ist halt all inclusive hier… Hach, etwas Pipi muss auch grad sein, die Gelegenheit ist günstig. Hmm. DAS ist wohl auch der Trick: Hier pinkeln ALLE rein! Vielleicht war der heute Morgen auch noch gar nicht so tief!! Mund zu und durch…

Tough Mudder meets RALLE K.! Die Fotos
Tough Mudder meets RALLE K.!

Bild: Privat

Und noch so eine hohe Wand!

Nur noch ein paar „lächerliche Kleinigkeiten“ und ich stehe wankend und mit „zuen“ Oberschenkeln vor „Everest 2.0“, einer ca. 4 Meter hohen Quarterpipe. Also Vollgas anlaufen, um hoch zu helfenden Händen zu kommen, die wieder an allem ziehen, was sie zu packen kriegen.

Nur, Vollgas geht nicht mehr, Oberschenkel dicht. Wohlwollend betrachtet kann ich gerade mal Halbgas geben und komme nicht hoch genug. Oben sind leider auch eher schmächtige, denn kräftige Helfer, die mich einfach nicht hochgezogen kriegen. Zudem hängen meine Beine wie bei einem Hampelmann tot an der Hüfte. Nur dass die Strippe zum Ziehen fehlt… Obwohl? Neee, die ist ja auch vom Artic Enema-Schock noch viel zu kurz… Scherz beiseite – ich bin am Ende. Zu schwer, kraftlos, ungelenkig, schlapp. So rutsche ich 3 mal ab, schürfe mir Ellenbogen und Knie auf und ziehe mir eine leichte Rippenprellung zu.

OK – das wird nix. Ich kann kaum noch gehen. Klettern geht! Hab ich ja die letzten Stunden reichlich geübt. Also um den Everest rum, hochgeklettert und schon stehe ich oben und ziehe aus Leibeskräften an allem, was ich zu packen kriege: Männer, Frauen, Dicke, Dünne, Verkleidete und alle, die so eben noch etwas schneller anlaufen können als ich. Nach 15 Minuten bin ich am Ende. Leidensgenosse Frank ist tatsächlich mittlerweile hochgeschleppt worden und wir krabbeln zusammen runter. Das letzte Hindernis steht bevor.

„Electroshock“ wartet. Kann ja nicht schlimm werden. Die werden doch nicht… Brzzz!! Mein Oberschenkel versteift sich und ich zucke am ganzen Körper zusammen. Was war das de… Brzzz!! Aua! Meine Schulter, herrgott, was ist … Brzzz!! Ach, dafür war wohl der Haftungsausschluss?

Durch! Das war’s! Fertig! Geschafft!

Ich bin Tough Mudder!!

Finisher-Shirt und -Stirnband her. Bier!!

Der nächste Tag

Ich bin Schlapp Mudder. Muskelkater! Muskelkaaaaater! Am ganzen Körper! Überall! In den Füßen, Händen, Fingern, Beinen, Armen, am Rücken, der Brust, dem Bauch – mir tut alles weh! Aaaalles!! Obwohl? Warte. Zwei Stellen habe ich, die nicht schmerzen: Mein linkes Ohrläppchen und das Innere meines rechten Nasenloches. Da geht’s.

Fazit

Warum man sich so quält? Und auch noch Geld dafür zahlt?
Weil’s geht!
Weil man wie ein Kind wieder im Schlamm spielen darf.
Wie Tarzan an Seilen schwingt.
Wie Lara Croft über Hindernisse klettert.
Und wie ein Indianer drunter durch robbt.
Weil sich wildfremde Menschen zu Helfertrupps organisieren und noch wildfremderen Menschen unter Aufbietung all ihrer Kräfte helfen, die Hindernisse zu bezwingen.
Weil es anstrengend ist und doch schaffbar.
Weil es ein gutes Gefühl ist, den eigenen Körper zu spüren. Nicht den Mausarm von der Scheiß-PC-Arbeit tagein, tagaus – sondern den brutalen Muskelkater in den Fingern, weil man diesen einen dicken Typen 5 Minuten lang am Everest festgehalten, nicht mehr losgelassen und dann hochgezogen hat!
Warum?
Darum!

Lustich war‘s. Mörderanstrengend. Und: Ich hab’s geschafft.
Und den doofen Everest nehm' ich mir nächstes Mal vor. Nächstes Mal? Klar!

Nur dann bereite ich mich wirklich mal vor und schneide mir nicht nur die Nägel – die werd‘ ich nämlich zusätzlich noch feilen, schließlich bin ich Tough Mudder.

RALLE K. !

P. S.:
Großes Lob übrigens an die Volunteers!!! Supernette Leute. Von Free Hugs bis 10%-mehr-Power-Abklatscher (da war ich dann wieder bei 7%...) war alles dabei. Und jede/r hatte Anfeuerungsrufe und – ein Lächeln! – übrig. Super!

P.P.S.:
Ob ich jemals den Mudder von meinen Nägeln rauskriege? Wenigstens schön kurz sind sie…