Ultra Mirage El Djerid 2018

130 Läufer gegen einen Salzsee

Ein neuer Ultramarathon in der Sahara führt durch den Chott El Djerid, einen Salzsee voller Fata Morganas. 90 Läufer sind ins Ziel gekommen.

Ultra Mirage 2018

In der endlosen Weite des Chott El Djerid entstehen trügerische Luftspiegelungen.

Bild: Ian Corless

Mitten in der flirrenden Hitze der Sahara weht eine Girlande aus schwarz-gelben Fähnchen. Verschwommen tauchen Zelte zwischen den Dünen auf. Sie sind ausgelegt mit bunten Teppichen, im Schatten kleiner Pavillons stehen Tische mit Bananen, Datteln und Wasserflaschen. Eine Fata Morgana? Fast. Es ist der Startbereich des Ultra Mirage El Djerid. Der 100-Kilometer-Ultramarathon findet in diesem Jahr erst zum zweiten Mal statt. Mirage, das ist das französische Wort für Fata Morgana. Und der namensgebende Chott El Djerid ist ein riesiger Salzsee mit einer scheinbar endlosen glitzernden Oberfläche. Bekannt für seine trügerischen Luftspiegelungen hat der Chott angeblich schon ganze Karawanen verschlungen. Heute wird ihn eine Karawande der etwas anderen Art durchqueren. Die 130 Ultra-Mirage-Teilnehmer tummeln sich jetzt, wenige Minuten vor dem Start noch munter zwischen den Zelten, überprüfen ihre Ausrüstung und schießen Selfies.

„Ihr werdet heute leiden“

Amir Ben Gacem, Organisator des Rennens, steigt auf das Dach eines Jeeps. Sofort wenden sich alle Köpfe dem jugendlich aussehenden Tunesier zu, der eine verspiegelte Sonnenbrille trägt und die Hände an den Mund legt. „Ihr werdet heute leiden“, ruft er den Läufern zu. „Aber denkt dran: Am Ende wird es sich lohnen. Ich wünsche euch allen ein tolles Rennen!“ Amir strahlt nicht nur die Vorfreude eines erfahrenen Wüstenläufers aus, sondern auch den Idealismus einer jungen tunesischen Generation. Mit dem Ultra Mirage, den er erst im letzten Jahr ins Leben gerufen hat, will er das Land in ein neues Licht rücken – in der Laufszene, aber auch darüber hinaus. So ist es beispielsweise ist der erste Lauf in der arabischen Welt, bei dem Männer und Frauen die gleiche Siegprämie bekommen.

Ein Zeichen für Gleichberechtigung in der arabischen Welt

„So etwas kann ein Zeichen für mehr Gleichberechtigung sein“, sagt Chefia Hendaoui, während sie ein letztes Mal ihren Rucksack abklopft. Sie ist eine von 12 tunesischen Starterinnen und 30 Frauen insgesamt. „Tunesien ist in vielerlei Hinsicht noch ein sehr männlich dominiertes Land“, erzählt sie. „In Tunis, wo ich herkomme, ist es keine große Sache, alleine als Frau laufen zu gehen, aber auf dem Land sieht das anders aus.“ Sie winkt noch einmal, bevor sie sich an der Startlinie einreiht und mit den anderen Läufern laut die Sekunden bis zum Start herunterzählt.

Teilnehmer und Helfer lernen die Wüste kennen

Das Tempo beim Start ist der Streckenlänge entsprechend moderat. Der Hobbyläufer, der die Tunesien-Flagge als Superhelden-Umhang trägt ist nur wenige Meter hinter den El -Morabity-Brüdern aus Marokko, die echte Superstars der Wüstenlaufszene sind. Spätestens bei Kilometer 20, dem ersten Checkpoint, ist das Feld aber bereits weit auseinandergezogen. Dort steht Meryam im Schatten eines Zeltes und hält den ankommenden Läufern Wasserflaschen und Dattel-Riegel hin. Die 20-jährige mit den langen braunen Haaren und der runden Brille ist Studentin in der Hauptstadt und hilft als Freiwillige beim Ultra Mirage. „Es macht Spaß hier mit so vielen Leuten zu sein. Ich war noch nie in der Gegend“, freut sie sich. Sie studiert Medien und Kommunikation und träumt von einer Karriere bei einem Radio oder Fernsehsender.

Da schaut das Dromedar nicht schlecht: Mitten in der Wüste kommt ihm ein Läufer entgegen.

Bild: Ian Corless

Instagram und Ziegenhirten: Ein Lauf der Kontraste

Beobachtet man sie und die anderen „Volunteers“, genauso wie das Organisationsteam um Amir, fällt auf, wie westlich alles ist. Funktionskleidung, Fitnessarmband, Instagram – ein harter Kontrast zu den einfachen Sandrosen-Händlern, den Ziegenhirten und Dromedar-Besitzern, die die Läufer-Karawane skeptisch mustern. Man darf sich nichts vormachen: Ein Event wie dieses richtet sich an eine privilegierte Zielgruppe. Kaum ein Bewohner der staubigen Straßen von Tozeur und Nefta, den nächstgelegenen Orten, dürfte sich für den Ultra Mirage interessieren – und wenn, dann nur aus Ungläubigkeit darüber, wie man freiwillig auf die Idee kommen kann, 100 Kilometer am Stück durch die Wüste zu laufen.

