Ausprobiert

Wie fühlt es sich an, blind zu laufen?

RUNNER'S WORLD-Chefredakteur Martin Grüning wollte herausfinden, wie es sich anfühlt, wenn man beim Laufen nichts sehen kann.

Martin Grüning mit Kollegen Urs Weber beim Versuch, blind zu laufen

Voller Vertrauen: Chefredakteur Martin Grüning an der Hand seines Kollegen Urs Weber

Bild: Christian Kerber

Die Bedingungen:
1) Ein Sehender bekommt eine Augen­blende, die kein Licht durchlässt.
2) Eine profilierte Laufstrecke mit wechselnden Untergründen.
3) Der Nicht-Sehende wird von einem Lauf­partner an einem Band über die Strecke geführt.
4) Es gibt keinerlei ­Tempo- oder Distanz­vorgaben. Der Versuch kann jederzeit ab­gebrochen werden.


Plötzlich wurde es stockdunkel. Am hellichten Tag. Die Augenblende ließ keinen Lichtstrahl durch. Kein Hell, kein Dunkel – ich sah nichts mehr. Instink­tiv versuchte ich durch Augenkreisen eine ­Lücke zum Licht zu finden. Nichts. Und wir liefen los. Langsam, extrem langsam. Nicht weil ich langsam laufen wollte, sondern einzig, weil ich schneller nicht konnte. Der Lauf­untergrund bereitete mir erstaunlicherweise keine Probleme. Das hatte ich anders erwartet. Aber ob der Boden nun fest oder uneben war, tangierte mich nicht. Ich merkte jedoch bald, dass ich unbewusst meinen Laufstil veränderte. Obwohl ich eigentlich Fersenläufer bin, tastete ich mich plötzlich über den Vorfuß vo­ran. Und während ich sonst ziemlich aufrecht laufe, beugte ich mich nun auf einmal leicht nach vorn. Ich suchte offensichtlich den Laufstil, der mich einen Sturz am leichtesten abfedern ließe.

Ja, ich hatte Angst. Zugegeben, ich bin ohnehin kein sehr mutiger Mensch. Aber mit den ersten Laufschritten als Nicht-Sehender wurde ich zum richtigen Angsthasen. Ich hatte erwartet, dass ich mich zumindest auf mein Gehör etwas mehr als sonst würde verlassen können, wo ich doch schon nichts sah. Doch es war ent­täuschend: Ich hörte Entgegenkommende erst, wenn sie schon fast vorbei waren, und Hunde oder Radfahrer, die uns passierten, hörte ich gar nicht.

Aber ich fasste zunehmend Mut. Und dabei war sehr wichtig, dass ich den Laufpartner kannte, der mich am Bändchen führte. Nach jahrelanger Freundschaft wusste ich, dass ich mich auf ihn verlassen konnte. Nahm er mich richtig an der Hand fiel mir das Laufen sehr viel leichter, als wenn uns nur das Band verband. Gab er Kommandos, brachte mich das interessanterweise aus der Fassung. „Achtung, gleich ein Pfahl!“ machte mich nervös. (Ich blieb sofort stehen!) Besser schien mir, wenn er nichts sagte, mich aber deutlich in Richtungen zog. Irgendwann hatte ich zumindest gelernt, dass die Gefahr eines Sturzes kaum bestand. Aber es fehlte mir das Gefühl kompletter Leichtigkeit, das ich sonst vom Laufen kenne.

Nach vier Kilometern hatte ich genug. Ich war überfordert, riss mir die Augenblende runter. Wir liefen die Strecke sehend zu Ende, und es war natürlich klar, worüber wir uns auf dem Weg zurück in die Redaktion unterhielten: über blinde Läufer, die tatsächlich nichts sehen, für die vier Kilometer an der Hand eines Freundes eine Lächer­lichkeit sind – und die ohne Augenlicht so erstaunlich sicher durch ihr ganzes Leben wandeln.

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