Interview zum Ragnar Relay Wattenmeer

"Ragnarians sind eine eingeschworene Gemeinschaft"

Karsten Schölermann ist Mit-Organisator des ersten Ragnar Relays in Deutschland. Wir haben ihn zu den Hintergründen und der Organisation des Staffellauf befragt.

Ragnar Relay White Cliffs 2017
Karsten Schölermann

Karsten Schölermann gehört zu den alten Hasen der Hamburger Laufszene. Hier am Rande des Hella Halbmarathons Hamburg vor dem Start der Skater.

Bild: privat

Karsten Schölermann von der BMS Sportveranstaltungs GbR ist Mitorganisator des in diesem Jahr erstmals in Deutschland stattfindenden Ragnar Relay Wattenmeer. Das Ragnar Relay ist ein Staffelevent, das sich in den USA bereits größter Beliebtheit erfreut und sich von dort aus global ausbreitet. In den USA finden jährlich mehr als ein Dutzend Ragnar Relays statt, im letzten Jahr gab es das erste europäische in England.

RUNNER’S WORLD: Hallo Herr Schölermann, wie sieht der aktuelle Anmeldestand für das Ragnar Relay aus? Sind noch Anmeldungen für interessierte Teams möglich?
Karsten Schölermann:
Klar, wir haben noch Startplätze frei. Bisher haben sich über 90 Teams für die Veranstaltung angemeldet. Wir waren überrascht, dass sich schon innerhalb kürzester Zeit über 30 Teams angemeldet haben. Wir erklären uns das damit, dass es auch hier in Deutschland eine Ragnar-Community geben muss. Gerade durch die Leute, die schon einmal an einem Ragnar Relay teilgenommen haben, hat das Ragnar Relay eine riesige Strahlkraft entwickelt. Kurios war für uns auch, dass bei der ersten Pressekonferenz zum Ragnar Relay vier der sechs Anwesenden bereits selbst am Ragnar Relay teilgenommen hatten, womit wir vorher überhaupt nicht gerechnet hatten.

Sind Sie damit zufrieden?
Ich denke, dass wir bisher sehr zufrieden sein können. Das Ragnar Relay ist für uns ein Pilotprojekt, das wir in diesem Jahr zum ersten Mal angehen. Eine ähnliche oder vergleichbare Veranstaltung hier in Deutschland ist der Lauf zwischen den Meeren zwischen Husum und Dump, der jetzt seit knapp 15 Jahren stattfindet und mittlerweile jedes Jahr restlos ausverkauft ist. Wir waren beim Ragnar Relay zuerst etwas über die Höhe des angesetzten Meldegelds schockiert. Gleichzeitig waren wir aber auch erstaunt, dass es an der Stelle kaum Kritik von Seiten der Teilnehmer gab. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass die Teilnehmer eines Laufes ohne mit der Wimper zu zucken einfach mal über 1.000 Euro (Anm. der Red.: pro Team á 10 Läufern) für die Teilnahme an einer Laufveranstaltung bezahlen. Wir als Veranstalter gingen davon aus, dass wir das viel mehr hätten erklären müssen. Für die meisten Teilnehmer steht bei der Veranstaltung wohl eher der Freizeitwert des Laufs und der Teambuilding-Charakter im Vordergrund als der zu zahlende Betrag. Sie definieren den "Wert" eines Laufes nicht über den Preis pro Kilometer, sondern vielmehr über den Freizeitwert und das Erlebnis.

Wieso wurde gerade die norddeutsche Strecke für das Ragnar Relay ausgewählt?
Ragnar ist ja ein Phänomen, das ursprünglich aus den USA stammt. Tanner Bell, einer der Gründer des Ragnar Relay, hat die Veranstaltung zu einer Marke entwickelt, die wie ein Franchise funktioniert: Es gibt ein lizenziertes Logo, das Image der Veranstaltung wurde sehr gut aufgebaut. Die Amerikaner haben sich dann im vergangenen Jahr sehr bewusst dazu entschieden, den Lauf nach Europa zu verlagern. Das erste Rennen fand im vergangenen Jahr in England statt, was vermutlich an der gemeinsamen Muttersprache lag. Dann war sehr schnell klar, dass Deutschland der zweite Standort in diesem Jahr und Schweden Austragungsort 2019 sein würde. Letztendlich haben sich die Amerikaner dann für die Nordseeküste entschieden. Der Grund dafür war, dass das Wattenmeer als Weltnaturerbe von der UNESCO anerkannt ist und auch international ein großes Ansehen genießt.

Schölermann im Rahmen einer Veranstaltung am Mikro.

Bild: privat

Wie sah die Streckenfestlegung konkret aus? Sind Sie alles abgelaufen oder einfach mit dem Fahrrad abgefahren?
Bei der Streckenfestlegung haben sich die amerikanischen Gründer und sein Team über die Landkarte gebeugt und die benötigte Strecke nach mehreren Kriterien ausgewählt.Im Vordergrund stand dabei vor allem das Naturerlebnis. Was aber auch nicht vernachlässigbar ist und unbedingt berücksichtigt werden musste ist, dass es auf der Strecke und an den Wechselpunkten Parkmöglichkeiten geben muss, um einfach mal 100 bis 150 Fahrzeuge kurzfristig abstellen zu können. Dazu haben die Amerikaner hier in Deutschland ein paar Wochen verbracht, sind durch die Gegend gefahren und haben nach passenden Parkmöglichkeiten Ausschau gehalten und diese in Tabellen genau festgehalten. Letztendlich haben sie sich dann für die Nordseeküste entschieden.

