Leichtathletik-EM Berlin 2018

Koen Naert überraschend Europameister

Die Marathon-EM der Männer in Berlin war für die Athleten ein einziges Hitzerennen. Tom Gröschel wurde bester Deutscher.

EM Marathon Männer 2018 - Die Bilder
Die Strecke führte unmittelbar an der Siegessäule vorbei.

Die Hitze-Helden trotzten den hohen Temperaturen.

Bild: Norbert Wilhelmi

Der Belgier Koen Naert hat überraschend den Marathon bei den Europameisterschaften in Berlin gewonnen. Der 28-Jährige gehörte nicht zu den großen Favoriten, setzte sich aber in einem Hitzerennen mit 2:09:51 Stunden klar durch. Damit stellte Koen Naert sogar einen Europameisterschafts-Rekord auf. Die Silbermedaille gewann der Schweizer Tadesse Abraham mit 2:11:24, Dritter wurde Yassine Rachik (Italien) in 2:12:09. Als Vierter erreichte der Spanier Javier Guerra nach 2:12:22 das Ziel an der Kaiser Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in der westlichen Innenstadt. Bei dem sehr warmem Wetter in Berlin mit Temperaturen von über 20 Grad im Schatten gab es auch in der deutschen Reihenfolge eine Überraschung: Schnellster nationaler Läufer war Tom Gröschel (TC Fiko Rostock), der einen sehr guten elften Platz in 2:15:48 belegte.

Die hohen Temperaturen zwangen eine Handvoll Läufer zum Aufgeben

Unter zahlreichen Läufern, die bei den schweren Bedingungen nicht ins Ziel kamen, waren auch der norwegische Europa-Rekordler Sondre Moen und der vermeintlich stärkste deutsche Läufer Philipp Pflieger (LG Telis Finanz Regensburg).

In der Europacup-Teamwertung – hier werden die Zeiten der jeweils drei besten Läufer eines Landes zusammengerechnet – siegte Italien vor Spanien. Die Bronzemedaille ging überraschend an das Team aus Österreich, das die Schweizer auf Platz vier verwies. Deutschlands Mannschaft belegte Rang sieben und platzierte sich damit im Mittelfeld.

Sieben Läufer formierten die erste Gruppe an der Halbmarathonmarke, die nach 65:54 Minuten passiert wurde. Nicht mehr ganz vorne dabei war zu diesem Zeitpunkt mit Sondre Moen einer der Topfavoriten auf den EM-Titel. Der Norweger rannte in einer zweiten Gruppe mit zehn Sekunden Rückstand. Er kam zwar noch einmal kurz an die Spitzengruppe heran, ging dann aber nach der 25-km-Marke aus dem Rennen. Nun musste der aus Eritrea stammende Schweizer Tadesse Abraham als Favorit gelten. Und an ihm orientierten sich die anderen Läufer auf dem nächsten 5-km-Abschnitt. Bei Kilometer 30 führten Abraham, Naert, Rachik, Guerra und sein spanischer Landsmann Jesus Espana sowie der Holländer Abdi Nageeye, der jedoch nicht ins Ziel kommen sollte, das Feld an.

Für runnersworld.de waren die Fotografen Norbert Wilhemi und Thomas Sobczak bei der Leichtathletik-EM in Berlin 2018 vor Ort. Die schönsten Impressionen vom Marathon finden Sie in der Bildergalerie ober- und unterhalb dieses Artikels.

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Unmittelbar danach fiel eine erste Vorentscheidung, denn die späteren Medaillengewinner Naert, Abraham und Rachik setzten sich etwas ab. Nun war es überraschend der Belgier, der das Tempo bestimmte. Zehn Kilometer vor dem Ziel löste sich Naert, der mit einer Bestzeit von 2:10:16 ins Rennen gegangen war, zuvor noch nie einen Marathon gewonnen hatte und auch nicht eine Platzierung unter den Top drei erreicht hatte. Er konnte schnell einen recht deutlichen Vorsprung herauslaufen und führte bei Kilometer 35 bereits mit 29 Sekunden vor Abraham und Rachik. Koen Naert zeigte keine Schwäche und gewann am Ende souverän. Mit 2:09:51 Stunden erzielte der Belgier die erste Zeit in der EM-Geschichte unter 2:10 Stunden. Bisher hatte der Spanier Martin Fiz den EM-Rekord gehalten. Er hatte 1994 in Helsinki mit 2:10:31 gewonnen.

