Das große Interview

Ein Lauf mit Waldemar Cierpinski

RUNNER'S WORLD Redakteur Urs Weber lief mit Waldemar Cierpinski, dem zweifachen Olympiasieger im Marathon.

Interview Cierpinski

Wenn der Vater mit dem Sohne: Falk und Waldemar Cierpinski.

Bild: Urs Weber

Waldemar Cierpinski wurde am 3. August 1950 in Neugattersleben bei Halle geboren. Dem Marathonläufer gelang es zweimal, eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen zu gewinnen – 1976 in Montreal und 1980 in Moskau. Neben seinen beiden Olympiasiegen kann er auf weitere Erfolge zurückblicken: Er wurde Dritter bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1983 in Helsinki, Vierter bei der Leichtathletik-Europameisterschaft 1978 in Prag und in seiner Bilanz stehen zudem 5 DDR-Meistertitel zu Buche. Mit seiner persönlichen Marathonbestzeit von 2:09:55 Stunden, die er beim Olympiasieg 1976 aufstellte, ist er der fünftschnellste deutsche Marathonläufer aller Zeiten. Heute lebt Waldemar Cierpinski in Halle an der Saale und ist Inhaber zweier Sportausstattergeschäfte.

RUNNER’S WORLD: Gibt es nach 20 Jahren Wiedervereinigung noch Unterschiede in der Laufszene zwischen Ost und West?
Aus Sportlersicht gibt es heute keine Unterschiede mehr. Ganz anders als früher, als die Systeme unterschiedlich waren, im positiven wie negativen Sinne: Ich hatte zum Beispiel immer noch gehofft, dass es eine kleine Möglichkeit gibt, bestimmte Teile aus dem Sportsystem des Ostens fortzuführen, was die Sportförderung angeht. Da ich das selbst im Osten erlebt habe, kann ich natürlich beide Systeme beurteilen.

RUNNER’S WORLD: Sie nennen das Sportsystem: Welche Faktoren waren für Ihre Läuferkarriere entscheidend?
Im Nachhinein waren für mich Vorbilder immer wichtig. Die Tatsache, dass ich 1960 an dem einzigen Fernseher in unserem kleinen Ort an der Saale bei meinem Freund die Olympischen Spiele in Rom anschauen konnte, war für mich ein Schlüsselerlebnis. Ich war so fasziniert, dass da jemand barfuss über das Pflaster von Rom lief, dass das bei mir den Wunsch geweckt hat, einmal zu Olympia zu kommen. Und dieses Langzeitziel hätte ich nicht verfolgen können, wenn das System damals nicht so funktioniert hätte. Der Sport wurde einem angeboten, Sportler wurden hofiert, kamen eventuell ins Ausland, so dass man aus den kleinen Verhältnissen raus kam. Es war durchaus greifbar, realistisch, weil schon in den Schulen Crossläufe durchgeführt wurden. Und wenn man sich da durchgesetzt hatte, dann kamen Stadt-, Kreis- und Bezirksmeisterschaften. Hatte man die geschafft, dann kam die große Geschichte der kleinen olympischen Spiele: Die Spartakiade in Berlin. In Etappen waren diese Nahziele alle erreichbar. Und deswegen hatte man das Eine, dass man zu Olympia wollte, schon wieder vergessen, weil man sich so intensiv auf die Nahziele orientiert hat. So verging die Zeit und auf einmal hatte man schon ein System in seinem gut betreuten Training. Selbst als ich an der KJS (Kinder- und Jugendsportschule, d. Red.) war und zur Spartakiade wollte, musste ich vier Disziplinen bestehen unter anderem: Hürdenlauf, Weitsprung und Ballweitwurf. Man wollte verhindern, dass ein Trainer seine Schützlinge zu schnell spezialisiert. Das waren aber alles Dinge, die trotzdem Spaß gemacht haben. Es wurde immer sehr administrativ gesagt, wie das durchlaufen wird. Es war wenig Spielraum vorhanden, um sich außerhalb des Trainingsplans einer falschen Orientierung hinzugeben.

RUNNER’S WORLD: Gab es denn von vornherein diese Trainingsbetreuung, wo Trainingspläne erstellt wurden?
Meinen ersten Übungsleiter hatte ich bei der BSG Aufbau Nienburg. Der hat für die Arbeit mit mir erst eine richtige Prämie bei der Übergabe an die Kinder- und Jugendsportschule bekommen. Und die volle Prämie hat er erst erhalten, als ich international die ersten Erfolge hatte, also mit 23 bis 24 Jahren. Dieses System garantierte, dass ich nicht schon als Jugendlicher verheizt wurde. Aber das Entscheidende war, dass man eine geradlinige systematische Entwicklung durchlaufen konnte. Bei mir haben sie sich zwar ein bisschen verpokert, weil ich Hindernisläufer war und dann zum Marathon gewechselt bin. Aber offensichtlich war das Training wohl trotzdem gut. Das fand ich damals sehr gut – und das fehlt mir heute beim DLV (Deutscher Leichtathletik-Verband) im Bereich des Laufens. Ich kann das zwar nicht alles beurteilen und man sollte sich vor voreiliger Kritik hüten. Ich sehe zum Beispiel, dass der Mittelstreckenbereich noch klassisch aufgebaut ist und dass die Frauen im Marathon den Erfolgen nach gemessen alles richtig machen. Aber wenn ich sehe, wie verwaist viele andere Bereiche sind, dann müsste man eine andere Hierarchie aufbauen, die zugunsten der Athleten eine Zusammenführung bringt und damit eine gegenseitige Befruchtung. Im Herbst zum Beispiel arbeiten alle Athleten an dem Ausbau der Grundlagen. Wir haben damals in Halle auch die besten 400-m-Läufer, 800-m-Läufer bis hin zum Marathonläufer gehabt: Und wir haben in den ersten Wochen das gleiche Training absolviert. Da hieß es für alle „Kraftausdauer am Berg“ oder „Athletik“. So sind wir an den schnellen Läufern gewachsen und die wiederum sind ins Schnaufen gekommen, wenn wir mal längere Läufe gemacht haben. Genau so hat übrigens Arthur Lydiard seine Athleten in den Trainingsperioden aufgebaut. Heute folgt leider keiner mehr konstruktiv einem System.

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