Was sind aus Ihrer Sicht die Streckenhighlights?
Beeindruckende Momente gibt es auf der 250 Kilometer langen Strecke viele. Gerade die Salzwiesenlandschaft bei Friedrichskroog am Wattenmeer, die die Teams in den frühen Morgenstunden passieren werden, ist schon ein echtes Highlight. Diese Augenblicke mit dem Wechsel der Tageszeiten, wie Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, finstere Nacht oder der Startschuss in Hamburg sind Erfahrungen, die für viele Teilnehmer neu und spannend sein werden. In Hamburg werden die ersten vier Läufer die schönsten Laufstrecken, die die Stadt zu bieten hat, also Außenalster, alter Elbtunnel sowie der Weg nach Blankenese und Wedel am Elblauf entlang, schon einmal ablaufen. Für jemanden, der nicht aus Hamburg kommt, ist das sicherlich sehr beeindruckend und auch eine tolle Werbung für die Stadt.

Gerade die Strecken ab Wedel entlang der Elbe werden für die meisten Läufer dann auch eher neu sein und bieten dem Läufer ein wirklich tolles Naturerlebnis. Auf der Elbe sind sehr viele große Containerschiffe unterwegs und die Teilnehmer laufen an der Elbe entlang in Richtung der untergehenden Sonne. Ein weiteres Highlight ist für mich auch der Wechselpunkt am Nord-Ostsee-Kanal in Brunsbüttel. Die Teams kommen dort auf einer Seite des Kanals an und auf der anderen Seite des Kanals bekommt das nächste Teammitglied das Signal, loszulaufen. Toll sind aber auch natürlich die Stelzenhäuser am Zielort St. Peter-Ording.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Streckenplanung?
Die Beschilderung war mit Sicherheit die größte Herausforderung bei der Streckenpräparierung. Man muss sich vorstellen, dass wir am Vortag des Laufes ein Team losschicken, das die Strecke präpariert. Am Veranstaltungstag müssen dann drei bis sechs Stunden vor dem Lauf die Schilder rausgebracht werden. Auf jedem Kilometer oder alle 500 Meter muss ein Schild stehen, das dem Läufer den Weg weist und für die Nacht mit einem Blinklicht ausgestattet ist. Drei Teams sind dann einen Tag vor der Veranstaltung und am Veranstaltungstag selbst für jeweils einen Streckenabschnitt zuständig.

Gleichzeitig ist das Aufstellen der Schilder recht problematisch, da man die Schilder für die Läufer so aufstellen muss, dass Sie gesehen, aber gleichzeitig auch nicht geklaut werden. Bei dem gängigen Tagesbetrieb an der Außenalster beispielsweise liegt die Wahrscheinlichkeit bei praktisch 100 Prozent, dass die Schilder nachher nicht mehr da stehen, wo sie stehen sollen. Die Eingreiftrupps müssen dann das entsprechende Schild möglichst schnell wiederfinden und an dem entsprechenden Punkt wieder aufstellen. Das zweite große Problem sind wie bereits erläutert die Parkplätze. Es ist nicht selbstverständlich, dass überall Parkmöglichkeiten für 100 bis 150 Fahrzeuge vorhanden sind, die auch kurzfristig belegt werden können. Eine weitere Aufgabe ist es, die Läufergruppen richtig einzuteilen. Die schnellen Teams, die im Schnitt 50 Minuten auf 10 Kilometer laufen, müssen deutlich später starten als die langsamen Läufer, ansonsten erreichen dann einige schnelle Teams viel zu früh das Ziel in St.Peter-Ording und dort ist noch nichts aufgebaut. Daher starten die Teams in Wellen mit ausreichend Zeitabständen. Es ist wichtig, die Läufergruppen einigermaßen beieinander zu halten.

Ragnar Relay White Cliffs 2017

Wie lange dauert denn die komplette Vorbereitung des Rennens von der Idee bis zum Lauf?

Derzeit befindet sich unser Team ja noch mitten in der Vorbereitung, das Ragnar Relay findet ja auch erst in einem halben Jahr statt. Wir stehen im wöchentlichen Austausch mit den amerikanischen Gründern und besprechen uns mit denen. Die Vorlaufphase bei einem Rennen wie dem Ragnar Relay beträgt in etwa ein Jahr, aber bei praktisch allen Rennen hat man ein Jahr Zeit für die Organisation. Wenn man die Organisation in verschiedene Phasen unterteilt, dann ist die erste Planungsphase die Theorie also wo soll die Strecke verlaufen, man muss die Gegenden abfahren, Parkplätze scannen usw. Die Planungsphase, die danach kommt, sind die Voranfragen. Dort steht man in der Regel im telefonischen Kontakt mit den Behörden und prüft gemeinsam die Realisierbarkeit und Umsetzung des Vorhabens.

