Interview

Viktor Röthlin: „Dies ist meine einzige Chance“

Der Schweizer Viktor Röthlin, Mitfavorit für den Marathon bei Olympia, im ausführlichen Interview.

Viktor Röthlin

Marathonläufer Viktor Röthlin aus Sempach in der Schweiz.

Bild: Runner's World

Wir sprachen mit Marathonläufer Viktor Röthlin über seine Vorbereitung, seine Chancen und was Freizeitläufer von ihm lernen können.

RUNNER’S WORLD: Marathon-Weltrekordler Haile Gebrselassie hat sich entschieden, in Peking die 10.000 Meter dem Marathon vorzuziehen, da er befürchtet, dass es dort zu heiß, feucht und vor allem, dass der Smog unerträglich sein wird. Wie bereiten Sie sich auf diese Bedingungen vor? Trainieren Sie zur Zeit nur noch in der Innenstadt von Zürich während der Rush-Hour?

Röthlin: Ja klar, und ansonsten laufe ich entlang der Autobahn... Nein, an die Hitze und die Luftfeuchtigkeit kann man sich doch gewöhnen, vor allem bei frühzeitiger Anreise. Der Smog ist die große Unbekannte, aber die Bedingungen sind für alle gleich und ich hoffe, dass in den Tagen der Spiele der Schadstoffausstoß, wie angekündigt, etwas reduziert ist.

Kennen Sie den Marathon-Parcours eigentlich schon?

Ich war direkt nach meinem Sieg in Tokio (Februar 2008, die Redaktion) eine Woche in Peking, um mir die Strecke anzuschauen. Sie ist keinesfalls selektiv, ziemlich flach, aber mit langen 5-km-Geraden, wo es auch viel ‚Kopfarbeit’ geben wird. Aber sicherlich werden die größten Herausforderungen die äußeren Bedingungen sein.

Haben Sie eigentlich je erwogen, bei diesen Olympischen Spiele aus politischen Gründen nicht anzutreten?

Für mich hat diese Frage nie im Raum gestanden. Ich habe nur dieses eine Mal die Chance, bei Olympischen Spielen eine Top-Platzierung zu erzielen, denn vor vier Jahren war ich noch nicht so weit und in vier Jahren bin ich definitiv zu alt! Ich persönlich hätte die Spiele damals nicht nach China vergeben, eben aufgrund der politischen Situation, aber auch wegen der klimatischen Bedingungen. Ich gehöre aber nicht zu den Leuten, die das entschieden haben oder entscheiden konnten. Als Sportler sehe ich das so: ich habe eine einmalige Chance, und die ist nur jetzt, in diesem Jahr, da.

Die Diskussionen haben aber auch gezeigt, dass man sich als Spitzensportler nicht aus allem raushalten kann. Der Sport bewegt einen großen Markt, es wird dabei und damit viel Geld verdient. Da spielt auch das Thema „Doping“ mit rein? Sind Sie je damit persönlich konfrontiert worden?

Weil es beim Marathonlauf doch noch relativ wenige Dopingfälle gibt, werde ich eher erstaunlich oft gefragt. ‚Gibt es in Eurer Sportart eigentlich so etwas?’ Das kann man wohl ganz eindeutig mit ‚Ja!’ beantworten. Wir sind eine Ausdauersportart und wenn im Radsport gedopt wird, dann wird auch bei uns gedopt. Was aus meiner Sicht dagegen spricht: man kann nur zweimal im Jahr einen Top-Marathon laufen, also ist eine schnelle Erholungszeit nach einem Marathon ein eher zu vernachlässigender Faktor. Und eine verbesserte Regeneration ist ja einer der wesentlichen Gründe für das Doping. Doch dass dennoch gedopt wird, ist mir bewusst. Ich sage aber: Ich habe erst durch die verbesserten Kontrollsysteme Medaillen gewinnen können.

Wenn ich sehe, welche Nationen früher Medaillen gewonnen haben und wo sie jetzt stehen, dann hat mir das sehr viel gebracht. Aber mit dieser Aussage bringe ich mich natürlich auch selber in Dopingverdacht, da ich ja jetzt derjenige bin, der Medaillen gewinnt. Da habe ich natürlich das Problem, wie soll ich beweisen, dass ich sauber bin? Aussagen wie ‚Ich wurde 100mal kontrolliert und war nie positiv’ sind lächerlich, wenn man bedenkt, wer dies alles schon gesagt hat und später auffällig wurde. Ich kann es nur für mich selber wissen und Ihnen sagen: meine Grundsätze, wie Sport sein soll, meine ethischen Ansprüche, widersprechen dem Doping!

