Mark Brunner

Höchstleistung mit Diabetes

Mark Brunner fuhr letztes Jahr mit dem Rad von Berlin nach Interlaken, lief den Jungfrau-Marathon und fuhr wieder zurück. Seine Insulintherapie stimmte er gezielt auf die einmonatige Ausdauerleistung ab.

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Mark bringt sportlichen Höchstleistungen – trotz Diabetes. Das macht er für sich, aber auch, um Diabetikern zeigen, was trotz dieser Krankheit möglich ist.

Bild: Dirk Mathesius

Mark Brunner, 46, ist gelernter Fluggerätemechaniker aus Berlin. Mark reist jedes Jahr mit dem Rad von Berlin zum Jungfrau-Marathon, läuft mit, und fährt wieder zurück. Letztes Jahr fuhr er 1.451 Kilometer hin, 1.284 zurück, zwischendrin lief er einen der anspruchsvollsten Bergmarathons. Immer im Gepäck sind die Blechdosen mit den Testreifen, CGM-Sensoren, Pennadeln und dem Insulin. Denn Mark hat seit fast 24 Jahren Diabetes.

Bis zu sechsmal am Tag muss Mark sich Insulin spritzen

„1995 wurde festgestellt, dass ich einen Typ-1-Diabetes habe“, berichtet Mark. Er war damals Anfang 20 und leistete gerade seinen Zivildienst ab. Diabetes mellitus wird in zwei Typen eingeteilt: Typ-1-Diabetiker erkranken häufig in einem frühen Lebensstadium, sie sind meist schlank. Wohingegen die häufigste Ursache für die Entstehung von Typ-II-Diabetes das Übergewicht ist.

Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei welcher der Körper kein oder nur wenig Insulin erzeugt. Das Hormon hat die wichtige Aufgabe, dem mit der Nahrung aufgenommenen Zucker den Übergang aus dem Blut in die Zellen zu ermöglichen, die ihn dort als Energielieferanten benötigen. Bei Insulinmangel sammelt sich Glukose im Blut an, der Blutzuckerspiegel steigt, dabei kann es innerhalb kürzester Zeit zu Stoffwechselproblemen kommen, weshalb sich Diabetiker regelmäßig Insulin spritzen müssen. Mark tut dies bis zu sechsmal am Tag. „Noch vor 100 Jahren sind Menschen an dieser Krankheit gestorben. Ich habe mich lange gefragt: Warum gerade ich?“, sagt er. Doch Aufgeben war für ihn keine Alternative.

Statt Krönung ist der Marathon nun nur Zwischenstation

Mark war schon vor Ausbruch der Krankheit sehr sportlich; Triathlon war damals seine Leidenschaft. Heute hat er sich ganz dem Laufen in Kombination mit Radfahren verschrieben. Die Krankheit hindert ihn nicht daran, hohe Berge zu erklimmen.

Mittlerweile kann er auf eine ganz individuelle Jungfrau-Serie zurückblicken: In den vergangenen vier Jahren fuhr er jedes Jahr mit dem Rad von Berlin nach Interlaken, um seine Ausdauerleistung mit der Teilnahme am Jungfrau-Marathon zu krönen. In den ersten zwei Jahren fuhr er noch mit dem Zug zurück: „Doch seit 2017 mit dem Rad, vorletztes Jahr nahezu vollständig, 2018 komplett auch den Rückweg. Jeden einzelnen Meter. Um über den Rhein zu gelangen, habe ich bei Au eine Fähre benutzt“, berichtet er.

Sein Zeitplan ging letztes Jahr perfekt auf: Am 25.8.2018 startete Mark in Berlin auf seinem Titan-Rad – eine Spezialanfertigung mit besonders dicken Reifen, dafür ohne Federung. Exakt 13 Tage später, am Freitag, den 7.9. kam er in Interlaken an. „Ich ging sofort zur Startnummern-Ausgabe, denn einen Tag später startete ja schon um 8.30 Uhr der Marathon“, berichtet er.

Marks Bilanz: 2.735 Radkilometer, einen Marathon und knapp 20.000 Höhenmeter in 28 Tagen

Der Jungfrau-Marathon im Berner Oberland ist sehr anspruchsvoll, da die steilsten Anstiege erst nach Kilometer 25 auf die Läufer warten. Dieser Streckenabschnitt hoch zum Dorf Wengen wird auch „die Wand“ genannt.

