Alex Hutchinsons Lauflabor

Trailläufer profitieren vom Laufstil-Wechsel

Fersenlauf, Vorfuß- oder Mittelfußlauf? Der Wechsel zwischen verschiedenen Laufstilen während eines Wettkampfes kann für Trailläufer vorteilhaft sein.

Lauflabor Laufstil

Mit einem neuen Sensor kann der Laufstil über ein ganzes Rennen hinweg gemessen werden.

Bild: Michael Portmann

Fersenlauf, Vorfuß- oder Mittelfußlauf? Es gab in den letzten Jahren immer wieder Diskussionen darüber, wie der Fuß beim Laufen am besten auf dem Boden aufsetzen sollte. Aber Daten darüber, wie die Sportler in der Realität tatsächlich laufen, gibt es kaum. Man kann eine Kraftmessplatte verwenden, um einige Schritte im Labor zu messen oder eine Hochgeschwindigkeits-Videokamera einsetzen, wenn der Athlet während eines Rennens vorbeiläuft. Aber wie steht's mit der Messung jedes einzelnen Schrittes während eines langen Rennens, um herauszufinden, wie variabel die Fußbewegungen sind und wie sie sich auf unterschiedlichen Terrains oder bei Ermüdung verändern?

Letztes Jahr veröffentlichte eine Forschergruppe in Frankreich an der Universität Lyon (inzwischen an der Universität Savoie Mont Blanc) unter der Leitung von Marlène Giandolini und dem Schuhhersteller Salomon eine Studie im Journal of Biomechanics, die eine neue Möglichkeit zeigt, Fußbewegungen im freien Feld zu messen. Die Wissenschaftler befestigten zwei kleine Funk-Beschleunigungsmesser am Schuh, einen im Fersen- und einen im Vorfußbereich, und synchronisierten deren Daten. Jeder Beschleunigungsmesser erzeugt einen Spitzenwert, sobald der jeweilige Teil des Fußes den Boden berührt. Bei einem Fersenauftritt registriert der Fersen-Beschleunigungsmesser eine Spitze vor dem Zehen-Beschleunigungsmesser. Bei einem Vorfußauftritt ist es genau umgekehrt. Wenn zwei Spitzen zur gleichen Zeit auftreten, handelt es sich um einen Mittelfußläufer.

Das Diagram zeigt, dass Bergläufer Kilian Jornet alle drei Laufstile zu verwenden scheint.

Bild: Alex Hutchinson

Bestimmung des Laufstils von Star-Trailläufer Kilian Jornet

Nun haben einige derselben Forscher einen neuen Bericht in der Zeitschrift Footwear Science veröffentlicht. Dafür haben sie die gleiche Technik im freien Feld bei einem der berühmtesten Trail- und Ultraläufer der Welt, Kilian Jornet, angewendet. Die Daten wurden während Kilian´s Classik 2013 in Font-Romeu auf dem 45-Kilometer-Trail mit mehr als 1.600 Metern Höhenunterschied gesammelt. Jornet gewann das Rennen in 4:23:18 Stunden und trug dabei drei Beschleunigungsmesser (einen zusätzlich an seinem Schienbein). Diese wurden mit einem GPS-Gerät synchronisiert, so konnten die Forscher die Fußbewegungen mit dem Gelände abgleichen, durch das Kilian lief. Der einzige Haken: Die Batterie des GPS fiel nach ungefähr zwei Stunden aus. Somit konnten nur Daten der ersten Rennhälfte aufgezeichnet werden.

Das wichtigste Diagramm der Studie zeigt den Anteil der Vorfuß- (oben), Mittelfuß- (Mitte) und der Fersenauftritte (unten) während verschiedener Rennabschnitte und wie diese in Beziehung zum Höhenprofil (die allgemein ansteigende Linie) und zur Geschwindigkeit (die Linie, die auf und ab geht) stehen. Sofort fällt ins Auge, dass man nicht wirklich sagen kann: „Jornet ist ein ... – Läufer.“ Er scheint alle drei Laufstile zu verwenden, was wahrscheinlich viel mit dem sehr unwegsamen Gelände zu tun hat, auf dem er lief. Eine leichte Tendenz zu vermehrtem Fersenlauf ist erkennbar, je länger das Rennen andauert. Ich fragte bei Giandolini genauer nach und sie erklärte mir, dass Jornet eigentlich ein Vorfußläufer sei, was hauptsächlich die Wadenmuskulatur beansprucht. Auch häufiges Bergauf-Laufen belastet die Wadenmuskeln zusätzlich. „Somit liegt der Schluss nahe, dass die Kombination dieser beiden Faktoren Kilian dazu gebracht hat, seine Lauftechnik zugunsten einer Wadenmuskelentlastung zu modifizieren." Es wäre sicher aufschlussreich gewesen zu sehen, ob sich diese Tendenz in der zweiten Rennhälfte fortsetzte.

Wechsel zwischen den Laufstilen könnte entscheidender Vorteil für Trailläufer sein

Es wäre ebenfalls interessant, wie sich die Daten von Jornet im Vergleich mit eher „durchschnittlichen" Läufern darstellen und wie sich diesbezüglich Trailrunning mit Straßenlaufen vergleichen lässt. Einige Studien anhand von Videoanalysen bei großen Straßenrennen belegen, dass Vorfußläufer im Durchschnitt etwas schneller laufen als Fersenläufer. Eine der interessantesten Aussagen Giandolinis ist, dass der beste Ansatz beim Trailrunning (auf unebenem Gelände und mit großen Höhenunterschieden) auch ganz anders aussehen könnte: Anstatt irgendeinen Laufstil als ideal festzulegen, könnte die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Laufstilen umzuschalten für einen Trailläufer von viel größerem Nutzen sein.

„Ist die Fähigkeit des Läufers, von einer Technik zur anderen wechseln zu können, ein Leistungskriterium?“, fragte sie. „Wir denken, dass das der Fall sein kann. Wir denken, dass die Fähigkeit eines Trailläufers, sich den extrinsischen (z.B. Gelände, Oberfläche) und intrinsischen (z.B. Erschöpfung, Schmerzen) Gegebenheiten anzupassen, von Vorteil für ihn ist." Das deutet darauf hin, dass Straßen- und Trailrunning ganz unterschiedliche Laufstil-Anforderungen haben. Für Trailläufer ist es wichtiger, Muskelschäden und Verletzungen zu vermeiden, als kleine Veränderungen in der Lauftechnik vorzunehmen. Daher macht bei ihnen ein Umschalten zwischen den Lauftechniken oft Sinn. Für Straßenläufer auf relativ flachen Oberflächen ist die Laufökonomie wichtiger, daher ist es für sie ideal, ihre Schrittbewegungen so wenig wie möglich zu verändern, um genügend Ausdauer während des kompletten Wettkampfes zu haben.

Das alles ist ziemlich spekulativ - aber das Schöne daran ist, dass die Messtechnik eine neue Möglichkeit der realen Datenerfassung bietet. Die braucht man, um genau zu untersuchen, wie Spitzen- und Durchschnittsläufer tatsächlich unter verschiedenen Bedingungen laufen. Es wird sicher Spaß machen, in der Zukunft noch mehr Daten zu diesem Thema auszuwerten.

Hier sehen Sie Trailläufer Kilian Jornet im Video

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