Haben Sie als kleiner Junge eigentlich je daran gedacht, dass Sie einmal zu den Mitfavoriten bei Olympischen Spielen gehören könnten?

Ich war zehn Jahre alt, als Markus Ryffel seine Silbermedaille gewann, (5000 m, Olympische Spielen 1984, die Red.) und von diesem Tag an wollte ich nicht mehr Lokführer, sondern Markus Ryffel werden. Meinen Vater hat das überhaupt nicht erfreut, der wollte natürlich, wie alle Väter das wollen, dass ich nach einem richtigen Beruf strebe. Doch der Drang, dem Sport Priorität geben zu können, war ab dem Zeitpunkt da. Das war auch der Grund, warum ich später meinen ersten echten Berufswunsch Landschaftsgärtner, eine körperliche Arbeit, zugunsten einer Ausbildung im Büro hinten an stellte. Für den Traum, einmal auch bei Olympia ein Medaillenkandidat zu sein, habe ich also schon frühzeitig immer wieder die Weichen gestellt.

"Die Säulen der Marathonvorbereitung sind die langen Läufe. Sie werden insgesamt auf einem hohen Temponiveau gelaufen, teilweise mit Endbeschleunigungen."

Bild: Runner's World

Sie kommen aus der Innerschweiz, einer bergigen Landschaft, in der Sie als Kind sicherlich viel draußen in der Natur getobt haben. Kann man da Parallelen zu den Afrikanern ziehen, von denen ja auch immer erzählt wird, dass sie durch weite Schulwege und viel Bewegung im Kindesalter, die Grundlagen für Ihre Lauferfolge legten?

Einen weiten Schulweg hatte ich nicht, aber meine Eltern sind typische Schweizer, sie lieben die Schweiz, d. h. wir waren auch nie außerhalb der Schweiz in den Ferien, sondern immer in den Bergen unterwegs, und dort habe ich sicher auch meine Grundkondition her. Doch jedes Mal nach den Sommerferien, wenn wir in der Schule vom Urlaub berichten sollten, war meine Geschichte immer dieselbe Geschichte, nämlich die von einem Urlaub in den Schweizer Bergen. Meine Freunde erzählten dagegen vom Meer. Das nährte in mir den Wunsch ‚Ich möchte auch mal weit weg’ und war zusätzliche Motivation für den Sport, der mir dies ermöglichen könnte. Als ich dann als 18jähriger Schweizer Juniorenmeister im Cross wurde und zu den Cross-Weltmeisterschaften in Boston, USA, durfte, war dies eigentlich meine erste richtige Reise außerhalb der Schweiz. Das sind Parallelen zum kenianischen Traum: der Hunger nach der großen, weiten Welt.

Gab es einen speziellen Moment, in dem Sie spürten, dass Sie es in die Weltklasse schaffen würden?

Es gab mehrere Stationen, an denen ich merkte, ich bin auf dem richtigen Weg. Aber sicherlich war ein entscheidendes Erlebnis schon mit 19 Jahren, als ich den Schweizer Juniorenrekord über 10000 m verbesserte, den kein Geringerer als mein großes Vorbild Markus Ryffel gehalten hatte. Da wusste ich, ich habe das Potential, auch bei Olympia einmal vorne mitzulaufen. Aber es gab auch Negativ-Erlebnisse, die entscheidend wurden: Mein letzter Platz über 10000 m bei den Europameisterschaften 1998 in Budapest zwang mich, früher als ich es ursprünglich geplant hatte, auf die Marathonstrecke zu wechseln. Eine kluge Entscheidung, denn mein Debüt in Hamburg in 2:13:36 Stunden zeigte, dass ich dort wirklich meine größten Chancen haben würde. Und dann ging es eigentlich kontinuierlich weiter.

War das ein Mehrjahres-Trainingsplan, der der kontinuierlichen Leistungssteigerung zugrunde lag? Wurden Saison für Saison Umfänge und Intensitäten sukzessive gesteigert?

