Vom Außenseiter zum Gewinner

Stephan Freigang

Mit seiner Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1992 gelang Stephan Freigang ein Überraschungscoup.

Stephan Freigang

Freigang gewann in seiner Karriere zehn internationale Marathons.

Bild: Claus Dahms

Überraschungen machen den Reiz von sportlichen Wettkämpfen aus, in Mannschafts- wie in Individualsportarten. Eine der größten Überraschungen aus deutscher Sicht war ohne Frage der Sieg von Dieter Baumann im 5000-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Doch Baumann hatte immerhin vier Jahre zuvor schon eine Silbermedaille über diese Distanz geholt und musste folglich zum engeren Kreis der Favoriten gezählt werden. Insofern sorgte ein anderer am Schlusstag derselben Spiele für eine noch größere Überraschung: der Brandenburger Stephan Freigang.

Stephan Freigang beim Hannover-Marathon 2004.

Bild: Claus Dahms

Beim Marathonlauf von Barcelona war die Ausgangslage eine andere als beim 5000-Meter-Finale. Am Start stand das bis dahin größte Feld in der Geschichte der Leichtathletik, darunter eine Ansammlung von Weltklasse-Marathonläufern wie nie zuvor in ­einer solchen Konstellation bei internatio­nalen Meisterschaften. Es war warm und die Strecke wartete am Schluss mit einem veritablen Anstieg hinauf zum Ziel im Olympia­stadion auf dem Montjuïc auf.

Freigang war mit einer Bestzeit von 2:09:45 Stunden angereist, die er zwei Jahre zuvor in Berlin erzielt hatte – bei jenem legendären ersten Lauf durchs Brandenburger Tor in den Ostteil der Stadt, wenige Tage vor dem 3. Oktober, an dem die deutsche Wieder­vereinigung vollzogen und gefeiert wurde.

Trotz dieses Leistungsnachweises war Freigang ein krasser Außenseiter, den niemand auf der Rechnung hatte – eine optimale Ausgangssituation, da er sich so lange in einer großen Gruppe verstecken konnte, in der sich sämtliche Favoriten aufhielten, darunter Steve Moneghetti, Salvatore Bettiol, Hiromi Taniguchi, Robert DeCastella, Abebe Mekonnen, Donicio Ceron, Juma Ikangaa, Douglas Wakiihuri, Ahmed Salah und Gelindo Bordin – zehn Läufer, die für die Goldmedaille gut waren.

Doch Freigang sah seine Chancen realistisch: „Die Zwischenzeiten lagen genau in dem Rahmen, den ich mir vorgestellt hatte.“ Der entscheidende Vorstoß des Italieners Bettiol kam am Verpflegungspunkt bei Kilometer 25. Die Gruppe fiel sofort auseinander, und viele der Top-Favoriten waren nicht mehr dabei, als es ums Ganze ging. Freigang musste sich entscheiden: mitlaufen oder weiter abwarten. „Da fragst du dich: Was soll ich tun – mitlaufen oder abreißen lassen? Immerhin sind es noch mehr als 15 Kilo­meter, und dann kommt noch der Berg.“ Also verzichtete er zunächst darauf, direkten Anschluss an die Ausreißer zu suchen. Die Gruppe war auseinandergefallen, die ersten zehn liefen in Abständen hintereinander.

Freigang erinnert sich: „Vorn Bettiol, dann die Koreaner, Japaner, Portugiesen, Spanier, und dann kam schon ich. Da habe ich mir gesagt, es reicht ja noch, wenn ich die letzten 10 Kilometer schnell laufe. Ich bin ja nicht hergekommen, um Dritter zu werden, sondern mit dem Gedanken, unter den ersten zehn zu sein, wenn es richtig gut läuft, und in dem Moment waren noch zwölf Leute vor mir.“ Der Cottbusser profitierte vom zweiten Wind, wie es in der Fachsprache heißt, wenn man auf der zweiten Hälfte der Strecke seine Reserven ausspielen kann und an Fahrt gewinnt, getragen vom Gefühl, einen nach dem anderen einzuholen – ein stark von der Psyche beeinflusstes Moment. Als er ins Olympiastadion einlief, lag er an dritter Position, wurde vom Japaner Nakayama überholt, konnte aber noch mal nachsetzen und sich den dritten Platz sichern.

Seine Bronzemedaille war eine der größeren Überraschungen dieser Olympischen Spiele, zumal er beim Marathon nur angetreten war, weil er sich nicht für die 10 000-Meter-Strecke qualifizieren konnte.

Freigang, Jahrgang 1967, durchlief das klassische Sichtungssystem des DDR-Sports.
Er wuchs auf dem Land auf, in Hohenleipisch, 80 Kilometer von Cottbus entfernt. Über die Schule kam er zum Crosslauf. Dort hatte er erste sportliche Erfolgs­erlebnisse und wurde zu einem Sichtungswettbewerb eingeladen. Mit 13 Jahren kam er in ein Sportinternat in Cottbus, wo er vier Jahre später seinen zukünftigen Trainer Dietmar Bittermann kennenlernte. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass Freigang für die Mittelstrecken zu langsam war und sich über längere Distanzen größere Erfolge einstellten. Mit 19 lief er 29 Minuten über 10 000 Meter, ein Jahr später absolvierte er seinen ersten Marathon, mit 22 Jahren lief er seine schnellste Zeit bei einem Marathon. Das war im Herbst 1990, wenige Tage vor dem Ende der DDR, als der Berlin-Marathon erstmals auch durch den Osten der Stadt führte und 25 000 Teilnehmer sowie einen Sieger mit Weltjahresbestzeit (Moneghetti, 2:08:16 Stunden) vorzuweisen hatte.

Freigangs Training war durch hohe Umfänge geprägt. In einem Beitrag der RUNNER'S WORLD (Januar/Februar 1995) beschrieb Martin Grüning eine Trainings- und Wettkampfwoche Freigangs im Jahr 1994:
„Am 2. Oktober, drei Wochen vor dem Frankfurter Marathon, gewann Stephan Freigang den Tübinger Stadtlauf auf profiliertem Parcours. Abstand auf den Zweitplatzierten: knapp eine Minute. Noch am Abend sieben Stunden Rückfahrt mit dem Auto nach Cottbus. Am nächsten Morgen ein langer Lauf über 40 Kilometer, die letzten fünf Kilometer in 16 Minuten. An den beiden nächsten Tagen lief Stephan Freigang jeweils 50 Kilometer auf zwei bis drei Trainingseinheiten verteilt. Am darauf folgenden Samstag, dem 8. Oktober, düpierte Freigang die hochkarätige Konkurrenz beim Leipziger Stadtlauf in 28:05 Minuten über 10 Kilometer. In der Woche vom 3. bis 9. Oktober, zwischen Tübingen und Leipzig, betrug der Wochenumfang 230 Kilometer.“ Auch Wochenumfänge von 300 Kilometern und mehr standen bei Stephan Freigang auf dem Programm.

Stephan Freigang beendete 2005 seine Karriere und betreibt heute zusammen mit seiner Frau Anke (geborene Laws), einer ehemaligen Top-Marathonläuferin mit Bestzeit von 2:33 Stunden, in Cottbus die Fitness-Agentur SPORT-FREIgang.

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