Mit hohem Umfang zum Erfolg

Yobes Ondieki

Yobes Ondieki lief 1993 als Erster die 10000 m unter 27 Minuten. Mit seinem Weltrekord schrieb er Sportgeschichte.

Zur Person:

Geboren am 21. Februar 1961 in Kisii (Kenia)
Größe 1,70 m
Gewicht: 55 kg

Es dauerte elf Jahre von der ersten 10000-Meter-Zeit unter 29 Minuten bis zur ersten unter 28 Minuten, aber 28 Jahre bis auch die 27-Minuten-Grenze geknackt war. Am 10. Juli 1993 lief Yobes Ondieki in Oslo die 25 Bahnrunden als erster Mensch unter 27 Minuten. Seine 26:58,38 waren fast zehn Sekunden unter Landsmann Richard Chelimos fünf Tage altem Weltrekord. Zwei Jahre zuvor hatte Ondieki bei den Weltmeister- schaften in Tokio die 5000 Meter gewonnen, indem er bereits in der zweiten Runde dem ganzen Feld davonlief. Der Kenianer mit Abschluss in Business Administration an der Iowa State University trat 1989 erstmals ins Rampenlicht. Da hatte er auf den 5000 Metern Said Aouitas zehn Jahre dauernde Ungeschlagenheit beendet.

Ausdauertraining hilft einem das ganze Jahr
Auf die Frage nach seinem Erfolgsrezept muss Yobes Ondieki nicht lange überlegen: „Die tägliche Trainingsbelastung war hoch, schon als 5000-Meter-Läufer. Meine Erfahrung ist die: Wenn du in den ersten Monaten des Jahres viel Ausdauer trainierst, manchmal aufgeteilt in drei Einheiten pro Tag, hilft dir das während der ganzen Saison. Bevor ich oft mehr als 190 Kilometer in der Woche trainierte, das heißt vor 1988/89, war ich ein ziemlich durchschnittlicher Läufer.“ Bis 1987 stand er mit einer Bestzeit von 13:35,5 zu Buche. 1988 steigerte er sich auf 13:17,06, 1989 dann auf 13:04,24, damals Jahresweltbestzeit.

Kombination aus Umfang und Qualität
Wer sich Ondiekis Trainingstagebuch vom Jahr 1993 anschaut, dem fällt auf, dass er schon im Februar regelmäßig Bahneinheiten absolvierte. Er kombinierte Umfang und Qualität. Als Beispiel die ersten zehn Tage im Februar in Flagstaff, Arizona (1600 m ü. M.):
1. Februar: morgens (mo.) 63 min; nachmittags (nm.) 62 min.
2. Februar: mo. 10 min Einlaufen (EL), 5 x 800 m in 2:09-2:10 min (Pause 2:30 min), 5 x 400 m in 62-63 sec (Pause 1 min), 15 min Auslaufen (AL); nm. 3 km EL + 10 x Hügelsprints.
3. Februar: mo. 16 km in 62 min.
4. Februar: mo. 15 min EL + 1500 m in 4:10 min, 15 min AL; nm. 16 km in 58 min.
5. Februar: mo. 15 km in 63 min; nm. 15 km in 59 min.
6. Februar: mo. 31 km in 1:56 h.
7. Februar: mo. 15 km in 63 min; nm. 10 min EL + 2 Serien à 10 x 200 m in 32 sec (Pause 30 sec), 10 min AL.
8. Februar: mo. 19 km in 1:27 h; nm. 30 min schnell.
9. Februar: mo. 12 min EL + 2 x 100 m, 10 x 400 m in 65 sec (Pause 1 min), 10 min AL; nm. 44 min langsam.
10. Februar: mo. 57 min langsam; nm. 10 min EL + 10 x 100 m, 10 min AL.

Umstieg auf die 10000m
Ein Jahr nach dem WM-Titel in Tokio rechnete Ondieki bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona mit einer Medaille, insgeheim sogar mit Gold, aber es lief nicht wie erhofft, er wurde nur Fünfter. Danach begann er sich ernsthaft mit den 10000 Metern zu beschäftigen. Um die Ausdauerbasis zu verbessern, steigerte er den Trainingsumfang im Winter nochmals leicht und lief Long Jogs zu zwei Stunden. Bereits in den ersten Wochen des Jahres 1993 stand fest, dass er am 10. Juli in Oslo den Weltrekord angreifen würde. Ondiekis Ziel war eine Zeit von 27:05 Minuten, aber er wollte die erste Streckenhälfte in 13:25 angehen. Er rechnete sich aus: 13:25 für die erste Hälfte und 13:40 Minuten für die zweite würden ausreichen. Schließlich passierte er die 5000 Meter in 13:28,05 und erreichte das Ziel nach 26:58,38.

Auf den ersten zwei Kilometern seines Weltrekordlaufs fühlte er sich müde. „Wahrscheinlich war ich nach dem harten Training in der Schweiz nicht frisch genug“, sagt er im Rückblick. „Doch dann kam ich in einen guten Rhythmus. Erst eingangs der letzten Runde, als ich auf der Uhr so etwas wie 25:58 erkannte, realisierte ich aber, dass sogar eine Zeit von unter 27 Minuten möglich war.“ So wie der Tscheche Emil Zatopek, der als Erster unter 29 Minuten blieb (28:54,2 im Jahre 1954), und der Australier Ron Clarke als Erster unter 28 Minuten (27:39,4 im Jahre 1965), schrieb Yobes Ondieki mit seiner Leistung Sportgeschichte.

„Es macht mir nichts aus, dass inzwischen schon mehr als zwanzig Athleten schneller gelaufen sind und Bekeles Weltrekord nun bei 26:17 steht. Ich war der Erste unter 27 Minuten und das kann mir niemand nehmen“, sagt der Mann, der heute in Eldoret eine Gruppe mit mehr als zwanzig Läufern trainiert, nicht ohne Stolz.

Yobes Ondieki: Das Training vor seinem Weltrekord-Lauf 1993