Baumanns Lauf der Woche

Laura Hottenrott lief zu schnell

"Wie die Sau haben wir aufgepasst", berichtet Dieter Baumann. Trotzdem hat er den Zieleinlauf von Laura Hottenrott beim Frankfurt-Marathon verpasst. Sie lief die letzten 2 km einfach zu schnell.

Laura Hottenrott

Laura Hottenrott machte auf den letzten beiden Kilometern beim Frankfurt-Marathon noch einmal so richtig Druck und erkämpfte sich Platz drei der Deutschen Meisterschaft.

Bild: Tomas Ortiz Fernandez

Lauf der Woche
Donnerstag 9.11.2017
Frankfurt / Tübingen
3 Minuten und 35 Sekunden Lesedauerlaufentscheidung


Ich melde mich vom Dauerlaufen und wette, sie brauchen länger zum Lesen für diesen Text, als Laura Hottenrott auf ihrem letzten Kilometer beim Marathon in Frankfurt.

Ein Rückblick:
Ach, was haben wir aufgepasst. Die gesamte Sportredaktion des hr und die Experten. Nach der Kritik nach dem Berlin-Marathon, denn dort hatten wir nach dem Ausstieg von Philipp Pflieger den besten deutschen Läufer nicht gezeigt.

Ich sage Ihnen liebe Freunde der Laufkunst, wie die Sau haben wir aufgepasst. Bei der Männerspitze - Afrika unter sich – aufgepasst. Beim Duell um die europäische Vorherrschaft – dran gewesen. Das wahnsinnige Duell um die Deutschen Meisterschaft bei den Frauen – eingefangen. Dann die Platzierten der deutschen Männer. Zwischenzeiten, Zwischenstände, Zieleinlauf, und endlich alle drin und alle genannt. Mit und ohne Bild, denn nicht überall kann eine Fernsehkamera sein. Also spielten wir – verpönt zwar bei Fernsehübertragungen – Radio.

Erklärung:
Wir in der kleinen Kommentatorenbox sahen und sehen dasselbe Fernsehbild wie die Zuschauer zu Hause. Zur Hilfe und Orientierung haben wir noch einen Zwischenzeitmonitor.

Das Rennen:
Die Bilder wechselten bunt durcheinander. Von Frauenspitze, zur Männerspitze, zu den Freizeitläufern oder Verfolgern und wieder zurück. Als alle Spitzenläufer im Ziel waren, atmeten wir in unsere Box erleichtert durch. Keine und keinen übersehen, keine und keinen vergessen. Fehlte nur noch die drittplatzierte Frau bei der Wertung um die Deutsche Meisterschaft. Ein Blick auf den Zwischenzeitcomputer. Der letzte Stand, den wir sehen konnten, war bei Kilometer 40. Franziska Reng aus Regensburg. Klar dritte, über 30 Sekunden Vorsprung vor Laura Hottenrott.

Die fleißigen Helfer in der Regie und diejenigen rund um den Kameramann hatten sie auf der langen Geraden in Richtung Festhalle entdeckt. Großaufnahme. Sie erschien auf dem Fernsehbild zu Hause und auch bei uns in der Kommentatorenbox. Der Schritt von Reng war – wie soll ich sagen? – schwer. Die Kamera blieb auf Franzika Reng wie sie abbog in die Festhalle und dort ins Ziel lief. Sie brauchte für die letzten 2,2 Kilometer 8 Minuten und 47 Sekunden.

Die Entscheidung:
Für das Lesen dieses Textes haben sie gerade mal zwei Minuten gebraucht. Die letzten zwei Minuten im Rennen Franziska Reng und Laura Hottenrott müssen dramatisch gewesen sein. Beide liefen zum ersten Mal Marathon. Ab Kilometer 32 war das Rennen für sie wie für viele Marathonneulinge ein großes Fragezeichen. Noch nie waren sie sehr viel länger gelaufen. Weder im Training noch im Wettkampf. Nie weiß man, ob es wirklich reicht. Laura Hottenrott brauchte für die letzten 2,2 Kilometer beim Rennen Frankfurt acht Minuten und zwei Sekunden. Reng kämpfte, Laura Hottenrott blieb im Rhythmus, in ihrem Takt. 3:35-iger Schnitt. Und sie sah Reng, das gab ihr Auftrieb. Leider sahen auch wir vom hr-Fernsehen nur Reng. Großaufnahme, lange Gerade, das Einbiegen in Richtung Festhalle. Immer war Franziska Reng im Bild. Kurz vor dem Einbiegen in Richtung Festhalle, ging Laura Hottenrott außerhalb des Fernsehausschnittes und damit für uns unbemerkt an Franziska vorbei. Sie wurde dritte.

Wir glaubten Reng sei Dritte. Wir hatten es gesehen. Die Macht der Bilder.

Plötzliche Realität:
Das Fernsehbild fing gerade den Altersklassenweltrekordläufer ein oder war es der Prinz aus Holland? Vielleicht auch einer der vielen verkleideten Freizeitläufer, was weiß ich. Da kam ein Bildwechsel. Aufgerufen wurde zur Siegerehrung der Deutschen Meisterschaft. Die Damen, die auf die Siegerehrung warteten, waren im Bild. 3. Platz: Laura Hottenrott. Wir schauten uns an und hatten Fragezeichen in unseren Gesichtern. Laura Hottenrott?

Rätselnde Journalisten:
Die Aufklärung bei der Nachbesprechung: ein kollektiver Teamfehler, sagte man. Ach was liebe Freunde der Journalisten- und Laufkunst. Es war ein Expertenfehler. Selten habe ich mich mehr über mich geärgert, wie an diesem Sonntag. Es tut mir sehr, sehr leid, dass ich diesen Vorgang übersehen, nicht erkannt, nicht antizipiert habe. Glückwunsch liebe Laura zum dritten Platz und Glückwunsch Franziska für den Kampf auf den letzten Kilometern. Und für beide gilt: ein sagenhaftes Debut!

Sorry an die Zuschauer für die Verwirrung.

Lesezeit länger als 3:35 Minuten. Langsamer als Laura Hottenrott auf ihrem letzten Kilometer.

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

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