In der dritten Planungsphase müssen Erlaubnisse bei den zuständigen Behörden der jeweiligen Gemeinden eingeholt werden und das Maß der Erlaubnisse muss festgestellt werden, also was darf wann für wie lange gemacht, gesperrt beziehungsweise belegt werden. Der vierte Schritt ist dann die Streckenfestlegung. Gleichzeitig müssen wir uns um das Sponsoring und das Marketing des Events kümmern, also nach möglichen Kooperationspartnern schauen und uns überlegen, wie wir die Leute erreichen. Die Schlussphase ist dann die Praxis, wo wir uns überlegen, was wo aufgebaut werden soll, welche Teams welche Aufgaben bei der Umsetzung bekommen. Zur Praxisphase gehört auch noch die Materialbeschaffung sowie die Helferaquise. Das ist super wichtig, da ja alle 30 Wechselpunkte mit Helfern ausgestattet werden müssen, dazu holt man sich am besten Helfer vor Ort von der freiwilligen Feuerwehr oder den ansässigen Sportvereinen. Dazu stehen wir ständig mit den Gemeinden vor Ort in Kontakt.

Sie sind ja bereits selbst bei einem Ragnar Relay mitgelaufen. Was hat Sie am meisten daran fasziniert?

Für mich war es unverzichtbar selbst am Ragnar Relay teilzunehmen, da sich mir dadurch erst wirklich die Faszination dieses Laufes erschlossen hat. Wir wurden ja erst im Kontakt mit den amerikanischen Gründern als Dienstleister angefragt. Mein Team und ich wollten aber nicht nur Dienstleister, sondern wenn schon Mitveranstalter sein. Ich wollte mir das Rennen dann mal selber anschauen und wurde dann im vergangenen Jahr nach England zum ersten europäischen Ragnar Relay eingeladen.

Viele Dinge, die ich mir vorher nicht vorstellen konnte wurden mir dann ganz schnell klar. Während der im Schnitt 36 Stunden, in denen man mit seinem Team unterwegs ist, tritt praktisch zwingend ein Natur- und Teambuilding-Erlebnis ein, vor allem auch durch die Übermüdung und die lange Veranstaltungsdauer. Wenn man in einem Bulli die ganze Zeit aufeinanderhockt, redet man zwangsläufig viel miteinander und lernt die Leute in kürzester Zeit sehr intensiv kennen. Dadurch entwickelt sich sehr bald ein Wir-Gefühl und das Team wächst zusammen. Ich denke, die Faszination des Events lässt sich einem erst erschließen, wenn man selber einmal teilgenommen hat. Dann wird man zum Ragnarian, das ist ja schon so eine Art Glaubensgemeinschaft. Man kann halt nicht mitreden, wenn man selber nicht mitgemacht hat.

Die Streckenabschnitte des Ragnar Relays sind ja auch nicht zufällig ausgewählt, sondern man bemüht sich, schöne Streckenabschnitte aneinanderzupacken, die ein hervorragendes Naturerlebnis sowie Teambuilding bieten. Diese Energie, die man zuvor in die Organisation gesteckt hat, wird in den Teams zu etwas Spirituellem, das sich in jedem Team dann wieder neu zusammensetzt. Das ist eines dieser Phänomene, die sich allgemein nur sehr schwer erklären lassen. Wenn man an einem Marathon teilnimmt, verteilt sich die euphorisierende Erfahrung des Laufes auf eine Zeit zwischen zwei und vier Stunden – beim Ragnar ist man mit seinem Team knapp 36 Stunden unterwegs. Der Athlet beginnt beim Ragnar euphorisiert und fährt auch wieder euphorisiert nachhause. Die Erfahrung, sich mit sich selber beschäftigen zu müssen, die eigenen Grenzen zu überwinden, begrenzen sich nicht auf wenige Stunden, sondern werden plötzlich zu einem Wochenenderlebnis. Das ist für mich der zweite Punkt, der die Faszination des Ragnar ausmacht. Man kommt als Teilnehmer aus seinem Wochenende, ist total fertig und platt und hat da etwas erlebt, dass noch sehr lange in den Köpfen der Teilnehmer bleiben wird.

Werden Sie auch selber am Ragnar Relay Wattenmeer teilnehmen?

Nein, das geht leider nicht. Wir tragen ja eine gewisse Fürsorgepflicht für die Teilnehmer und agieren im Hintergrund, um für einen möglichst reibungslosen Ablauf zu sorgen. Wir bieten während des Events eine Hotline für die Teilnehmer an, wo sie sich melden können, wenn sie sich verlaufen haben. Außerdem stellen wir Eingreifteams, die im Auto unterwegs sind und jederzeit aktiv werden, wenn mal ein Schild nicht richtig steht oder sich jemand verletzen sollte. Die Sorgfaltspflicht ist mit die größte Verantwortung, sodass auch wir als Veranstalter nicht viel schlafen werden und immer ganz nah am Geschehen sein werden.

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