Jan Frodeno

Man muss das Laufen schon beherrschen

In der olympischen Distanz finishen die Triathleten die 10-km-Wettkampfstrecke teilweise unter 30 Minuten.

Triathleten in der Weltelite sind in drei Disziplinen teilweise nur einen Hauch entfernt von den Spezialisten. Beim Laufen im Triathlon-Weltcup lauft ihr regelmäßig 30er oder 31er Zeiten über die zehn Kilometer, oder sogar unter 30 Minuten. Wie schnell läufst Du die zehn Kilometer ohne Triathlon?
Ja, das stimmt, wir sind ja dieses Jahr sogar schon zweimal deutlich unter 30 Minuten gerannt. In Hamburg waren es exakt 10 Kilometer – mit 29:30 Minuten, in London waren es etwas über 10,1 Kilometer mit 29:50 Minuten. Das wird peu a peu richtig schnell. Aber ehrlich gesagt: Ich denke, dass wir gar nicht mal so viel schneller wären ohne die beiden anderen Disziplinen davor, ohne die Vorbelastung. Einfach weil wir reine Kraftläufer sind. Aber es ist dann schon die Frage des Vergleichs; im Vergleich zur deutschen Spitze sind wir sicher sehr weit dran, wenn nicht sogar vorne mit dabei. Aber da ist natürlich noch ein Quantensprung zur Weltelite der Läufer.

Ähnelt Dein Lauftraining dem der Spezialisten? Oder sieht das Lauftraining eines Olympischen-Distanz-Triathleten ganz anders aus?
Ehrlich gesagt kann ich das gar nicht beurteilen. Ich weiß nicht, wie ein normaler Langstreckenläufer trainiert. Ich weiß, was die Weltelite macht, und dass mir allein fast die Hälfte an Kilometern fehlt. – Wenn die richtig guten Jungs ihre 9.000 Kilometer im Jahr laufen, da bin ich mit meinen knapp 5.000 ein ganzes Stück weit hintendran. – Aber ansonsten unterscheidet sich es sonst glaube ich gar nicht so sehr. Mein Augenmerk ist sehr auf die Geschwindigkeit gerichtet.

Wie ist das Verhältnis von den Triathleten und den Spezialisten - habt ihr Berührungspunkte, trainiert ihr gar vielleicht sogar mal zusammen mit den 10.000-Meter-Läufern oder den Mittelstrecklern?
Ja, immer wieder. Mit der Laufelite wahrscheinlich am allerwenigsten –zumindest deutschlandweit. Aber einen Chris Solinsky oder Craig Mottram – die kenne ich schon besser, und mit denen komme ich auch supergut klar. Es ist halt immer eine Frage, wo und wie man zusammenkommt. Da ist es auch eine Persönlichkeitsfrage. Aber natürlich kenne ich Sportler aus zig anderen Sportarten.

Bis vor ein paar Jahren war es auch bei den Top-Triathleten sehr beliebt, dass sie zwischen den Distanzen gewechselt haben, wie etwa ein Thomas Hellriegel oder Lothar Leder. Heute geht das nicht mehr: wie groß ist die Kluft zwischen den Distanzen?
Die Kluft wächst täglich. Man spezialisiert sich einfach, das ist wie als Marathonläufer bei einem 10.000-Meter-Rennen in der Weltelite zu bestehen. Das ist einfach nicht realistisch. Genau so wie es für mich nicht realistisch ist, dass ich morgen bei einem Ironman starte, und ich einfach nicht vorne mitmischen könnte, weil mir zwischendrin ganz sicher die Energie ausgehen würde und ich da stehen würde mit leerem Tank. Da käme ich wahrscheinlich gerade so torkelnd ins Ziel. Die Disziplinen entwickeln sich immer spezifischer. Wir laufen immer schneller, schwimmen immer schneller – das schaukelt sich so hoch. Ich halte es auch nicht für realistisch, dass da irgendwann noch mal jemand den Spagat schafft.