Ich hatte das Glück, dass ich im Alter von 13 bis 27 Jahren, also bis zu den Olympischen Spielen in Sydney, den gleichen Trainer hatte: Robert Haas. Der hat mich sehr behutsam aufgebaut und ich erinnere mich, dass er mir in Frustrationsphasen – ich wurde viermal Vierter bei Schweizer Jugendmeisterschaften – gesagt hat: ‚Viktor, Du könntest locker jetzt schon so hart trainieren, dass Du Schweizer Meister wirst, aber das bringt Deiner langfristigen Planung nichts. Wir wollen nach Sydney und wir wollen nicht jetzt in der Jugend Medaillen gewinnen.’

Ich war zu der Zeit in der ‚coolsten Clique’ des Dorfes: fünf Jungs des gleichen Jahrgangs, alle haben Länderkämpfe für die Schweiz bestritten oder Medaillen bei Jugendmeisterschaften errungen. Jeder wollte bei uns dabei sein… Doch ich bin der Einzige, der es schließlich bis in die Weltklasse geschafft hat. Robert Haas sagt immer, dass ich auch der Einzige war, der sich an seine Vorgaben gehalten hat. Die anderen haben eben zu oft ein bisschen zu viel gemacht.

Was auffällt, ist Ihr reduzierter Wettkampfplan und die Tatsache, dass Sie immer auf den Punkt fit sind. Die Wettkampfergebnisse zwischen den Topereignissen haben bei weitem nicht das Niveau, welches Sie dann bei einer Meisterschaft zeigen?

Für mich gibt es zwei Wettkämpfe pro Jahr, die zählen, das sind die Marathons. Alle anderen Wettkämpfe sind nur Mittel zum Zweck. Mental und auch, was das Tapering betrifft, konzentriere ich mich alleine auf die Marathons. Der Rest sind Aufbaurennen, aus dem Training heraus gelaufen, zugegeben: Mittelklasseergebnisse. Sie sind aber auch wichtige Standortbestimmungen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ich weiß diese ‚mittelmäßigen’ Leistungen natürlich besser zu bewerten, als Außenstehende.

Gibt es ein Element in Ihrem Training, vielleicht auch allgemein in der Marathon-Weltklasse, von dem man sagen kann, dass es revolutionär ist, eines, welches es vor fünf Jahren noch nicht gegeben hat?

Da bin ich bei ‚vicsystem’, meinem Trainingsprogramm für jedermann, welches ich seit etwa einem Jahr anbiete. Das ist ja nichts anderes, als mein Training runter gebrochen auf die Ansprüche von Freizeitläufern. Was dabei am Anfang das größte Feedback war: ‚Herr Röthlin, die langen Läufe sind zu schnell, das geht nicht, das kann ich nicht.’ Das aber ist genau das Revolutionäre in meinem Training! Wenn ich Laufbücher lese und die Trainingsvorschläge anderer Experten und früherer Marathonstars, dann haben sich meine Long Runs in eine andere Richtung entwickelt: Sie werden insgesamt auf einem hohen Temponiveau gelaufen, teilweise mit Endbeschleunigungen. Und ich habe Erfolg damit. Und auch die Freizeitläufer, die sich schließlich dazu durchgerungen haben, sagen: ‚Es war hart, aber es geht.’

Wie schnell ist ein solcher ‚Long Run’ bei Ihnen dann?

Gerade eben komme ich von einem 38-km-Lauf, den ich in 2:10 Stunden gerannt bin, im Schnitt also etwa 3:30 Minuten pro Kilometer. Dabei bin ich die ersten 5 Kilometer knapp über 20 Minuten reingerollt, was zeigt, wie schnell es hinten raus geworden ist.

Welche ist die wichtigste Trainingseinheit in Ihrer Marathonvorbereitung?

Die Säulen sind die langen Läufe! Ich habe einen Grundaufbau, bei dem ich 30, 35, 38 Kilometer jeweils auf Zeit laufe und dann 40 Kilometer auf einem Niveau, welches nur die Kapillarisierung anregt, also langsam, vielleicht 4:00 Minuten pro Kilometer. Das Ganze über drei Zyklen, so dass ich, die Erholungswochen mitgerechnet, bei zwölf Wochen direkter Marathonvorbereitung bin. Kommt noch die Taperingphase hinzu, sind wir bei rund 14 Wochen, die ich brauche, um mich für einen Marathon vorzubereiten.

