Mit Marathontraining zum 800-Meter-Sieg

Peter Snell

Mit ausdauerorientiertem Training schaffte der neuseeländische Mittelstreckler den Sprung an die Weltspitze.

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Bild: Zscout370 / wikipedia.de

Zur Person:
Geboren am 17. Dezember 1938 in Opunake (Neuseeland, Nordinsel)
Größe: 1,83 m
Wettkampfgewicht 1964: 80 kg

Peter Snell steht wie kein anderer für die neuseeländi­sche Lauf­tradition und die Trainingsphilosophie des legendären Coachs Arthur Lydiard. Dessen Trainingspläne legten besonderes Gewicht auf die Aus­dauerarbeit. Selbst in Phasen, in denen Tempo-Bolzen im Vordergrund stand, spielten ruhige Dauerläufe ­eine wichtige Rolle. Das ging so weit, dass man davon sprach, er würde Mittelstreckler aufs Marathonlaufen trainieren, was übertrieben war, angesichts der damals unter Mittel- und Lang­streckenläufern verbreiteten Intervallmetho­de (Gerschler/Harbig, Zatopek, Kuz) jedoch nicht ganz abwegig.

Mit zwei Goldmedaillen über 800 Meter bei den Olympischen Spielen 1960 und 1964 war Peter Snell der erfolgreichste Schüler Lydiards. Andere – wie Murray Halberg (Gold 1960 über 5000 Meter) und Barry Magee (Bronze 1960 im Marathon) – unterstrichen die Effektivität der Lydiard’schen Trainingsmethode. Diese sah eine Aufbauperiode (im Winter) vor, in der ausschließlich Ausdauertraining betrieben wurde. Im Frühjahr, zum Beginn der Bahnsaison hin, wurde dieses mehr und mehr mit Tempotraining durchmischt. Und beim Ausdauerblock spielten auch bergige oder hügelige Strecken eine große Rolle – einerseits, weil dadurch eine muskuläre Abwechslung stattfindet, andererseits, weil dies die Kraftausdauer verbessert.

225 Laufkilometer pro Woche
Peter Snell war ein sportliches Multitalent. Er spielte Badminton, Golf, Hockey, Rugby und Tennis. Als er mit 19 Jahren Arthur Lydiard kennenlernte, schwankte er noch, ob er eine Tennis- oder Leichtathletik-Karriere wählen sollte. Damals stand seine Bestzeit über 800 Meter bei 1:59,4 Minuten. Snell tat sich zunächst schwer mit den Dauerlauf­programmen seines Trainers, der ihn unter anderem einmal pro Woche mit seinen Langstreckenläufern 22 Meilen (35 Kilometer) laufen ließ, den legendären Long Jog in den Hügeln der Waitakere Ranges nördlich von Auckland, nach dem der heutige sogenannte „lange Lauf“ in der Marathonvorbereitung benannt ist. Der Lauf fand jeweils sonntags um sechs Uhr morgens statt, und Lydiards Athleten absolvierten ihn in etwas über zwei Stunden. Hundert Meilen pro Woche sollte Snell zurücklegen, und er fragte sich, wie er das durchstehen sollte. Doch nach sechs Wochen hatte Lydiard ihn auf Trab gebracht.

Snell war von kräftiger Statur – ganz anders als der gazellenhafte Typ, zu dem die meisten Mittelstreckler gehören. Das ausgedehnte Grundlagentraining bewirkte, dass er sehr stark auf der zweiten Runde war, was ihm eine große Souveränität über die 800 Meter verlieh. Nur drei Jahre, nachdem er Lydiard kennengelernt hatte, gewann er für die Fachwelt völlig überraschend die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Dabei schlug er unter anderen den Weltrekordler Roger Moens (Belgien). Allerdings hatte er im Olympia­jahr zuvor schon zweimal Herb El­liott besiegt, den Weltrekord­halter und späte­ren Goldmedaillengewinner über 1500 Meter von Rom. In der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele von Tokio 1964 steigerte Snell seinen Trainingsumfang in der Spitze auf 140 Meilen (225 Kilometer) pro Woche, was in der Tat schon damals das Pensum eines Marathonläufers war.