Koen Naert im Gold-Taumel

„Es ist unglaublich, ich kann es noch nicht so recht begreifen. Ich wusste, dass ich heute geduldig sein musste. Deswegen habe ich auf den richtigen Augenblick gewartet, um mich abzusetzen. Ich habe mich sehr stark gefühlt und wusste, dass ich eine Medaille gewinnen könnte - aber ich hätte nie gedacht, dass es Gold werden würde“, sagte Koen Naert, der als gebürtiger Europäer dieses Marathonrennen gewann. Hinter ihm folgten mit Tadesse Abraham und Yassine Rachik zwei Läufer, die aus Afrika stammen.

Am Tag seines 36. Geburtstages erfüllte sich für Tadesse Abraham zwar der Traum vom Marathon-EM-Sieg nicht, doch der Schweizer freute sich auch über die Silbermedaille: „Der Belgier war stärker als ich, daher konnte ich nicht mithalten. Ich wollte Gold, aber ich bin dennoch zufrieden - jeder will schließlich gewinnen. Diese Silbermedaille ist mein eigenes Geburtstagsgeschenk“, sagte Tadesse Abraham.

Unter den Top-Ten waren am Sonntag Vormittag überraschend auch zwei Österreicher: Der aus Äthiopien stammende Lemawork Ketema lief lange Zeit ganz vorne mit und wurde schließlich Achter mit 2:13:22. Nur zwei Plätze hinter ihm wurde Peter Herzog in 2:15:29 Zehnter. Zusammen mit Christian Steinhammer (Platz 41 in 2:20:40) reichte das für die Team-Bronzemedaille.

Nach dem Ausfall von Philipp Pflieger war eine vordere Team-Platzierung für die deutsche Mannschaft nicht mehr möglich. Längere Zeit war er mit einem nicht allzu großen Abstand hinter den führenden Athleten gelaufen. Während die Spitzengruppe den Halbmarathonpunkt nach 65:54 Minuten erreichte, lag Pflieger zu diesem Zeitpunkt als bester Deutscher auf Platz 21 mit einer Zwischenzeit von 66:40. Doch rund zehn Kilometer vor dem Ziel ging er überraschend aus dem Rennen - offenbar mit Problemen im linken Bein.

Auch wenn Philipp Pflieger sein Tempo bei 30 km hätte weiterlaufen können, wäre er nicht unbedingt als bester Deutscher ins Ziel gekommen. Denn Tom Gröschel lief ein ausgezeichnetes Rennen und hatte den Abstand auf seinen nationalen Konkurrenten bei 31 km bereits auf 30 Sekunden reduziert. Wie schon bei seinem überraschenden Sieg bei den Deutschen Meisterschaften in Düsseldorf hat sich Tom Gröschel das Rennen sehr gut eingeteilt und in der zweiten Hälfte viele Plätze gut gemacht. Lag er bei Kilometer 25 noch auf Platz 30 war er bei 30 km bereits 20. Weitere fünf Kilometer später passierte er die 35-km-Marke auf Rang 13. Der elfte EM-Platz im zweiten Marathon seiner Karriere ist eine sehr starke Leistung, die Hoffnung macht für die Zukunft. „Ich bin total zufrieden, es war die richtige Taktik. Auf der Startliste war ich unter den Top-30 mit meiner Zeit von Düsseldorf, nun bin ich Elfter! Das ist ein Riesenergebnis für mich“, sagte Tom Gröschel. „Mit der Zeit habe ich mich beim DLV für die Nominierung bedankt, weil ich gezeigt habe, dass ich es draufhabe.“

Jonas Koller (LG Telis Finanz Regensburg/Platz 28 in 2:19:16), Sebastian Reinwand (ART Düsseldorf/Platz 33 in 2:19:46) und Philipp Baar (ART Düsseldorf/Platz 38 in 2:19:59) blieben im Rahmen der Erwartungen. Als 46. war Marcus Schöfisch (lauftraining.com) nach 2:22:57 im Ziel, nachdem er im letzten Teil eingebrochen war.

Ergebnisse:

1. Koen Naert BEL 2:09:51
2. Tadesse Abraham SUI 2:11:24
3. Yassine Rachik ITA 2:12:09
4. Javier Guerra ESP 2:12:22
5. Eyob Ghebrehiwet Faniel ITA 2:12:43
6. Jesus Espana ESP 2:12:58
7. Maru Teferi ISR 2:13:00
8. Lemawork Ketema AUT 2:13:22
9. Tiidrek Nurme EST 2:15:16
10. Peter Herzog AUT 2:15:29
11. Tom Gröschel GER 2:15:48
28. Jonas Koller GER 2:19:16
33. Sebastian Reinwand GER 2:19:46
38. Philipp Baar GER 2:19:59
46. Marcus Schöfisch GER 2:22:57

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