Einmal die Aare entlang

Rennen gegen den Strom

Helmut Bühler lief die komplette Aare im Schweizer Mittelland entlang, 340 Kilometer von der Mündung zur Quelle. Hier schreibt er über dieses persönliche Laufabenteuer.

Aarelauf von Helmut Bühler : 31 Fotos
Fast am Ziel: Helmut Bühler läuft dem Oberaargletscher entgegen

Fast am Ziel: Helmut Bühler läuft dem Oberaargletscher entgegen.

Bild: privat

Der längste, verrückteste, härteste Lauf der Welt? Nein, nicht immer muss es ein Superlativ sein, wenn man sportlichen Träumen nachhängt. Manchmal kann ein stilles, persönliches Vorhaben für tiefe Genugtuung sorgen. Ein Etappenlaufen, dem längsten Schweizer Fluss entlang, hat ein Läuferherz trainiert und berührt.

Die Bilder dieses persönlichen Laufabenteuers finden Sie ober- und unterhalb dieses Artikels.

Am Anfang waren da die Lust auf schöne Trails und das Bedürfnis, im Winterhalbjahr mit ein paar Longjogs die Basis für eine starke Saison zu legen. Zuhause in den Schweizer Voralpen liegen Matsch und Schnee und überhaupt habe ich inzwischen alle Wege in der Region zigmal abgerannt zur Vorbereitung der Six World Marathon Majors. Über 50’000 Menschen rennen durch die Big Cities. Ich habe diesen Menschenstrom geliebt, sechs Mal. Spektakuläre Erlebnisse, unvergessliche Bilder.

Zur Quelle, zum Gletscher

Neue Reize böten nun wohl Ultra-Trails durch die Sahara, auf der Chinesischen Mauer oder rund um den Mount Everest. Ich mag mir keine solche Ziele setzen. Mich zieht’s zurück zur Natur vor der Türe, hin zur Aare. Ihre Uferwege sind im Winter schneefrei und gut erreichbar. In einer ausladenden Kurve durchpflügt die Aare das Schweizer Mittelland, gemächlich und immer breiter. So aber will ich auch nicht enden. Daher beschließe ich sie aufwärts zu begleiten, gegen den Strom, von der Mündung zur Quelle. Ad fontes – dort steht in der Schweiz üblicherweise ein mächtiger Gletscher. Da hoch will ich, bevor er abfließt.

Zwei Mündungssteine als Begleiter

Der zweite Januar ist ein perfektes Datum für den Kick-off meines Projektes an der Aare-Rheinmündung bei Koblenz (CH). Ein Kick war nötig an diesem feuchtkalten Tag. Niemand unterwegs im neuen Jahr, ist ja klar und gut so. Ich kann unerkannt ins Wasser steigen und nach zwei Steinen graben. Sie sind auf den nächsten 340 Kilometer meine Begleiter im Trail-Rucksack. Nun ja, etwas sentimentale Symbolik muss da drin Platz haben neben Ersatzshirt und Powerriegel.

Wohltuende Einsamkeit im dichtbesiedelten Schweizer Mittelland

Mein Cruise führt bald vorbei an den Städten Brugg, Baden, Aarau. Wo aber sind die Häuser, Fabriken, Autostraßen? Mit Ausnahme der städtischen Zentren renn ich vorab in Auenwäldern, Wiesen und Naturreservaten. Mitten im dichtbesiedelten Schweizer Mittelland bildet die Aare eine grüne Oase. Ich fühle mich an ihren Ufern meilenweit weg vom Alltag, der ein paar Schritte daneben pulst. Frühmorgens wird diese Naherholungsofferte höchstens von einzelnen Hunden mit ihren Besitzern und ein paar Bikern angenommen. Ansonsten wohltuende Einsamkeit.

Helmut Bühler kurz vor Bern an der mäandrierenden Aare. Prägt der Fluss die Menschen hier?

Bild: privat

Nahverkehr in der Schweiz: Anschluss immer gesichert!

Die Schweiz bietet dieses geniale Netz an Zug- und Busverbindungen an. Praktisch jede Ortschaft an der Aare ist mit dem öffentlichen Verkehr bequem erreichbar. Ist mein Ofen bei einer Etappe unverhofft vorzeitig aus, dann nehme ich halt den Bus und bring die Route nächstes Mal zu Ende. Umgekehrt im Flow 10 Kilometer weiterrennen, eine schöne Wetterstimmung auskosten und den Lauf verlängern? Kein Problem, Anschluss immer gesichert.

