Der Front-Runner

Steve Jones

Weltrekord im ersten Marathon! Seine Rennen lief er stets von der Spitze, so gelangen ihm eindrucksvolle Siege.

Zur Person:
Geboren am 4. August 1955 in Tredegar, Wales (Großbritannien)
Größe: 1,78 m
Gewicht: 61 kg (heute 76 kg)

Steve Jones war ein Front-Runner. So bezeichnet man Läufer, die an die Spitze gehen und sich nicht um die Konkurrenz kümmern. Steve Jones gelang etwas, das in der jüngeren Marathongeschichte einmalig ist: Er lief bei seinem ersten Marathon gleich Weltrekord. Beim Chicago-Marathon 1984 kam er nach 2:08:05 Stunden ins Ziel und ver­besserte die Marke des Amerikaners Alberto Salazar um acht Sekunden. Die Voraussetzungen für eine solche Parforce-Leistung waren bei dem damals 28 Jahre alten Langstreckenläufer allerdings ausgezeichnet: Im Sommer desselben Jahres hatte er im Rahmen seiner Vorbereitung für den Chicago-Marathon im Oktober seinen Leistungshöhepunkt als Bahnläufer über 10 000 Meter erreicht und mit 27:39,14 Minuten eine persönliche Bestzeit erzielt.

Jones trainierte im Wintersportort Park City im US-Bundesstaat Utah auf 2100 Metern Höhe. Er schraubte sein Wochenpensum von 120 auf 160 Kilometer hoch und glich seine Intervalle den erschwerten Bedingungen in der Höhe an. Sein längster Trainingslauf vor Chicago war 29 Kilometer lang. Bei seinen Marathonläufen profitierte Jones von einer hohen Grundschnelligkeit, gepaart mit beachtlichem Ausdauertalent und großer men­taler Stärke im Wettkampf.

Allein vornweg zum Weltrekord
Der Chicago-Marathon von 1984 entwickelte sich zu einem der spektakulärsten Marathon­rennen aller Zeiten. Hintergrund war die Konkurrenz des Chicago-Marathons mit dem New-York-Marathon, der sich in den Jahren zuvor als der City-Marathon schlechthin eta­bliert hatte. 250 000 Dollar wurden in Chicago an Preisgeldern verteilt – für damalige Verhältnisse eine gigantische Summe.

Zwar regnete es am Start, doch bald hörte der Regen auf und es herrschten fast ideale Bedingungen. Jones, der nach eigenen Angaben an dem Tag den damaligen Welt­rekord gar nicht kannte, war ab Kilometer 32 allein und siegte mit über einer Minute Vorsprung auf den Zweiten (Carlos Lopes). Die letzten zehn Kilometer absolvierte er in 29:37 Minuten. Für seinen Sieg kassierte er samt Weltrekord- und Streckenrekordprämie 95 000 Dollar – wenig im Vergleich zu den heute gezahlten Beträgen, doch für einen Corporal der Royal Air Force, der für um­gerechnet 150 Dollar pro Woche Flugzeuge reparierte, allemal ein Grund, seinen Job an den Nagel zu hängen und in die USA auszuwandern, wo er bis heute lebt.

Noch beeindruckender als sein Weltrekordlauf von 1984 war Jones’ Soloauftritt an gleicher Stelle ein Jahr darauf. Das Starterfeld war wiederum erstklassig besetzt, doch Jones ließ nichts anbrennen, verabschiedete sich schon nach vier Meilen (rund sechs Kilometer) aus der Spitzengruppe und rannte, nur geführt von Tempomacher Carl Thackery, allein vornweg. Die Halbmarathon­marke passierte er nach 61:42 Minuten. Das ist deutlich schneller als Paul Tergat und Haile Gebrselassie bei ihren Weltrekord­läufen 2003 und 2007 in Berlin (63:01 respektive 62:29) und bis heute die schnellste erste Mara­thon­hälfte eines Läufers, der dann auch noch in einer respektablen Zeit ins Ziel kam.

Aber die Taktik des Vornweglaufens kann auch mal in die Hose gehen. Bei den Europameisterschaften 1986 in Stuttgart brach der Brite ein, ließ es sich aber nicht nehmen, das Rennen zu Ende zu laufen, und lieferte damit eine Demonstration von Sportsgeist ab. In 2:22:12 kam er als Vorletzter auf dem 20. Platz ins Ziel. Einen letzten beeindruckenden Sololauf legte Steve Jones 1988 in New York aufs Parkett. Im Ziel stoppte die Uhr bei 2:08:20 – eine Weltklassezeit, wenn man bedenkt, dass sie im Alleingang gelaufen wurde.
Jones hat zwei erwachsene Söhne und lebt seit 1990 in Boulder, Colorado, wo er als Anstreicher tätig ist und gelegentlich auch als Trainer arbeitet.

Steve Jones: Eine Trainingswoche 14 Tage vor dem Chicago-Marathon 1985, den Jones gewann.

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