Parley for the Oceans

Laufbekleidung aus Müll

Riesige Plastikstrudel treiben auf den Weltmeeren und gefährden ganze Ökosysteme. Als Gegenmaßnahme kooperiert Adidas nun mit Parley for the Oceans und stellt aus eben diesem Müll neue Produkte her.

Parley for the Oceans

Ohne tiefgreifende Veränderungen im Umgang mit Plastik wird im Jahr 2050 mehr Müll im Meer herumschwimmen als Fische. (Derzeit beträgt das Verhältnis etwa eins zu fünf.)

Bild: Shutterstock

Welches Bild kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Augen schließen und an die Malediven denken? Azurblaues Wasser? Klar. Farbenprächtige Korallenriffe? Auch. Kalkweiße Strände? Sicherlich. Am besten lassen Sie die Augen geschlossen, denn dieses Bild entspricht leider nicht mehr der Realität. Einzelne Strände des Archipels sehen längst aus wie Müllhalden. Das Dilemma: Zwar verfügt jede touristisch genutzte Insel der Malediven über eine Müllverbrennungsanlage, dennoch wird täglich eine große Menge – verlässliche Zahlen liegen in einem Land, das kein Umweltbewusstsein kennt, nicht vor – an Müll direkt ins Meer entsorgt.

Nun könnte man sagen, was interessiert ein kleiner Inselstaat im Indischen Ozean, bei uns funktioniert doch das Recycling-System? Die Antwort: Müll im Meer ist kein lokal begrenztes Phänomen. Auch an deutschen Stränden findet man Unmengen an Müll. Selbst auf der unbewohnten Nordseeinsel Mellum sammeln Naturschützer regelmäßig Müll ein. 700 Teile je 100 Meter können es schon mal sein, und das auf einer Insel, auf der es keine Einwohner und Touristen gibt. Ein klares Indiz, dass unsere Weltmeere voller Müll sind. Laut Forschern sind es inzwischen mehr als 150 Millionen Tonnen, die im Meer herumtreiben. Etwa drei Viertel davon sind Plastik. Und das hat fatale Auswirkungen auf die Ökosysteme unter Wasser. Rund 70 Prozent der gewaltigen Plastikmengen in den Meeren sind sogenanntes Mikroplastik. Dieses wird von Tieren oft mit Plankton verwechselt und gefressen. Werden diese Tiere dann wiederum von Fischen gefressen, die wir als Speise­fische nutzen, landet das Plastik am Ende der Speisekette auch in unserer Nahrung. Wobei selbst in rein pflanz­lichen Produkten wie etwa Bier bereits Mikroplastik nachgewiesen wurde. Doch zurück zu den 30 Prozent des Plastikmülls, die noch nicht zu Mikroplastik zerkleinert wurden. Dieser sichtbare Müll landet an den Küsten oder wird zum Großteil durch Meeresströmungen zu riesigen Müllstrudeln zusammengetragen. Fünf solcher Strudel hat die NASA aus dem Weltraum auf der Oberfläche der Ozeane ausgemacht. Ihre Größe ändert sich ständig, da der Plastikmüll durch Strömungen weitergetrieben wird. Zu den Auswirkungen des Mülls in den Meeren zählen etwa Wale, die sich in herrenlosen Fischernetzen, sogenannten Geisternetzen, verheddern und ersticken, oder Schildkröten, deren Panzer um Verpackungsringe von Getränkedosen-Sixpacks wachsen.

Aus 11 PET-Flaschen stellt Adidas das Obermaterial eines neuen Schuhes her.

Bild: Shutterstock/adidas

Dass solche Bilder keine Zukunft haben, ist das erklärte Ziel von Parley for the Oceans (Englisch für „Verhandlung für die Ozeane“), einer Initiative, die 2012 von Cyrill Gutsch gegründet wurde. Gutsch ist Designer und Kreativunternehmer. Das Schlüsselerlebnis, das ihn zusätzlich zum Umweltaktivisten machte, war eine Begegnung mit Paul Watson. Der Mitbegründer der Umweltschutzorganisation Greenpeace und der deutlich militanteren Sea Shepherd Conservation Society wies Gutsch auf die Dimension der Plastikverschmutzung und Überfischung der Weltmeere hin. „Paul machte mir klar, dass wir da auf eine Deadline zulaufen, einen Zeitpunkt, an dem so ziemlich alles Leben in den Ozeanen kollabiert.“

Gutsch war bestürzt, sah sich durch die Dramatik der Situation aber auch herausgefordert. „Buchstäblich über Nacht“, so Gutsch, „kam mir die Idee zur Gründung von Parley for the Oceans“ – und das, obwohl er mit Umweltaktionen bis dahin keinerlei Berührungspunkte hatte. Als Kreativdenker hatte er sich mit einem neuen Ansatz zur unkonven­tionellen Pro­blemlösung („Cross Intelligence“) in der Wirtschaft einen Namen gemacht, bei dem es darum geht, dass unterschiedliche Organisationen zusammenarbeiten – und genau das strebt er nun auch zur Rettung der Meere an.