Einer der Triathleten, der jetzt gerade den Sprung von der olympischen Distanz zur Langdistanz macht, ist Andreas Raelert. Du kennst ihn sehr gut – Andreas ist auch Olympia-Teilnehmer im Triathlon gewesen, jetzt ist er ein Ironman-Sieger. Ist das vielleicht für Dich sogar auch ein Ansporn für später Mal?
Es gibt sehr viele erfolgreiche Triathleten, die von der Kurzdistanz gekommen sind, da erfolgreich waren und dann auch auf der Langdistanz erfolgreich wurden. Etwa Chris McCormack, der sich selbst ja nach wie vor als den besten Triathleten der Welt bezeichnet. Oder Faris Al-Sultan, der ja auch sehr lange versucht hat, sich für Olympia zu qualifizieren. Oder Rasmus Henning, da gibt es einige Beispiele von Kurzdistanz-Triathleten, die den Sprung zur Langdistanz geschafft haben. Und witzigerweise gab es ja auch einige, die Richtung Olympia versucht haben, den Sprung zurück zu schaffen. Nur das halte ich irgendwann nicht mehr für möglich. Denn diese Schnelligkeit wiederzubekommen wird gerade mit wachsendem Alter immer schwerer.

Die Laufleistung ist in den letzten Jahren immer entscheidender geworden. Können nur noch Top-Läufer einen Triathlon auf Welt-Niveau gewinnen?
Man muss das Laufen schon beherrschen. Letztes Jahr, bei meinem ersten Rennen nach Olympia, beim Weltmeisterschafts-Serienrennen in Yokohama, bin ich auf dem Rad weggefahren. Trotzdem bin ich am Ende immer noch in 30,5 Minuten gerannt und hatte am Ende noch 20 Sekunden Vorsprung. Man muss also trotzdem diese Laufleistung immer umsetzen. Es ist bei uns schon so, dass der Läufer auf Dauer der Einzige ist, der eine Chance hat. Es kann zwar schon mal passieren, dass man auch mal so weggkommt. So wie Steward Heyes in Kitzbühel. Er ist eigentlich kein Über-Läufer und hatte die Chance auf dem Rad wegzufahren. Das war aber sicher auch dadurch bedingt, dass die anderen Favoriten und ich uns beobachtet haben und uns gesagt haben: „Na, dann fahr du doch!“

Stichwort Hamburg-Triathlon: Es war ja unglaublich, was auch in diesem Jahr wieder für eine Begeisterung an der Strecke war. Wie das Publikum die Profis anfeuert, sie kennt, ihnen zujubelt. Andererseits starten da auch 8.000 Hobby-Triathleten, weil viele sich da einfach mal ausprobieren wollen in dieser Sportart Triathlon. Wieso ist aus Deiner Sicht Triathlon so populär geworden?
Einerseits ist Triathlon die Präventiv-Sportart Nummer Eins. Es fordert den Körper sehr unterschiedlich – das ist auch ein Unterschied zum Marathonlaufen. Nach einem Marathon tut einem eine ganze Weile lang alles weh. Bei einem Drei-Stunden-Triathlon ist das zumindest nicht so einseitig, es ist ausgeglichener. Andererseits ist Triathlon auch eine entspannte Sportart in einer entspannten Atmosphäre, mit Show, mit Musik, mit städtischen Events. Und selbst die Wald- und Wiesen-Wettkämpfe haben einen echten Charme, wo man unter halbwegs entspannten Bedingungen doch seinen Wettkampf machen kann. Die körperliche Belastung ist dabei überschaubar. Marathon kann man ja als Hobby-Läufer vielleicht einen oder zwei pro Jahr laufen, im Triathlon geht das häufiger. Die Hobby-Sportler können sich im Triathlon sehr gut mit den Top-Sportlern identifizieren, weil sie greifbarer und viel nahbarer sind. Und man muss ja auch sagen, dass so eine Olympische Distanz für viele greifbar ist. 1.500 Meter schwimmen, das ist wahrscheinlich noch das abschreckendste für die meisten. Aber 40 Kilometer Radfahren, das geht irgendwie, das kriegt man schon rum. 10 Kilometer Laufen ist auch keine Überdistanz. Und das zu kombinieren – das ist eine Herausforderung, die realistisch ist. Das ist natürlich schon respekteinflößend, weil es direkt hintereinander ist, aber es eben doch auch sehr reizvoll.

Du sprichst die anderen Favoriten an, wie gut kennt man sich? Wie gut kennst Du Javier Gomez, Deinen stärksten Verfolger?
Sehr gut. Wir kennen uns auch schon eine ganze Weile. Ich hatte auch schon das Glück, durch das Team-Format in Frankreich, mit ihm zu starten. Das war eine richtig coole Erfahrung. Ich habe unheimlichen Respekt vor ihm und schätze ihn sehr.

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