Experten-Interview

Prof. Dr. Andreas Nieß über Höhentraining

Prof. Dr. Andreas Nieß ist Ärztlicher Direktor der Sportmedizin am Universitätsklinikum Tübingen. Nieß war früher ambitionierter Läufer (Marathon in 2:23 h) und forscht seit Jahren zum Thema Höhentraining.

Prof. Dr. Andreas Nieß

Prof. Dr. Andreas Nieß.

Bild: Runner's World

Wie wirkt sich ein Höhentraining auf die Leistung von Ausdauersportlern aus?

Das mit einem Aufenthalt in der Höhe einhergehende verringerte Sauerstoffangebot in der Umgebungsluft (Hypoxie) kann im Organismus bei ausreichender Höhe und Aufenthaltsdauer zu einer Reihe von Anpassungsprozessen führen. Dazu zählt typischerweise eine Sensibilisierung der Atemtätigkeit, also der Ventilation bei Belastung. Hinzu kommt die Ausschüttung des körpereigenen Hormons Erythropoietin (Epo).

Epo stimuliert im Knochenmark die Neubildung roter Blutzellen, wobei gleichzeitig auch mehr Hämoglobin gebildet wird. Steigt die Gesamthämoglobinmasse im Körper an, so hat dies günstige Aus-wirkungen auf die Ausdauerleistungsfähigkeit, da sich die Sauerstofftransportkapazität erhöht. Zum anderen gibt es Hinweise dafür, dass Belastungen in Hypoxie zu zusätzlichen Veränderungen auf muskulärer Ebene wie einer Aktivitätserhöhung von Enzymen des Energiestoffwechsels oder einer Zunahme des muskulären Sauerstoffspeichers, dem Myoglobin, führen kann.

Diese Anpassungsvorgänge unterscheiden sich nicht wesentlich in Abhängigkeit davon, ob man als Läufer, Radfahrer, Skilangläufer oder auch Triathlet in der Höhe trainiert. Sie sind teilweise jedoch von einer sehr starken individuellen Variabilität gekennzeichnet.

Gibt es wissenschaftliche Ergebnisse dazu?

Als gesichert gilt, dass ein Höhentraining die Leistung bei einem anschließenden Wettkampf in der Höhe günstig beeinflusst. Hierfür können zumindest teilweise die zuvor genannten Anpassungsmechanismen verantwortlich gemacht werden. Auf der anderen Seite existiert jedoch bis heute kein eindeutiger wissenschaftlicher Beleg dafür, dass Höhentraining im Vergleich zu einem identischen Training unter Normalbedingungen tatsächlich zu einer stärkeren Zunahme der Ausdauerleistung in einem anschließenden Wettkampf im Flachland führt.

Als Erklärungsansatz dafür mag dienen, dass den in der Höhe möglichen günstigen Anpassungseffekten der negative Einfluss höhen(hypoxie)-bedingter Stresseinflüsse entgegenwirkt. Dies dürfte vor allem auch dann eine Rolle spielen, wenn in der Höhe mit einer unangepassten, also zu hohen Belastungsintensität trainiert wird. Darüber hinaus lassen neuere Arbeiten den Schluss zu, dass eine größere individuelle Streubreite im Ansprechen auf Höhentraining besteht.

Da in wissenschaftlichen Studien das Augenmerk vor allem auf die Gruppeneffekte gelegt wird, erschwert diese individuelle Variabilität des Ansprechens möglicherweise den Nachweis signifikanter Veränderungen. Dabei wird der individuelle Aspekt der Eignung oder Nichteignung für ein Höhentraining auch durch anekdotische Berichte von Ausdauerathleten gestützt. Allerdings ist es bisher nicht gelungen, durch entsprechende Voruntersuchungen die Athleten zu identifizieren, die in besondere Weise von einem Höhentraining profitieren oder umgekehrt, dafür ungeeignet sind. Die Frage »Höhentraining ja oder nein« wird von mir in Anbetracht der derzeitigen Erkenntnisse so beantwortet, dass es für einen Ausdauersportler zumindest einen Versuch wert sein sollte.

Wie sinnvoll ist ein Höhentraining für Freizeitsportler?

Im Leistungssport vertritt man die Ansicht, dass man als Ausdauersportler erst dann die Methode des Höhentrainings nutzen sollte, wenn man bereits einige Jahre in seiner Sportart »verbracht« hat. Sicher ist wichtig, dass man vor Durchführung eines Höhentraining seine Ausdauerleistungsfähigkeit schon gut entwickelt haben sollte, gesund sein sollte, aktuell sich in einer guten Form befindet sowie eine gewisse Erfahrung mit der Gestaltung und Steuerung seines Trainings und dessen Intensitäten besitzt.

Für einen Freizeitläufer ist meiner Ansicht nach ein Höhentraining dann auch nicht in erster Linie empfehlenswert unter dem Aspekt einer zusätzlichen Leistungssteigerung. Vielmehr bieten viele Orte in moderater Höhe allein schon wegen der dortigen Landschaft gute Trainingsbedingungen. Um dabei allerdings nicht gegenteilige Effekte auszulösen, sollte beim ersten Höhentraining sowohl mit den Umfang als auch der Intensität sehr vorsichtig umgegangen werden.

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Das bringt Höhentraining wirklich