Es geht nicht nur um Tiere Parley for the Oceans will in erster Linie Meerestiere schützen, Lebe­wesen, die durch den Plastikmüll in den Weltmeeren in ihrer Existenz bedroht sind. Dazu hat Parley ein Netzwerk von Organisationen geschaffen, die Müll von den Meeresstränden aufsammeln. Aber die Vi­sion von Parley for the Oceans geht über die umittelbare Müllbeseitigung weit hinaus. „Um das Problem der Verschmutzung zu lösen, muss man verstehen und akzeptieren, dass Plastik an sich schon eine Fehlkonstruktion ist“, so das radikale ­Fazit von Cyrill Gutsch, der früher selbst mit dem künstlichen Werkstoff gearbeitet hat. „Aber wir können die Uhr nicht zurückdrehen, um wieder in einer Welt ohne Plastik zu leben.“ Seine Lösung: Schon bei der Gestaltung neuer Produkte sollte komplett auf den Einsatz nicht recycelter Kunststoffe verzichtet werden. Mehr noch: Ökolo­gische Innovationen sollen durch Recycling und Upcycling zu lukrativen Geschäftsstrategien heranreifen.

Aus einem alten Fischernetz stellt Adidas einen neuen Parley-Schuh her

Bild: Shutterstock/adidas

Und aus einem eingesammelten Fischernetz ist es möglich einen neuen Parley-Schuh herzustellen.

Der Ansatz und die Strategie von Parley for the Oceans lassen sich durch das Akronym AIR verdeut­lichen: A steht für „avoid“, also die Vermeidung von Müll. Dazu zählt bereits der Verzicht auf Kunststoff in der Lieferkette, es sei denn, er ist recy­celt. I steht für „intercept“, also eingreifen und verhindern, dass Plastik ins Meer gelangt. R steht für „redesign“, sprich: das Entwerfen von innovativen ökologischen Materialien, Produkten und Verfahren.

Ein erstes Ergebnis von Parley for the Ocean ist Parley Ocean Plastic, ein Kunststoff, der auf „dem Müll basiert, den wir im Meer finden, vermischt mit anderen recycelten Materialien“, so Gutsch. Das erste Produkt, das da­raus in Kooperation mit Sportartikelhersteller Adidas entstand, wurde 2015 am Welttag der Ozeane erstmals präsentiert: der Laufschuh Adidas x Parley (Bild rechts). Dessen Designer Alexander Taylor wollte einen Schuh entwerfen, der mit seinem Äußeren die Plastikverschmutzung symbolisiert und dabei dennoch gut aussieht. Die zündende Idee kam ihm, als er ein riesiges Geisternetz sah, das Paul Watsons Sea-Shepherd-Schiffe in einer auf­sehen­erregenden Aktion aus dem Meer geborgen hatten. Es war von Hochseefischern achtlos gekappt und im Meer versenkt worden. Aus den insgesamt 72 Kilometern giftgrüner Plastikschnur formte Taylor das markante Obermaterial. Mit seinen filigranen Strukturen erinnert es nicht nur an Fischernetze, sondern besteht auch wirklich daraus.

Mittlerweile werden über eine Million Parley-Modelle von Adidas produziert, und die Kollektion wird größer: Seit letztem Jahr gibt es auch Bade- und Schwimmbekleidung, die aus Parley-Plastik hergestellt wird. „Recycling löst das Problem nicht, aber es ist eine Aufforderung, unser wichtigstes Werkzeug zu nutzen: unseren Erfindergeist, mit dem wir aus dieser verfahrenen Situation herauskommen“, so Gutsch. Parley, erklärt er, beschleunige einen Prozess, der bereits in Gang gekommen sei. „Eine neue, nachhal­tige Einstellung beim Verbraucher zu erzeugen ist Aufgabe der Kreativen.“ Der Parley-Schuh, so Gutsch, sei ein gelungenes Beispiel: „Wir können zeigen, dass es möglich ist, den Plastikmüll aus den Meeren in etwas Cooles zu verwandeln.“

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