Kalte Kernkraft-Ästhetik

Auf einigen Etappen schließt sich mein Lauffreund Peter an. Wir rennen dieselbe Pace, haben immer viel zu besprechen, können aber auch wortlos nebeneinander hergehen und genießen. Früh am Sonntagmorgen kommen wir zum KKW Mühleberg. Seltsame kalte Kernkraft-Ästhetik. Vier von fünf Atomreaktoren der Schweiz machen ihr Cool-down mit Wasser aus der Aare. In den 70er Jahren hatte die Antiatombewegung Peter politisiert. Jetzt rennt er voll Power daran vorbei und weiß, in Mühleberg ist 2019 Schluss. Nach Fukushima gibt die Schweiz den letzten KKW noch eine Frist bis 2034. Mehr Perspektive haben die rund 30 Flusskraftwerke und Stauseen am Weg. Da und dort stauen auch Biberburgen den Lauf des Wassers. An den Altwasserläufen stehen überall diese tief eingekerbten Bäume. Den Nagern gefällt’s hier gut. Was eigentlich macht ein Biber den ganzen Tag? Schlafen, schwimmen, nagen? Und ich, warum renn ich?

Prägt der Fluss die Berner Mentalität?

Vor Bern verwirrt mich der Lauf der Aare. Sie mäandriert in engen Bögen, verneigt sich vor der historischen Altstadt und fließt in aller Ruhe ab. Sie fand es hier nie nötig, eine klare Linie zu fahren. Bern steht für Schweizer Politik. Ihre Bewohner gelten als «gemächlich». Prägt ein Fluss Mentalitäten? Machen das Berge oder Meere? Ich hänge geophilosophischen Gedanken nach und blicke rennend vom Mattequartier hoch auf diese einzigartige Altstadt. Ein Unesco-Weltkulturerbe. Irgendwie sympathisch, wie hier dem Wappentier «Bär» in einem großen Naturpark der direkte Zugang zur Aare gewährt wird. Ich verzichte im April auf ein Bad und schlage auf den nächsten paar Kilometern stadtauswärts eine höhere Pace an. Schnell laufen kann richtig Spaß machen und auf dem Weg nach Thun ist es überwiegend flach. Ein paar Wochen später komme ich zurück nach Bern zum Stadtlauf, zu den wohl schönsten 10 Stadtmeilen überhaupt. Die Rennstrecke am Fluss kenne ich nun und ich renn zum Schluss den Bär im Nacken fühlend den steilen Aargauerstalden hoch ins Ziel.

Gletscherwasserspaß: die letzten Meter im Eiswasser der Aare

Bild: privat

Gletscherwasserspaß: Auf den letzten Metern vergnügt sich Helmut Bühler im Eiswasser der Aare.

Bei Meiringen beginnt die Aare zu rocken

Nach Bern bleibt’s aareaufwärts noch lange gemütlich. Entlang des Thunersees und Brienzersees ist alles flach. Eiger, Mönch und Jungfrau, die bekanntesten Berner Oberländer Gipfel, lass ich rechts liegen für die Asiaten in Interlaken. Und dann endlich beginnt die Aare zu rocken. Bei Meiringen hat sie vor ein paar tausend Jahren einen Kalkriegel durchstoßen und eine 200 Meter tiefe Schlucht gekerbt. Ich renn jubelnd auf schmalen Holzwegen da durch, atme feuchte Luft, blinzle in den steil fallenden Lichtstrahl. Tief im Fels stoße ich – ganz Schweiz – auf einen Alphornbläser. Ja, solche Menschen und Töne haben in den Bergen überlebt.

Endlich Höhenmeter

Das Finale ab Guttannen bis hoch zum Gletscher kann ich kaum erwarten. Endlich Höhenmeter. Inzwischen ist Sommer und kein Restschnee mehr da. Die Aare wirkt hier oben jugendlich-rebellisch. Bei Hochwasser führt sie Geröll, Bäume und räumt Brücken weg. Nun werde ich zum Bergläufer, der jugendlicher Sprunghaftigkeit widersteht und den eigenen Rhythmus rennt. Steter Schritt bringt mich hoch. Auf einem spitzkehrigen Single-Trail versuche ich auch die steilsten Abschnitte zu rennen. An der Flanke zur Grimselstaumauer geht das nicht mehr. Ich laufe hier kurz mal gegen die Wand.

Blick auf ewiges Eis im Abendrot

Auf 2’500 Meter beziehen wir im Berghaus Oberaar Nachtlager. Der Blick auf ewiges Eis und den vorgelagerten See im Abendrot ist umwerfend, die Wirtin unterhaltsam. Im Winter überlässt sie ihr Haus dem Schnee und den Mäusen. Damit diese es behaglich haben, stellt sie die Heizung auf Frostschutz und versteckt ein paar gefüllte Futternäpfe. Ziemlich nett. Bei ihr ist auch uns wohl.

Der Mündungsstein kommt zur Quelle

Auf den letzten Kilometern fliegen wir über geschliffenen Fels hinauf zum Oberaargletschertor. Ein ziemlich fettes Murmeltier pfeift uns den Weg. Für die letzten Meter steig ich barfuß ins kalte Wasser unter den Eistürmen. Dramatisch inszenieren wir den Wurf des Mündungssteins ins Gletschertor. Er beginnt seine Reise nochmals. Und wir beenden unser sportliches Naturereignis am Ursprung.

Darum!Im Zug heimwärts abermals die Frage: Warum renn ich? Bilder von 12 Etappen streamen durch meinen Kopf. Die Natur, die Aare. Ich habe sie begleitet von unten nach oben und ein wenig verstanden. Darum.