Das Regenerations-Wunder

Tegla Loroupe

Im September 1999 lief Tegla Loroupe in 22 Tagen drei Halbmarathons
und einen Marathonweltrekord.

Zur Person:
Geboren am 9. Mai 1973
in Kapsait (West Pokot / Kenia)
Größe: 1,55 m
Gewicht: 48 kg

Sechs Weltrekorde und drei Weltmeisterschafts-Titel im Halbmarathon, dazu zwei Weltmeisterschafts-Medaillen über 10000 Meter: Tegla Loroupe, mit 1,55 Meter eine der Kleinsten, ist, was ihre Erfolgsbilanz betrifft, eine der größten Langstrecken- läuferinnen aller Zeiten. Besonders eindrücklich war, was ihr im Herbst 1999 innerhalb von 22 Tagen gelang: Am 19. September Sieg beim Halbmarathon in Zaandam (69:20), am 26. September Marathon-Weltrekord in Berlin (2:20:43), am 3. Oktober Halbmarathon-Weltmeisterin in Palermo (68:48) und am 10. Oktober Zweite beim Great North Run in South Shields (69:35). Ähnlich hatte sie das Jahr 1999 schon begonnen: Am 31. Januar war sie beim Marathon in Osaka Zweite geworden (2:23:46) und eine Woche später lief sie in einem Hallenrennen in Dortmund die 5000 Meter unter 15 Minuten!

Ein harter Schulweg
Tegla Loroupe ein Übermensch? Sie lacht. „Manchmal frage ich mich selber, wie das möglich war. Viele dachten wohl, ich würde irgendetwas nehmen, dass ich das aushalte, aber ich erholte mich immer sehr schnell. Ich danke Gott, dass er mir diese Kraft geschenkt hat. Sicher hat es auch mit meiner Jugend zu tun. In meiner Kindheit habe ich eine Zeitlang bei meiner Großmutter gewohnt. Der Schulweg betrug zehn Kilometer – auf 3000 Meter über dem Meer. Auf dieser Höhe wächst kein Mais. Wir mussten ins Tal, um Mais zu kaufen. Dabei legten wir zu Fuß an einem Tag fünfzig Kilometer zurück, am nächste Tag kehrten wir, beladen mit mehreren Säcken nach Hause zurück. Von da habe ich wahrscheinlich diese Härte.“

Training in Deutschland
Die kleine Kenianerin war in ihren besten Tagen nicht nur ausdauernder als andere, sie war auch immer sehr ehrgeizig und willensstark. Sie lässt sich nicht so schnell von einem Ziel abbringen. Es war 1991, als sie von Walter Abmayr nach Deutschland geholt wurde. Schon nach kurzer Zeit wechselte sie aber das Lager und schloss sich Volker Wagner in Detmold an. Am Anfang war sie das einzige Mädchen in einer Männergruppe und musste – wie das in Afrika üblich ist – auch kochen und die Kleider waschen. Das änderte sich allerdings: Die gleichen Athleten wurden später Helfer in ihren Marathon- läufen und respektierten sie als Leaderin und eine der besten Langstrecken- läuferinnen aller Zeiten.

Ein gutes Verhältnis zu ihrem Trainer
Zwischen Volker Wagner und Tegla Loroupe hat sich im Laufe der Jahre eine Beziehung entwickelt, die über das gewöhnliche Trainer-Athlet-Verhältnis hinausgeht. „Er ist gleichzeitig mein Physiotherapeut, mein Vater und mein Freund“, sagte Tegla einmal und fuhr fort: „Ich war niemand, als ich nach Deutschland kam. Alles, was ich erreicht habe, verdanke ich ihm.“ Wagner ist ein Mathematik- und Sportlehrer in den 50ern. Er war selbst ein Mittelstreckenläufer. „Gute Mittelklasse“, beschreibt er sein damaliges Niveau. Immerhin erhielt er einmal einen Job als Tempomacher in einem Rennen, bei dem Suleiman Nyambui am Start war, zu jener Zeit der beste Athlet aus Tansania. Nyambui war der erste Athlet, den Volker Wagner als Coach und Manager betreute, dann folgten die beiden Shahanga-Brüder. Inzwischen hat er einen „Rennstall“ mit etwa vierzig Läufern.

Angeborene Fähigkeiten
Volker Wagner räumt ein, dass Tegla Loroupe immer ein bisschen speziell war: „Tegla brauchte nur ein paar Wochen Grundlagentraining, um in Form zu kommen. Und auch wenn sie vier Wochen nicht trainierte, konnte sie die 10000 Meter immer noch in 33 Minuten laufen. Was sie vor allem von anderen Läuferinnen unterschied, war ihre außergewöhnliche Erholungsfähigkeit nach einem Wettkampf oder einem Bahntraining. Wenn sie zum Beispiel 20 mal 1000 Meter in 3:15 Minuten lief und die letzten sogar unter 3:10, brauchte sie zwischen den einzelnen Belastungen nur dreißig Sekunden Erholung, und nach dem Bahntraining ging ihre Herzfrequenz innerhalb von sechzig Sekunden auf 88 Schläge pro Minute zurück. Ich denke, diese Fähigkeit ist angeboren. Es bedeutete, dass Teglas Training immer eine hohe Qualität hatte, der Umfang war nie höher als 180 bis 210 Kilometer in der Woche.“

Friedens-Mission
Tegla Loroupe läuft immer noch, aber die Prioriäten haben sich in den letzten Jahren verändert. Heute ist die inzwischen 34-Jährige mehr in Sachen Frieden unterwegs. Die „Tegla Loroupe Peace Foundation“ führt Friedensläufe in Kenia, Uganda und seit neuestem auch in Italien durch. Und in Kapenguria in ihrer Heimatregion West Pokot entsteht mit ausländischer Hilfe die „Tegla Loroupe Academy“, eine Superschule, die im Endausbau rund drei Millionen Euro gekostet haben wird. Tegla Loroupe ist ein Idol für viele Frauen und eine Vorkämpferin für die Gleichberechtigung, nicht nur im Sport. Ein Land wie Kenia braucht Frauen wie sie.

Weiterlesen

Seite 1 von 3
Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Erfolge von Tegla Loroupe