Ein hartes Programm! Und Sie übertragen es auf Freizeitläufer: hat das Erfolg?

Das Feedback ist sehr gut! Wir haben versucht, meine Trainingslehre, meine Trainingsgrundsätze zu programmieren, so dass sie ein Computer selbstständig auf andere Leistungsansprüche anwenden kann. Das war eine komplexe Herausforderung und insgesamt ein Projekt von zwei Jahren. Die Erfahrung zeigt, dass die Programme auf allen Marathon-Niveaus funktionieren: Frau, Mann, der Schnellste 2:30 Stunden, der Langsamste 5:00 Stunden. Anfangs glaubte ich selbst nicht, dass es geht. Aber ich wollte es versuchen und wenn ich nur aus einem Misserfolg gelernt hätte. Aber dann stellte ich bald fest: ‚Wow, es läuft und funktioniert.’ Testen muss man es selbst. Ich muss es halt ‚nur noch’ bekannt machen.

Was sind die drei wichtigsten Dinge in der Marathonvorbereitung von Freizeitläufern?

1. Sicher die Regelmäßigkeit. In den drei Monaten vor dem Marathon muss man regelmäßig die Zeit finden, beziehungsweise sich die Zeit nehmen, zu trainieren. 2. Die langen Läufe nicht vernachlässigen. Und – das liegt jetzt auf der Hand – auch mal wagen, diese wirklich schneller zu laufen. 3. Das Ergänzungstraining nicht außer Acht lassen: Lauftechnik, Rumpfstabilität und Fußgymnastik. Das sind die wichtigen Mosaiksteinchen eines erfolgreichen und vor allem gesunden Marathontrainings, die viele Hobbyläufer gerne auch mal nicht beachten.

Dann gehen wir davon aus, dass Sie diese Mosaiksteinchen immer und unbedingt beachten?

Diese Dinge gehören bei mir, wie das Zähneputzen, zum gewöhnlichen Tagesablauf dazu. Ich bin überzeugt, dass die meisten Hobbysportler, die Zeit, die Sie zum Training haben, nur zum Laufen nutzen, was schlussendlich das Überlastungsrisiko enorm erhöht.

Viktor Röthlin

Bild: Runner's World

"Ein Europäer gewinnt Marathon-Gold."

Interview-Endspurt

Bei den folgenden Fragen müssen Sie möglichst kurz und schnell antworten. Keine Nachfrage möglich!

"Ich bin bereit!"

Thema Training
Kilometer pro Woche: 250 oder 150?
250.

Regeneration vor dem Marathon: zwei oder drei Wochen?
Zwei.

Bei Tempoläufen: Spikes oder Lightweight-Trainer?
Lightweight-Trainer.

Lieber Tempoläufe oder Langer Lauf?
Langer Lauf.

Massage: vor oder nach dem Marathon?
Nachher.

Thema Ernährung:
Pasta oder Reis?
Rösti.

Huhn oder Rind?
Beides.

Bier oder Wein?
Wein.

Apfelschorle oder Elektrolytgetränk?
Apfelschorle.

Magnesium oder Calcium?
Keines von beiden.

Aminosäuren oder Carnitin?
Dito.

Thema Persönlichkeiten:
Ali oder Tyson?
Ali.

Haile Gebrselassie oder Kenenisa Bekele?
Haile.

Markus Ryffel oder Bruno Lafranchi*?
Markus Ryffel (schnell).

Cornelia Bürki** oder Franziska Rochat-Moser (verst. 2002)***?
Franziska.

Dieter Baumann oder Waldemar Cierpinski?
Dieter Baumann (hat lange überlegt).

Stefano Baldini oder Viktor Röthlin?
Stefano Baldini.

Wer wird Marathon-Olympiasieger?
Ein Europäer (hat sehr lange überlegt).


Interview: Martin Grüning

*Schweizer Rekordhalter im Marathon mit 2:11:12 h von 1982–2001
** in den 1980er Jahren 47-fache Schweizer Meisterin im Mittel- und Langstreckenlauf
*** erfolgreichste Schweizer Marathonläuferin aller Zeiten; 2002 tödlich verunglückt

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