Geduld macht sich bezahlt

Viktor Röthlin

Viktor Röthlin ist 2007 der zweitschnellste Europäer über Marathon. Bei der LA-WM will er vorne mitlaufen.

Zur Person:
Geboren am 14 Oktober 1974 in Kerns (Kanton Oberwalden)
Größe: 1,72 m
Gewicht: 60 kg

Seit dem Zürich-Marathon am 1. April ist der 32-jährige Schweizer Viktor Röthlin der schnellste Marathonläufer im deutschsprachigen Europa. Mit 2:08:20 Stunden löste er den Deutschen Jörg Peter ab, der 19 Jahre lang die Spitzenposition gehalten hatte (2:08:47, 1988 in Tokio, siehe hier). Röthlins Vorstoß in die Weltelite kam nicht über Nacht. Er benötigte sieben Jahre, ehe er in seinem 14. Marathon letztes Jahr in Göteborg Europameisterschafts-Zweiter wurde.

Früher Umstieg zum Marathon
Zürich war sein 15. Rennen über 42,195 Kilometer. Auf keiner anderen Distanz ist soviel Ausdauer und Geduld gefragt wie im Marathon. Das gilt für einen Leistungssportler noch mehr als für einen Hobbyläufer. Bis er 28 Jahre alt war, hat sich „Vik“, wie sie ihn in der Schweiz nennen, jedes Jahr auf mindestens einer Distanz verbessert, seit er 1990 als A-Jugendlicher unterwegs war und die 3000 Meter in 9:00,99 Minuten lief. Das spricht für den behutsamen, zielgerichteten Aufbau, hat aber auch damit zu tun, dass er in all den Jahren nie ernsthaft verletzt war und Trainingsumfang und -intensität kontinuierlich steigern konnte. Nach seinem sechsten Rang über 5000 Meter bei der Junioren-EM 1993 dauerte es fünf Jahre, bis sich Viktor Röthlin für eine Europameisterschaft qualifizieren konnte. In Budapest wurde er im 10000-m-Rennen dann allerdings nur 19., mehr als eine Minute über seiner Bestzeit, was zur Folge hatte, dass er früher als eigentlich geplant auf den Marathon umstieg.

Erfolgsbilanz
Im dritten Jahr als Marathonläufer riss Röthlin erstmals den Schweizer Rekord an sich, als er in Berlin 2:10:54 Stunden lief. Drei Jahre später war er bei 2:09:56 angelangt, bevor er letztes Jahr in Göteborg seinen ersten ganz großen Coup landete. Die EM-Silbermedaille hinter dem italienischen Olympiasieger Stefano Baldini und vor dem Spanier Julio Rey gab Röthlin einen gewaltigen Schub. Nun sagt er: „In Göteborg habe ich realisiert, dass in einem Meisterschaftsrennen andere Faktoren wichtiger sind als die Position in der Weltrangliste. Dies gilt auch für die diesjährigen Weltmeisterschaften in Osaka.“ Vor dem Zürich-Marathon sprach er offen über den Landesrekord, der „längst fällig“ sei. Er ist einer, der mit dem Druck umgehen kann. Aber auch einer, der, wenn es ums Training geht, sehr diszipliniert ist und nichts dem Zufall überlässt. So hatte er sich Ende 2005 entschlossen, seine Teilzeitstelle als Physiotherapeut am Swiss Olympic Medical Center in Magglingen aufzugeben, um sich ganz auf den Sport konzentrieren zu können.

Wichtige Impulse aus Kenia
Viktor Röthlin hat keinen eigentlichen Coach. Er arbeitet mit verschiedenen Beratern zusammen, auch für die Ernährung. Wichtige Impulse, was das Training betrifft, bekommt er in Kenia. 1998 reiste er zum ersten Mal ins Land der Läufer, um dem Winter in Mitteleuropa auszuweichen. Inzwischen ist dieser Trainingsaufenthalt zu einer Gewohnheit geworden. Im Jahre 2005 schloss er sich der Gruppe von Martin Lel an, der zum Stall des Italieners Gabriele Rosa gehört und in Kenia von Claudio Berardelli trainiert wird. In dieser Trainingsgemeinschaft hat Viktor Röthlin den Schritt zum Top-Marathonläufer vollzogen. Dennoch machte er auch in diesem Jahr nicht alle Trainings mit den Kenianern mit. Er pickte sich die qualitativen Einheiten heraus, meist drei pro Woche, weil er davon am meisten profitieren kann. Die Trainings, die ein Marathonläufer noch braucht, um auf über 200 Wochenkilometer zu kommen, lief er in seinem eigenen Rhythmus. Zur Förderung der Kraft läuft Röthlin regelmäßig im hügeligen Gelände. Er trainiert die Kraft aber auch gezielt in Form von Fußgymnastik, Rumpfstabilität oder spezifischen Übungen für die Beine im Kraftraum. Wenn es in Kenia zum Training nach Ziwa oder Kapsabet geht, muss er oft schon um fünf Uhr aufstehen, doch das scheint ihn nicht zu stören. „Die Motivation fürs tägliche Training ist nach wie vor sehr groß“, sagt er und erinnert dann an die Anfangszeit: „Als ich mich 1992 mit 18 Jahren für die Cross-Weltmeisterschaften in Boston qualifizieren konnte, war ich erstmals in meinem Leben richtig im Ausland. So wie man von den Afrikanern oft sagt, sie würden für ein besseres Leben laufen, so konnte auch ich durchs Laufen eine neue Welt entdecken. Das war meine Motivation. Inzwischen bin ich auf allen Kontinenten gewesen. Für mich ist Laufen kein Job, den ich ausübe. Ich spüre noch immer diese Freiheit, wenn ich laufen gehe.“

Vorbereitungszeit
Röthlins Marathonvorbereitung dauert 14 Wochen. Zwölf Wochen braucht er für das eigentliche Training, die letzten zwei Wochen dienen der Erholung. In der letzten Woche läuft er noch rund fünfzig Prozent des gewohnten Umfangs. Am Dienstag vor dem Marathon absolviert er sein Abschlusstraining (zwanzig Minuten Marathontempo) und verbringt ansonsten viel Zeit in der Horizontalen. Was das Essen betrifft, macht er ein Carboloading, das heißt drei Tage fasten und anschließend drei Tage Kohlenhydrate im Überschuss. Und für einen Schweizer nicht völlig überraschend: Am Vorabend des Marathons gibt es keine Teigwaren, sondern eine Rösti (grob geraspelte Bratkartoffeln).

Viktor Röthlin: Trainingswoche im Höhen-Trainingslager

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