Alex Hutchinsons Lauflabor

Sechs Warnsignale für Stressfrakturen bei Läuferinnen

Diese sechs Risikofaktoren können bei Läuferinnen überraschend genau Knochenbrüche vorhersagen.

Stadtlauf Darmstadt

Läuferinnen beim Stadtlauf in Darmstadt.

Bild: Tomas Ortiz Fernandez

Wenn man sich nicht seinem Trainingsaufwand entsprechend ernährt, löst man eine Reihe von gesundheitlichen Problemen aus. Dazu gehören geschwächte Knochenstrukturen, die anfälliger für Stressfrakturen machen.

Jeder weiß das - in der Theorie zumindest. Aber es kann schwierig sein, motivierte Läufer davon zu überzeugen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen ausreichender Nahrungsaufnahme und Trainingserfolg sowie der Gesundheit besteht. Neue Daten, die von einem Forscherteam unter der Leitung von Michael Fredericson von der Stanford Universität und Adam Tenforde vom Spaulding National Running Center an der Harvard Universität im American Journal of Medicine veröffentlicht wurden, könnten als ein nützlicher Weckruf dienen.

Die Studie beobachtete 323 weibliche Athleten in Stanford in 16 verschiedenen Sportarten, darunter auch 47 Langstreckenläuferinnen. Mithilfe von Fragebögen und Knochendichte-Scans wurden die Sportlerinnen in niedrige, mittlere und hohe Risikogruppen auf Basis der „weiblichen Sportler-Triade“ eingeteilt. Deren Komponenten bestanden aus „niedriger Energieverfügbarkeit mit oder ohne gestörtem Essverhalten, Menstruationsproblemen und geringer Knochendichte."

Die Forscher untersuchten, welche der Athletinnen Knochenüberlastungsverletzungen entwickelt hatten, die von beginnenden „Stressreaktionen“ über Stressfrakturen bis hin zu Vollfrakturen reichen konnten.

Ungefähr die Hälfte der Läuferinnen (24 von 47) wurden mit einem „geringen Risiko“ eingestuft, wobei drei dieser Athletinnen begannen, Überlastungsverletzungen der Knochen zu entwickeln - also weniger als 13 Prozent. Sechzehn der Läuferinnen hatten ein mäßiges Risiko und bei 50 Prozent von ihnen entstanden Knochenüberlastungsverletzungen innerhalb eines Jahres, was bedeutet, dass sie etwa viermal häufiger verletzungsgefährdet waren als die Gruppe mit geringem Risiko. Es gab nur sieben Athletinnen mit hohem Risiko. Fünf von ihnen entwickelten Überlastungsverletzungen, was bedeutet, dass sie fast sechsmal anfälliger für Verletzungen waren als die Gruppe mit niedrigem Risiko.

Das sind ziemlich ernüchternde Zahlen. Wenn Sie ein Athlet aus der moderaten oder Hochrisiko-Gruppe sind, sehen Ihre Chancen eine Saisonverletzung zu vermeiden ziemlich schlecht aus. Das Essverhalten zu verändern, ist kompliziert (und ich bin in keiner Weise dafür qualifiziert, Ratschläge zu geben), aber vielleicht können diese Informationen manchem helfen zu verstehen, was für ihn auf dem Spiel steht.

Wie wird also dieser Risikostatus berechnet? Die Methoden wurden in einem Artikel im British Journal of Sports Medicine des Jahres 2014 aufgeführt. Für die Risikoberechnung werden sechs verschiedenen Kategorien jeweils null, ein oder zwei Punkte zugewiesen. Eine Gesamtpunktzahl von zwei bis fünf stellt ein mäßiges Risiko dar, während sechs oder mehr Punkte ein hohes Risiko abbilden.

Sechs Kategorien für die Risikoberechnung von Stressfrakturen:

1. Niedrige Energieverfügbarkeit oder Körpergewichtsverlust, als Folge von früheren (ein Punkt) oder aktuellen (zwei Punkte) Essstörungen.
2. Niedriger Body-Mass-Index (BMI): Ein Punkt für 17,6 bis 18,4, zwei Punkte für 17,5 oder darunter.
3. Unregelmäßige Periode: Ein Punkt für sechs bis neun Perioden in den letzten 12 Monaten, zwei Punkte für weniger als sechs.
4. Verspätete erste Menstruation: Ein Punkt für 15 bis 16 Jahre, zwei Punkte für 16 Jahre oder älter.
5. Niedrige Knochendichte: Ein Punkt für eine Z-Punktzahl von weniger als -1, zwei Punkte für -2 oder weniger.
6. Bisherige Stressfrakturen (oder Stressreaktionen): Ein Punkt für eine vorausgegangene Fraktur, zwei Punkte für zwei oder mehr.

Dieses Risikostratifizierungsprotokoll entstand nach einer Reihe von Konferenzen in 2012 und 2013, in der Hoffnung, dass man neue standardisierte Richtlinien festlegen könnte. Wie Adam Tenforde betonte, zeigen die neuen Ergebnisse, dass die mit dieser Methode berechneten Risiken „nicht theoretisch“ sind.

Also, was fängt man mit diesen Informationen nun an? Das ist der kniffligere Teil. Nur weil jemand ein höheres Risiko hat, bedeutet das nicht sofort, dass derjenige vom Training abgehalten werden sollte. Es könnte ja zum Beispiel sein, dass einige der besagten Risikofaktoren bereits ärztlich behandelt werden.

Kernpunkte für Trainer

So wendet sich Tenforde mit vier Kernpunkten an Coaches und medizinisches Personal:

1. Jeder in der mäßigen oder hohen Risikogruppe sollte untersucht werden, um sicherzustellen, dass genügend Kalorien sowie Kalzium und Vitamin D aufgenommen werden, um das Training zu unterstützen.

2. Die betroffenen Athletinnen sollten ständig überwacht werden, damit die Bereiche Ernährung, Menstruation und Knochengesundheit dauerhaft im Auge behalten werden können.

3. Risikoreichere Sportlerinnen könnten eine Trainingsveränderung in Betracht ziehen. Beispielsweise könnten sie häufiger leichtere Trainingseinheiten in ihre wöchentliche Trainingsroutine einbauen. Guter Schlaf und Erholung sind ebenfalls sehr wichtig, sagt Tenforde.

4. Nicht alle Stressfrakturen sind gleich: Die meisten Frakturen der Sportlerinnen mit niedrigem Risiko waren im Fuß – vielleicht eine Konsequenz aus Biomechanik und Sportwahl (viele dieser Athletinnen übten andere Sportarten wie Basketball aus, bei denen das Springen viel Kraft auf die Füße überträgt).

In den hohen Risiko-Kategorien hingegen waren viele Frakturen im Bereich des Kreuzbeins, der Hüften und des Oberschenkelhalses, wo die Knochen eine andere und weichere innere Struktur aufweisen. Diese Frakturen könnten weniger eine direkte Folge biomechanischer Kräfte als vielmehr das Ergebnis von geschwächten Knochen sein.

Tenforde meint, dass im Ergebnis jede dieser Verletzungen in diesen Körperbereichen ein Warnungssignal dafür sein könnte, dass für den Athleten ein höheres Risiko besteht - was eine Überprüfung der Knochengesundheit, einschließlich eines Knochenscans, erforderlich macht.

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