Der Doppelolympiasieger

Waldemar Cierpinski

1980 gewann er in Moskau nach einer taktischen Meisterleistung Gold und wurde zum zweiten Mal Marathon-Olympiasieger.

Marathonrekordler Jörg Peter mit dem Doppel-Olympiasieger über Marathon Waldemar Cierpinski.

Waldemar Cierpinski (rechts) im Gespräch mit Jörg Peter.

Bild: Claus Dahms

Zur Person
Geboren am 3. August 1950 in Neugattersleben bei Halle

Waldemar Cierpinski wurde in der Nachkriegszeit in einer Bauernfamilie unter ärm­lichen Verhältnissen groß. Er selbst erzählt gerne, dass er schon als Kind gelernt habe, »Eigenschaften wie Disziplin, Ausdauer und die Bereitschaft, ohne zu stöhnen Belastungen auf mich zu nehmen, zu entwickeln, die sich später auch im Leistungssport positiv auswirkten«. Überliefert ist ein sonntäglicher 55-km-Lauf des 15-jährigen Waldemar nur mit einem Stück Kuchen im Bauch, bei dem er einfach einmal testen wollte, wie weit er wohl ohne Unterbrechung laufen könne.

Sein Talent wurde bald offensichtlich, und er wurde in die umfassenden Förderstrukturen des DDR-Sportsystems in der Kinder- und Jugend- sportschule in Halle eingebunden. 1972 war er zwar mit 8:32,2 bes­ter Hinder­nisläufer der DDR, doch für die Olympia-Teilnahme in München war er 2,2 Sekunden zu langsam (dafür nahm seine Freundin Maritta Politz über 800 Meter teil, die er ein Jahr später heiratete).

1974 lief Cierpinski in Kosice seinen ersten Marathon, wurde Dritter in 2:20:28 und beschloss auf der Rückfahrt, dass er von nun an Marathonläufer sei. Über 2:17:31 (Kosice 1975, 7. Platz) und 2:13:58 (Karl-Marx-Stadt 1976, 1. Platz) steigerte er seine Marathon-Bestzeit schließlich nur sechs Wochen später auf 2:12:22 (Wittenberg, 1. Platz) und qualifizierte sich für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal. Beim Olympia-Marathon suchte ­Favorit Frank Shorter schon kurz nach der Hälfte die Entscheidung, aber Cierpinski lag immer in der Spitzengruppe und ließ Shorter nie mehr als 30 Meter ziehen. Bei Kilometer 34 zog Cierpinski selbst auf und davon und siegte für alle überraschend.

Der Plan "Olympische Spiele 1980"
Nur wenige Wochen nach dem Erfolg begann Cierpinski zusammen mit seinem Trainer Walter Schmidt am Plan »Olympische Spiele 1980« zu arbeiten. Über mehr Tiefen als Höhen steuerte Cierpinski mit einer Rekordleistung an Laufkilometern das Jahr 1980 an. Erst ein Sieg im April des Olympiajahres in Karl-Marx-Stadt in 2:11:17 Stunden gab ihm die Sicherheit für die Qualifikation und das olympische Rennen. In Moskau entwickelte sich der Marathon auf den letzten sieben ­Ki­lometern zu einem spannenden Zweikampf zwischen dem niederländischen Europare­kord­ler Gerard Nijboer und Waldemar Cierpinski, der einen Vorsprung von 17 Sekunden (2:11:03) ins Ziel rettete. »Nennen Sie Ihren Sohn Waldemar«, rief TV-Reporter Heinz ­Florian Oertel, als Waldemar Cierpinski ins Moskauer Olympiastadion einlief.

Er und der Äthiopier Abebe Bikila (1960, 1964) sind bis heute die einzigen, die ihre Marathon-Olympiasiege wiederholen konnten. Cierpinskis letzter großer Erfolg war Platz 3 bei den Weltmeisterschaften 1983 in Helsinki (2:10:37). Ein Start bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles wurde ihm durch den Boykott der DDR verwehrt, ein weiterer Olympiasieg schien nach dem WM-Ergebnis des Vorjahres nicht einmal unmöglich, doch ist es müßig, darüber zu spekulieren. Beendet hat Cierpinski 1985 bewusst seine Karriere dort, wo sie begann, im Kosice (2:19:05, 5.) in der heutigen Slowakei.

Der Dauerlauf in allen Varianten war Cierpinskis beliebteste Trainingsform. Sein Training war eine Kombination von Läufen mit hohen Geschwindigkeiten (im Schnitt 20 Kilometer lang) und marathonspezifischen Läufen über 35 Kilometer und mehr. Dazu kamen noch Einheiten zwischen 15 und 25 Kilometer im mittleren Intensitätsbereich (Tempo 3:20–3:40 min/km), um auf die notwendige hohe Gesamtbelastung zu kommen. In seinen besten Zeiten lief er z. B. 20 Kilometer in 1:02 Stunden und am nächsten Tag bis zu 40 Kilometer in »ruhigem Tempo« (4:00 min/km).

O-Ton Cierpinski: »Um eine bestimmte Zielgeschwindigkeit laufen zu können (in seinem Fall waren dies 3:06 min/km für eine Zeit von 2:10 im Marathon), muss ich nicht nur ausdauernd sein, sondern auch meine motorischen Fähig­keiten schulen, also in der Lage sein, 400 Meter auch unter 60 Sekunden zu laufen. Deshalb habe ich auch kurze und schnelle Tempoläufe gemacht, die als solche gar nicht marathonspezifisch waren. Diese Tempoläufe habe ich in den ersten 20 Wochen der Jahresplanung gesteigert und danach wieder reduziert. Dann galt es, die konditionelle Komponente zu steigern, sprich: die Ausdauer. Diese Dauerläufe habe ich dann auch im Tempo und in der Streckenlänge langsam gesteigert, angefangen von 15 Kilometern im Tempo 4 min/km bis hin zur Halbmarathondistanz im Tempo 3:15 min/km.«

Zusätzlich steigerte er auch das Tempo seiner Tempodauer­läufe. Ein Beispiel aus dem Vorbereitungsjahr auf die Olympischen Spiele 1980, die Streckenlänge wurde in der Zeit von 15 auf 20 Kilometer gesteigert: Woche 1–10 3:13 min/km, Woche 11–20 3:10 min/km, Woche 21–30 3:09 min/km, Woche 31–40 3:07 min/km, Woche 41–50 3:02 min/km. Im Vorfeld der Olym­pischen Spiele 1976 hatte er das Tempo im selben Zeitraum von 3:16 min/km auf 3:06 min/km gesteigert!

Waldemar Cierpinski:Training aus der Vorbereitung für den Olympiamarathon 1976.

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