Feiner Sand und echte Oasen

Die führenden Läufer sind mittlerweile bei Kilometer 45 angekommen. Seit gut vier Stunden sind sie in der brütenden Mittagshitze unterwegs. Der Weg führt nicht mehr über die harte Salzkruste des Chotts, sondern durch feinen Sand – doppelt so kräftezehrend. Zur Linken breitet sich kleiner Wüstensee aus, umgeben von Gräsern und hohem Schilf. Grillen zirpen. Aber kaum ein Läufer hat Augen oder Ohren für diese Mini-Oase. Die Gesichter sind ernst, die Blicke fokussiert, denn langsam beginnt der wirklich harte Teil des Rennens. Obwohl der Ultra Mirage mit seinem Zeitlimit von 20 Stunden nicht nur von Profi-Wüstenläufern zu schaffen ist, zehrt die Mittagshitze je mehr an den Kräften, je länger man unterwegs ist.

Ein Norweger in der Wüste

Sondre Amdahl aus Norwegen kommt vorbeigelaufen, die langen blonden Haare hängen ihm strähnig im Nacken, sein Gesicht ist verzerrt. „Das ist so weit weg von meinem natürlichen Terrain, wie es nur geht,“ wird er später sagen. Zurechtgekommen ist der nordische Bergläufer mit den tunesischen Bedingungen aber scheinbar ganz gut, denn er wird Gesamt-Zweiter.

„Ich würde niemandem raten, so etwas zu machen“

90 der 130 Starter schaffen es schließlich ins Ziel des Ultra Mirage. 40 geben auf. Das spricht für ein ziemlich hartes Rennen. Rachid El Morabity gewinnt schließlich in neun Stunden und elf Minuten und kann sich nach dem Überqueren der Ziellinie nur mit Hilfe von Amir, der ihm die Medaille um den Hals gehängt hat, auf den Beinen halten. Eine gute Stunde sinkt die Schwedin Elisabeth Barnes auf einen Plastikstuhl und keucht: „Ich würde niemandem raten, so etwas zu machen.“ Sie zuckt kurz, als ein Mediziner die offenen Blasen an ihren Füßen desinfiziert. Als erste Frau kann sie allerdings immerhin mit 3.000 Euro nach Hause reisen.

Ultra Mirage 2018

Bild: Ian Corless

Völlig entkräftet wird Sieger Rachid El Morabity nach gut neun Stunden im Ziel von Organisator Amir empfangen.

Für Wüstenläufer lohnen sich die Strapazen

„Der Ultra Mirage war hart“, resümiert Amir am nächsten Tag bei der Siegerehrung unter den Palmen des Läufer-Hotels in Tozeur. „Aber alles im Leben ist hart. Die echte Frage ist: Ist es das wert?“ Ein Nicken geht durch die versammelten Läufer und Helfer. Für sie haben sich die Strapazen und das Leiden gelohnt. Weil sie über sich hinausgewachsen sind, weil sie von sich behaupten können, zu Fuß durch die Sahara gelaufen zu sein, weil sie vier Qualifikationspunkte für noch härtere Rennen gesammelt haben oder weil sie jetzt neben neuen Freunden sitzen. Und während draußen der Muezzin zum Gebet ruft und die Straßenhunde bellen, machen sich die stolzen Läufer in ihren Finisher-Shirts auf den Weg zur Bar, wo angestoßen wird. Aber nur mit ganz langsamen und vorsichtigen Schritten auf den geschundenen Füßen.

Was für ein Land ist Tunesien?

Tunesien gilt in vielerlei Hinsicht als Vorzeigeland im arabisch-nordafrikanischen Raum. 2011 breitete sich von hier der „Arabische Frühling“ aus, danach hat das ehemalige französische Protektorat den Sprung zur Demokratie geschafft. Die elf Millionen Einwohner leben von Industrie, Tourismus und Landwirtschaft, denn Tunesien ist ein großer Dattel- und Olivenölproduzent. Arbeitslosigkeit – besonders auf dem Land und unter den gut ausgebildeten Jugendlichen – ist trotzdem noch ein großes Problem. Pro Jahr kommen etwa fünf Millionen Touristen in die Hauptstadt Tunis, die Badeorte an der Mittelmeerküste und die vielen historischen Altstädte. Die 3.000 Jahre alte Kulturgeschichte des Landes verbindet europäische, nordafrikanische und arabische Einflüsse, was die tunesische Kultur von denen anderer arabischer Nationen unterscheidet.


Steckbrief Ultra Mirage El Djerid
Länge: 100 Kilometer
Erste Ausgabe: 2017 (60 Teilnehmer)
Austragungsform: Eine Etappe, Rundkurs
Zeitlimit: 20 Stunden
ITRA-Punkte: 4
Ort: Sahara im Südwesten Tunesiens, Nähe Tozeur
Strecken-Highlights: Start an der Star-Wars-Filmkulisse Mos Espa, Querung des Salzsees Chott El Djerid, grüne Oasen, freilaufende Dromedare
Termin 2019: Wird noch angekündigt
Mehr Infos: www.ultramirage.com