Erster Test Nike Epic React

Das größte Ding seit Nike Air

Die Vorankündigungen waren vielversprechend: RUNNER'S WORLD konnte den Nike Epic React bereits vor dem Verkaufsstart testen - so läuft er sich.

Nike Epic React - Fotos
Nike Epic React

Der Nike Epic React.

Bild: Urs Weber

Eines haben wir in den letzten fünf Jahren gelernt: Es kommt auf die inneren Werte an. Warum in den letzten fünf Jahren? Weil damals von Adidas die Boost-Mittelsohlentechnologie vorgestellt wurde, ein Wegbereiter für eine ganz neue Generation von Zwischensohlen. Und die anderen großen Hersteller zogen sehr schnell nach, präsentierten ebenfalls neue Kunststoffschäume – zum Beispiel Asics mit Flytefoam, New Balance mit Fresh Foam oder Saucony mit Everun. Dies war der Start für deutlich bessere Laufschuhe. Deutlich besser, als wir sie zuvor kannten, also mit den herkömmlichen EVA-Zwischensohlen.

Und jetzt kommt Nike. Das React genannte Zwischensohlenmaterial ist komplett neu – und es ist, so ein Nike-Mitarbeiter, die größte Entwicklung bei Nike seit der Air-Sohle. Mir fällt beim neuen Epic React (Verkaufsstart: 22. Februar), dem ersten Modell mit dem neuen Zwischensohlenmaterial, auf, dass er eine sehr voluminöse Sohleneinheit hat. Es ist dem geschwungenen, stromlinienförmigen Design des Obermaterials zu verdanken, dass der Epic React nicht klobig wirkt. Denn die Sohle ist sehr ausladend, ragt an der Ferse weit über den Fuß hinaus. Der Fuß ruht in der Sohle des Epic React wie eingebettet. Die dünne, leicht gepolsterte Einlegesohle hat eine durchgängig einheitliche Stärke, man könnte den Schuh auch ohne sie laufen: Der Epic React ist innen wie außen top verarbeitet. Am Fuß stören keinerlei Nähte oder Besätze. Das liegt auch an dem speziellen Schaftmaterial: Das Flyknit-Obermaterial ist eine Nike-Besonderheit. Das komplette Upper wird in einem Produktionsvorgang gestrickt. Aber durch unterschiedlich dichte Verarbeitung und spezielle Stricktechniken ist es partiell fester, wie etwa im Mittelfußbereich. Zugleich ist es an den erforderlichen Stellen ausreichend dehnfähig. Die klassische Lasche über dem Fußrücken etwa entfällt: Das Obermaterial zieht sich nahtlos über den Fuß und bietet einen – bei mir – hervorragenden Sitz. Im Vorfußbereich ist es dafür wie ein luftdurchlässiges Mesh verarbeitet, was für sehr gute Belüftung des Fußes sorgt.

Eine Besonderheit ist auch die Fersenpartie des Epic React samt Schaftabschluss. Wo bei anderen Laufschuhen der Schaftabschluss (Schuhkragen) mit einem mehr oder dicken Wulst aus weichem Schaumstoff ausgestattet ist, ist beim Epic React: Nichts. Der obere Schaftabschluss besteht aus weichem, rundgestricktem Stretch-Material. Und die Fersenkonstruktion selbst ist weich – das Material lässt sich leicht mit dem Finger eindrücken. Lediglich die halbhohe externe Fersenkappe sorgt für Form und Halt; sie reicht etwa bis zum Ansatz der Achillessehne. Aber die Fersenkonstruktion übt keinen Druck auf die Achillessehne aus, auch wenn der Durchmesser des Einstiegsbereichs auf den ersten Blick recht klein oder gar eng wirkt. Das Material ist hier dehnfähig genug, um keinen Druck auszuüben. Der Sitz des Epic React ist also tadellos.

Das Flyknit-Obermaterial beim Nike Epic React ist eine Nike-Besonderheit.

Bild: Urs Weber

Wie läuft sich der Epic React?

Das Augenmerkt liegt natürlich auf der Dämpfung. Bei den ersten langsamen Laufschritten auf dem harten Beton der Straßen von New York, wo ich den Epic React zum ersten Mal testen konnte, zeigt das React-Material seine ganze Stärke – und wofür es (offenbar) entwickelt wurde. Die Mittelsohle dämpft optimal, und der Fuß gleitet in einen sehr sanften Abrollvorgang. Die Außensohle ist nach vorne in Richtung Zehen leicht nach oben gebogen, so wird der Abrollvorgang unterstützt. Zusätzlich spürt man auch die klassische Abstimmung der Mittelsohle: Der Epic React hat eine Sprengung von knapp 8 Millimetern; wir haben ihn in unserem RUNNER'S WORLD-Labor mit unserer Standardmethode vermessen (der Wert ist also mit anderen Schuhen aus unseren Schuhtests vergleichbar). Zur Vervollständigung: Die Fersendicke beträgt 30,4 Millimeter, die Dicke der Mittelsohle im Vorfußbereich 22,1 Millimeter. Die Daten belegen, dass im Vergleich mit anderen Laufschuhen viel Material in der Zwischensohle steckt. Dennoch wiegt der Epic React in meiner getesteten Größe (US 12, EUR 46) nur 264 Gramm, was ein sehr leichter Wert für einen Trainingsschuh ist.