Wie kann man mit rund 1.500 Radkilometern in den Beinen noch einen Marathon in dieser Höhenlage zustande bringen? „Der Weg ist das Ziel“, lautet das Credo seines ganz persönlichen Duathlons in umgekehrter Reihenfolge: radeln, laufen, radeln. Auf dem Hinweg nahm Mark sogar Umwege in Kauf, um Freunde zu besuchen, Sightseeing in Städten zu machen und die schöne Natur genießen. Trotz guter Planung passiert manchmal Unvorhersehbares: „Meine Laufsachen sende ich immer mit der Post von Berlin nach Interlaken und zurück nach Hause. 2016 kam das Paket nicht an, es hing an der Grenze fest. Ich musste mir in Interlaken Laufschuhe kaufen, die natürlich nicht eingelaufen waren und nicht optimal passten. Danach war ich froh, dass ich mit dem Zug nach Hause fahren konnte.“

Er will sehen, ob er es wieder schafft und weiß, dass er scheitern kann

Seinem Leitsatz folgend nimmt er sich nie Zielzeiten vor: „Für den Marathon habe ich stets das Minimalziel ankommen.“ Nach sechs Stunden erreichte er letztes Jahr die in rund 2.100 Metern gelegene Passhöhe Kleine Scheidegg, wo sich die Zieleinkunft befindet und die Läufer mit einem Blick auf die drei bekannten Berge Eiger, Mönch und Jungfrau belohnt werden. Mark spürte auf der zweiten Streckenhälfte seine Beine: „Letztes Jahr musste ich langsamer machen als sonst. Ich bin viel gegangen, schon ab Lauterbrunnen. Es fiel mir schwer, noch nie hatte eine Hinfahrt so viele Kilometer. Ich lief den Marathon auch schon mal eine Stunde schneller.“

Der Zieleinlauf des Marathons war längst nicht das Ende seiner abenteuerlichen Reise. Einen Tag später, am 9. September, schwang er sich in den Sattel und fuhr los in Richtung Heimat. 1.284 Radkilometer später, am 20. September, war Mark wieder zu Hause. Die Bilanz: Insgesamt 2.735 Kilometer im Sattel, einen Marathon zwischendurch und exakt 19.626 Höhenmeter legte er in 28 Tagen zurück. Das sind über 100 Kilometer pro Tag.

Was treibt ihn zu dieser Höchstleistung an? „Ich tu das in erster Linie für mich allein, will sehen, ob ich es auch diesmal wieder schaffe, weiß, dass ich scheitern kann“, berichtet er. Sein Beispiel zeigt, was trotz Immunkrankheit möglich ist. Wenn Diabetiker die Ernährung und die Insulintherapie entsprechend auf die Leistung abstimmten, könnten sie viel erreichen, sagt er. Sein Körper ist an hohe Ausdauerleistung gewöhnt. Den Rennsteiglauf und den 100 Meilen langen Berliner Mauerweglauf lief er bereits mehrfach.

Das nächste Ziel? Der Jungfrau-Marathon 2019!

Was ist sein nächstes sportliches Ziel? Über eine Antwort muss er nicht lange nachdenken: „Der Jungfrau-Marathon am 7. September 2019.“ Das ist bei ihm schon Tradition! Zwei Wochen früher wird er wieder mit vier kleinen Radtaschen losradeln, nur das Nötigste drin, Kleidung, Diabetes-Utensilien, sehr viele Kohlenhydrate und Werkzeuge. 100 bis 200 Kilometer am Tag, von vormittags bis spätabends in die Pedale treten, wieder einige wenige Tage Ruhepausen für Sightseeing einplanen, spontan in kleinen Pensionen am Streckenrand übernachten. Und sich wie immer in Thun mit einem Lauffreund aus Berlin treffen, der ebenfalls Typ-1-Diabetiker ist, um mit diesem gemeinsam die letzten Kilometer per Fahrrad nach Interlaken zurückzulegen und am nächsten Tag den alpinen Marathon zu bezwingen. „Dieses Jahr plane ich die Ankunft in Interlaken aber einen Tag früher“, sagt er. So kann er seine Beine noch ein wenig ausstrecken, bevor sie die Wand hochmüssen...

Ich bin ein Läufer:

Erst zum Check, dann auf die Strecke