Nach den Olympischen Spielen von Rom katapultierte Snell sich in die Weltrekord­listen: Ende Januar 1962 verbesserte er auf einer Grasbahn in Wanganui (Neuseeland) den Meilen-Weltrekord des Australiers Herb Elliott auf 3:54,1 und wenige Tage später in Christchurch den 800-Meter-Weltrekord des Belgiers Roger Moens auf 1:44,3. Der Meilen­rekord wurde elf Jahre lang nicht gebrochen und war die letzte Bestleistung, die auf einer Grasbahn aufgestellt wurde.

Im Tiefstart zum Sieg
Bei den Olympischen Spielen in Tokio trug Snell nicht nur die Fahne des neuseelän­dischen Olympiateams ins Stadion, sondern auch die Erwartungen seiner Landsleute auf den Schultern, die ihn als amtierenden Weltrekordhalter siegen sehen wollten. Rückblickend sagt er heute: „Die Frage, die im Raum stand, lautete: Hat er es noch drauf? Ich war mir selbst nicht sicher.“ Noch 1964 startete Snell übrigens, wie früher üblich, im Tiefstart wie ein Sprinter. Bei den erreichten Zeiten ist außerdem zu berücksichtigen, dass bei den Olympischen Spielen in Tokio noch auf Aschenbahnen gelaufen wurde, die nach Regengüssen aufgeweicht und dadurch deutlich schwieriger zu belaufen waren als die heute üblichen Kunststoffbahnen.

Während Snell vier Jahre zuvor in Rom das Rennen keineswegs dominiert und sich erst auf den letzten Metern den Sieg gesichert hatte, beherrschte er in Tokio das Feld und setzte sich 200 Meter vor dem Ziel ab. Einige Tage später hatte er auch das 1500-Meter-Finale vollständig im Griff und siegte mit klarem Vorsprung.

Als Meilenläufer abgestempelt
Snells Karriere war für heutige Verhältnisse kurz. 1965 beendete er sie und arbeitete zunächst für eine Zigarettenfirma in Neuseeland. 1971 siedelte er in die USA über, wo er bis zu seiner Pensionierung in Dallas (Texas) als Sportmediziner tätig war. Anfang der Sieb­zigerjahre lief er in der Altersklasse der über 40-Jährigen noch die 400 Meter in 51 Sekunden. Snell ist bis heute als Orientierungs­läufer aktiv und gewann 2003 die US-Meisterschaft in seiner Alterskategorie.
Vor drei Monaten durfte Peter Snell eine Statue seiner selbst enthüllen, die zur Erinne­rung an seinen Meilen-Weltrekord von 1962 in Wanganui errichtet wurde.

Er habe damals lediglich unter vier Minuten bleiben wollen, sagte er anlässlich der Feier. Am Ende blieben die Uhren bei 3:54,1 stehen. Snell: „Das hat mein Leben verändert. Ich erhielt viele Einladungen, vor allem in die USA.“ Dort war die Meile weit wichtiger als die halbe Strecke, auf der Snell immerhin amtierender Olympiasieger war. Damals gab es noch keine Golden League oder andere internationale Meetings, wie man sie heute kennt, von Start- und Preisgeld ganz zu schweigen. „Ich wurde nie mehr zu einem 800-Meter-Rennen eingeladen, dabei war das vielleicht meine stärkste Distanz. Nach jenem Abend 1962 in Wanganui war ich als Meilenläufer abgestempelt.“ Sein Coup, bei Olympischen Spielen sowohl über 800 als auch über 1.500 Meter zu gewin­nen, wurde bis heute nicht wiederholt.

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