Dazu ist die Mittelsohle des Epic React sehr flexibel, insbesondere im Vorfußbereich, wo sich der Fuß beim Laufen vom Boden abstößt. Zugleich ist der Epic React sehr torsionsfreudig – die Sohle lässt sich also leicht verwringen. Diese Flexibilität des Schuhs trägt zum sehr agilen Laufeindruck des Epic React bei. Er bietet sehr viel Komfort bei ruhigem Lauftempo, eignet sich hervorragend zum amerikanischen Cruisen über den nächtlichen Broadway (tagsüber kann man da wegen der Menschenmengen nicht laufen). Aber im prallen Sonnenlicht lädt der Epic React auch zur schnellen Tempohatz ein: Gerade auf trockenem Asphalt spielt das React-Material seine Tempo-Qualitäten aus, denn die weiche Mittelsohle bietet gute Rückmeldung zum Boden. React „reagiert“ gut auf den Untergrund. Ob sie Energie zurück gibt, wie Nike verspricht (Nike: Je mehr Energie du gibst, desto mehr bekommst du zurück), sei mal dahingestellt; ich halte diese Versprechungen, wie sie auch andere Hersteller machen, für nicht seriös.
In punkto Dämpfung habe ich allerdings noch eine Anmerkung: Für manche Läufer ist die Mittelsohle insgesamt sicherlich zu weich. Hintergrund: In der Vergangenheit gab es bei den RUNNER’S WORLD-Testläufern vereinzelt Kritik bei den supersoft gedämpften Schuhen – in diese Kategorie könnte der Epic React auch reinfallen. Vergleichbar ist er von der Abstimmung der Dämpfung etwa mit Modellen wie Adidas Ultraboost, Saucony Freedom ISO oder Brooks Glycerin. Spannend dürften künftige Nike-Modelle mit einer dünneren React-Zwischensohle sein, die dann nicht mehr so weich sind.

Zurück in Deutschland habe ich den Epic React unter verschiedensten Laufbedingungen getestet, und meine ersten Beobachtungen haben sich bestätigt. Kurzum: Wo er mir gar nicht gefallen hat, waren die kalten Wintertage Anfang des Jahres. Der Epic React war nach langem mal wieder ein Schuh, in dem ich tatsächlich beim Laufen kalte Füße bekam. Das spricht einerseits für die gute Belüftung des Obermaterials, gerade im Zehenbereich, andererseits kommt hier im Winter viel kalte Luft in den Schuh. Der Dämpfungskomfort litt nach meinem subjektiven Eindruck nicht unter der Kälte. Ebensowenig taugt der Epic React übrigens für Ausflüge auf Trails oder fürs Laufen auf Schnee. Hier war das feine Außensohlenprofil schnell überfordert.

Der Epic React will nur Straße

Also zurück auf die Straße oder auf den festen Parkweg – hier ist der Epic React in seiner geeigneten Lebenswelt. Wenn ich instinktiv in mein Schuhregal greifen würde, dann würde ich den Epic React für den ruhigen Trainingslauf auf der Straße wählen, den ich im Tempo zwischen 5:20 bis 6:00 Minuten pro Kilometer laufe. Auch für schnelleres Tempo oder für einen Tempodauerlauf taugt er sehr gut – so lange der Untergrund fest und möglichst eben ist. Und speziell für wärmere Sommertage wird er besonders gut geeignet sein. Ein anderer Testläufer (65 kg, Trainingstempo 4:40 min/km bis 5:30 min/km), der den Epic React bislang über 50 Kilometer getestet hat, empfiehlt ihn „bei zügigen mittellangen Läufen auf der Straße“.

Über die Langlebigkeit des Materials und des Schuhs insgesamt kann ich noch nichts sagen. Nike verspricht, dass das React-Material auch nach 800 Kilometern keinen Verschleiß erkennen lässt. Das mag sein, allerdings fielen mir bei meinem Testschuh bereits nach 60 Laufkilometern die ersten Abriebspuren an der Außensohle auf.

Fazit: Eher für den Broadway als den Bayerischen Wald

Nike Epic React

Bild: Urs Weber

Nike Epic React

Nike ist mit dem Epic React Flyknit ein großer Wurf gelungen. Das mit großen Vorschuß-Lorbeeren angekündigte React-Sohlenmaterial ist leicht, flexibel und bietet eine sehr gute Dämpfung. In Kombination mit dem leichten, luftdurchlässigen und gleichzeitig sehr gut Halt gebenden Flyknit-Obermaterial ergibt sich ein hoher Tragekomfort. Empfehlen kann ich den Epic React für den klassischen Normalfußläufer, der einen gut dämpfenden Schuh sucht, der nicht zu viel Stabilität bietet und den Fuß machen lässt, was er will. Denn viel Stabilität bietet der Epic React nicht. Läufer, die eine Pronationsstütze oder einen stabilen, Halt gebenden Schuh suchen, sollten sich ein anderes Modell aussuchen. Auch auf unebenen Wegen oder gar Trails stößt das Nike-Modell sehr schnell an seine Grenze. Der Epic React eignet sich hervorragend für festen Untergrund und Straße. Die Kombination aus eher weicher, komfortabler Dämpfung, einem leichten und flexiblen Schuh mit einem sehr anpassungsfähigen Obermaterial, lässt ein weites Einsatzspektrum auf festem Untergrund zu.

Gewicht: 264 Gramm
Sprengung: 8 mm
Preis: 150 Euro (UVP)

Positiv:

Sehr gute Passform

Atmungsaktives und anpassungsfähiges Obermaterial

Sehr komfortable Dämpfung

Hohe Flexibilität der Sohlenpartie

Weniger für Wintereinsatz geeignet: Zu kalt und Sohle zu rutschig

Reiner Straßen-Laufschuh, geringe Eignung auf rutschigem Untergrund