Trotz Flatternerven zum Olympiasieg

Sebastian Coe

Er lief über einen zweifachen Olympiasieg in den Adelsstand. Karriereende? Nicht in Sicht!

Zur Person:
Geboren am 29. September 1956 in Nyara
Größe: 1,77 m
Gewicht: 56 kg (Wettkampf-Karriere)

In den achtziger Jahren erlebten Leichtathletikfans ein Revival der großen Rennen und Rekordjagden auf den Mittelstrecken (800, 1000, 1500 Meter und eine Meile), wie es sie zuvor in den zwanziger Jahren mit Paavo Nurmi und Ville Ritola gab oder in den Dreißigern mit Gunder Hägg und Arne Andersson. Protagonisten dieser ­Duelle waren zwei Briten, die von den Medien zu Gegenspielern aufgebauscht wurden. Der eine sollte den Bad Guy geben, der andere den guten Helden: auf der einen Seite Steve Ovett, groß und schlank, auf der anderen Sebastian „Seb“ Coe, ein eher zierlicher Läufer vom Typ „Muster­schüler“ mit guten Manieren, einem unbändigen Ehrgeiz und einem Vater namens Peter, der ihn trainierte und außerdem sein Manager war.

Im Gegensatz zu den Mittel- und Langstrecken-Duellen der zwanziger und dreißiger Jahre waren die „Covett“-Duelle, wie die britischen Medien sie titulierten, mit wenigen Ausnahmen Fernduelle. In die Annalen ging dabei die Jagd nach dem Meilen-Weltrekord ein, den Seb Coe seit dem 17. Juli 1979 hielt (3:48,95 Minuten). Steve Ovett holte ihn sich 1980 an gleicher Stelle (Oslo, 3:48,8), bevor im Sommer 1981 der Wettstreit in seine heiße Phase trat: Am 19. 8. lief Coe in Zürich 3:48,53. Am 26. 8. Ovett in Koblenz 3:48,40. Am 28. 8. Coe in Brüssel 3:47,33.

Die „Covett“-Duelle: ein Medien-Hype
Die Rivalität der beiden war allerdings mehr ein Medien-Hype, als dass sie auf einer handfesten persönlichen Aversion basierte. Erstmals waren die Ausnahmetalente 1972 bei einem High-School-Crosslauf aufeinandergetroffen: Ovett war 17 und wurde Zweiter, Coe war 16 und kam auf den 10. Platz. Danach gab es nur noch fünf Rennen, bei denen beide zusammen an der Startlinie standen: zunächst beim 800-Meter-Finale der Europa­meisterschaften 1978 in Prag, wo Olaf Beyer (DDR) den konsternierten Briten den Titel vor der Nase wegschnappte. Und dann jeweils über 800 und 1500 Meter bei den Olympischen Spielen 1980 und 1984.

Mit den Karrieren von Coe und Ovett untrennbar verbunden sind sogenannte „gemachte Rennen“, die dadurch bestimmt waren, dass Tempomacher die Protagonisten zu immer neuen Rekorden zogen. Heute, fast 30 Jahre später, sind Meeting-Direktoren wie etwa beim finanzstärksten Sportfest in Zürich zu der Einsicht gelangt, dass der Wettkampf interessanter ist als die Rekordjagd – seit 2007 gibt es keine Hasen mehr im Züricher Letzigrund.

Kein Glück über 800 Meter
Über 800 Meter stellte Seb Coe zwar vier Weltrekorde auf, aber erst bei der EM in Stuttgart 1986 gelang ihm ein Sieg auf seiner Lieblingsstrecke. Vier Jahre zuvor hatte ihm bei der EM in Athen Hans-Peter Ferner aus Ingolstadt den Sieg gestohlen.

Sebastian Coe war auf Leistungssteigerungen fixiert und jagte Rekorde. Er war kein taktischer Läufer, der bei wichtigen Meisterschaftsrennen auf seine Chance wartete. Die verunglückten Finals in seiner Pa­rade-Disziplin, den 800 Metern, sind Belege für seine Flatternerven: Prag 1978, Moskau 1980, Athen 1982, Los Angeles 1984. Auf der 800-Meter-Strecke braucht man freie Bahn, wenn man besonders schnell laufen will. Verschlepptes Tempo, Gerangel in den Kurven – das waren nie Coes Stärken. Über 1500 Meter hatte er dagegen fast doppelt so viel Zeit zu zeigen, was er konnte.

Trainingsmethodisch verfolgten Seb Coe und sein Vater Peter einen ganz anderen Ansatz, als er in den siebziger Jahren Mode war. Die meisten Mittelstreckler praktizierten damals das Lydiard’sche Ausdauertraining. Peter Coes Training dagegen war eine Kombination aus kurzen bis mittellangen Intervallen und einem ausgetüftelten Kräftigungstraining für den Oberkörper.

Sebastian Coes Laufstil war ein Genuss für Kenner: Er flog geradezu um die Bahn, seine Schritte waren 2,13 Meter lang (bei ­einer Körpergröße von 1,77 Meter). Seine größte Stärke war seine Grundschnelligkeit gepaart mit seinem Fliegengewicht und sehr guten Ausdauerwerten. Coe war in seiner Jugend kein Wunderkind, andere waren mit 18 deutlich schneller. Mit 13 Jahren lief er 4:31 Minuten über 1500 Meter, und sein Vater, der ihn seine ganze Karriere hindurch trainierte, fixierte damals schon eine Zeit von 3:30 als Karriereziel. Damals stand der Weltrekord noch bei 3:33,1. Zum Ausklang seiner langen Karriere lief Coe 1986 tatsächlich noch 3:29,77 Minuten. Bemerkenswert ist, wie gezielt Seb Coe von seinem Vater aufgebaut wurde. Vor allem verheizte er ihn nicht in jungen Jahren, sondern ließ ihm Zeit, sich zu entwickeln und zu steigern.

Schon Ende der achtziger Jahre orientierte sich Sebastian Coe auf sportpolitischer Ebene. Von 1992 bis 1997 war er Parlamentsabgeordneter der Konservativen Partei im Unterhaus des britischen Parlaments. Im Jahr 2000 wurde er in den Adelsstand erhoben und zum Lord ernannt. 2004 wurde Coe Vorsitzender des Londoner Bewerbungs­komitees für die Olympischen Spiele 2012. Nach der erfolgreichen Bewerbung im Juli 2005, die nicht zuletzt auch seiner Person zugeschrieben wird, bekleidet er diesen Posten auch weiter­hin. Seit 2007 ist er einer der Vizepräsidenten des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF, und es werden ihm gute Aussichten eingeräumt, einmal IOC-Präsident zu werden.

Sebastian Coe:Eine Trainingswoche fünf Wochen vor den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles.

Weiterlesen

Seite 1 von 3
Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Erfolge von Sebastian Coe