Pacing beim Crosslauf

Übermotivation statt kluger Renntaktik

Crossläufer orientieren ihre Einteilung am Führenden und nicht am eigenen Tempogefühl. Deshalb werden auch die weltweit besten Crossläufer im Rennverlauf langsamer.

Crossmeisterschaften Kenia 2013

Impression von den Crosslauf-Meisterschaften 2013 in Kenia.

Bild: Norbert Wilhelmi

Wie teilen sich Top-Läufer einen Wettkampf ein, bei dem sie keine Tempoorientierung haben? Die meisten Crossläufer orientieren ihre Einteilung am Führenden und nicht am eigenen Tempogefühl.

Eine neue Studie im Journal of Sports Sciences von Brian Hanley von der Leeds Metropolitan University in Großbritannien analysierte das Pacing-Muster der Läufer bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften. Hanley untersuchte die Rundenzeiten aller Teilnehmer in den Männer-Rennen der letzten zehn Meisterschaften zwischen 2002 und 2013 und setzte sie prozentual ins Verhältnis zu den Rundenzeiten des späteren Siegers. Die Grafik unten zeigt die Ergebnisse.

So ziemlich jeder, einschließlich der späteren Silber- und Bronzemedaillengewinner, startete schnell und versuchte am Führenden dranzubleiben, fiel dann aber während des Rennverlaufs Schritt für Schritt zurück. Dabei sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass dies zumindest in der Theorie die besten Läufer der Welt sind, die viel Erfahrung haben und im Stande sein sollten, ihr Tempo optimal einzuteilen. Also, was passiert hier? Die Autoren versuchen dies so zu erklären:

Die Verfolger im Crosslauf entscheiden sich für diese Verhaltenstaktik, da hier nur die Endplatzierung zählt und die erzielte Zeit keine Rolle spielt (Renfree & St Clair Gibson, 2013), außerdem weil sie das Tempo im Gelände nicht richtig einschätzen können (Abbiss & Laursen, 2008) und wegen eines möglichen Windschatteneffektes (Hanley u. a. 2011).

Das prozentuale Verhältniss der Rundenzeiten zwischen Sieger und allen anderen Teilnehmern bei den letzten zehn Crosslauf-Weltmeisterschaften.

Bild: runnersworld.com

Wie im ersten Punkt bemerkt, ist das Ziel beim Crosslauf alleine eine gute Platzierung und nicht die Zeit (anders als auf der Bahn), da die Läufer ihre Anstrengungen im direkten Vergleich zu den Konkurrenten und nicht in Zeiten messen. Aber ich vermute, dass der zweite Punkt bezüglich der schwierigen Tempo-Einschätzung und Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit im Gelände eine wichtigere Rolle bei dieser Renntaktik spielt. Und dies wirft die weitere Frage auf: Ist das wirklich so schlecht? Hanley glaubt, dass diese Art von Tempoeinteilung für alle außer dem späteren Sieger ein „Fehler“ ist. Sein Fazit: „Athleten sollten beachten, dass von einer defensiven Renneinteilung in der Frühphase des Rennens nicht nur das gesamte Feld, sondern auch diejenigen, die einen Medaillenrang zum Ziel haben, profitieren können.“

Das scheint sehr logisch, aber die Daten erzählen uns wenig darüber, welche Einteilung tatsächlich die beste ist. Wäre es für das Mittelfeld besser langsam anzugehen und das Tempo erst allmählich während des Rennens anzuziehen; oder würde die Läufer das Gefühl, dass sie nach ein oder zwei Runden zurückfallen, so demoralisieren, dass dies zu einer schlechteren Leistung führt? Hätte der Bronzemedaillengewinner besser abgeschnitten, wenn er langsamer angegangen wäre, statt sich an den Führenden zu hängen; oder wäre es für ihn unmöglich geworden, nach einem langsameren Start wieder an die Spitzengruppe ranzukommen? Ich weiß keine Antworten auf die Fragen, und ich vermute, dass es auch nicht nur eine Antwort gibt – alles hängt vom Läufer, seiner Konkurrenz und den Umständen ab.

Leistungsüberprüfung im Lauflabor anhand unterschiedlicher Tests

Dazu noch eine andere, eher technische Bemerkung. In sportphysiologischen Studien gibt es eine ständige Debatte darüber, ob es besser ist, Leistungen mit Hilfe von „Zeitfahr“-Tests (TT) oder „Zeit bis zur Erschöpfung"-Tests (TTE) zu überprüfen. Beim Ersteren handelt es sich grundsätzlich um ein Einzelrennen im Labor, in dem eine bestimmte Entfernung in der schnellstmöglichen Zeit zurückgelegt werden soll. Beim Zweiteren laufen Sie (fahren Rad oder was auch immer) ein bestimmtes Tempo so lange wie möglich, bis Sie nicht mehr können. Bei TTE-Tests reagieren die Probanden auf kleine Veränderungen in der Fitness sehr viel empfindlicher, aber viele Wissenschaftler finden, dass sie keine „ökologische Gültigkeit“ haben - d. h. sie geben nicht wieder, was Sportler in der realen Umwelt tun. In dieser Ansicht gibt es also entscheidende Unterschiede zwischen den geistigen und physischen Anforderungen des TT- und des TTE-Tests, so dass ein Eingreifen, welches die TTE-Leistungen eventuell verbessert, nicht gleichzeitig in eine Verbesserung der TT-Leistung (und damit in den realen Rennsport) übersetzt werden kann.

Die Aussage, die Trainer und Physiologe Trent Stellingwerff machte, als er diese Studie sah, ist, dass sich für alle außer dem Sieger, ein Real-Life-Rennen wie die Crosslauf-Weltmeisterschaft eher wie ein TTE-Test denn als Zeitfahrtest (TT) anfühlt. Sicher, die meisten Läufer sind nicht ausgestiegen, als sie müde wurden - aber sie liefen im Grunde solange wie sie mit dem späteren Sieger Schritt halten konnten und wurden dann allmählich langsamer. Insofern haben TTE-Tests schließlich doch noch eine ökologische Gültigkeit.

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