Ein begnadeter Wettkämpfer

Patriz Ilg

Seine Spurtkraft machte Patriz Ilg 1982 zum Europameister über 3.000-m-Hindernis und 1983 zum Weltmeister.

Zur Person:
Geboren am 5. Dezember 1957
Größe: 1,73 m
Gewicht: 62 kg (Wettkampfgewicht)

Patriz Ilg bei den Europameisterschaften 1986 in Stuttgart, wo er Dritter wurde.

Bild: Claus Dahms

Nach der Olympiade 1980 in Moskau, die von einigen west­lichen Staaten wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan boykottiert worden war (darunter die USA und die Bundesrepublik), kam den Leichtathletik-Europameisterschaften 1982 in Athen eine besondere Bedeutung zu. Es waren nach vier Jahren Unterbrechung die ersten großen internationalen Leichtathletik-Meisterschaften, an denen wieder ein DLV-Team teilnahm. Der Olympia-Boykott, von US-Präsident Carter angeregt (um nicht zu sagen „befohlen“) und vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt über sein Innenministerium an das Nationale Olympische Komitee weitergegeben, stahl ei­nigen Athleten, die im Zenit ihrer Leistungsfä­higkeit standen, die Möglichkeit, sich auf olympischem Parkett zu beweisen. Darunter war auch der Hindernisläufer Patriz Ilg.

Keiner hatte seine Spurtkraft
Der Schwabe hatte 1978 bei den Europameisterschaften in Prag als 21-Jähriger den zweiten Platz belegt und sich danach sukzessive in die internationale Spitze vorge­arbeitet. In der öffentlichen Wahrnehmung der Leichtathletik spielten die Europameisterschaften 1982 in Athen eine wichtige Rolle, waren doch die Olympischen Spiele 1980 von ARD und ZDF nicht live über­tragen worden. Am 8. September 1982, einem Mittwoch, hatten DLV-Athleten drei Goldmedaillen gewonnen, Ulrike Meyfarth (Hochsprung), Hans-Peter Ferner (800 Meter) und Harald Schmid (400 Meter Hürden).

Die Stimmung in der Mannschaft war bestens. Das Finale über 3000 Meter Hindernis stand am Donnerstag auf dem Programm. Am Start war ein gutes Feld, allen voran der Pole Boguslaw Maminski, doch keineswegs Konkurrenten, die für Patriz Ilg unschlagbar gewesen wären, zumal er beim ISTAF in Berlin wenige Wochen vor der EM mit der europäi­schen Jahresbestleistung von 8:17,04 Minuten gezeigt hatte, dass er nach einer krankheitsbedingten Pause in der Sommersaison wieder topfit war. Allerdings hatte Ilg dadurch die Favoritenrolle zu tragen und war in Athen der Gejagte. Keiner jedoch verfügte damals über eine vergleichbare Spurtkraft, und so explodierte Ilg förmlich auf den 68 Finalmetern, die das letzte der 35 Hindernisse vom Ziel trennen. Sein Vorsprung auf Maminski, den Zweitplatzierten, betrug eine halbe Sekunde.

Ein begnadeter Wettkämpfer
Patriz Ilg hat mit seiner Spurtkraft viele Rennen entschieden. 1978 wurde der 21-Jährige überraschend Zweiter bei der Leichtathletik-EM in Prag. Mitfavorit war sein Landsmann Michael Karst, der im Jahr zuvor der weltbeste Hindernisläufer war und über eine blendende Hürdentechnik verfügte. Ilgs Plus war seine Konzentrationsfähigkeit bei wichtigen Meisterschaftsrennen. Er war kein Rekordläufer, zumal es zu seiner Zeit über die Hindernisse keine arran­gierten Temporennen bei Leichtathletik-Meetings gab. Darum rangiert er mit seiner Bestzeit „nur“ auf Platz acht der ewigen deutschen Bestenliste, obwohl seine schnellsten Zeiten über 3000 und 5000 ­Meter zeigen, dass er das Zeug dazu hatte, schneller als 8:05 Minuten zu laufen (der Deutsche Rekord steht seit 1999 bei 8:09,48 Minuten). Das findet auch sein damaliger Trainer Jürgen Mallow: „Patriz war ein überdurchschnittlich begabter Wettkämpfer, und in den großen Finalläufen war er nie zu schnellerem Rennen gefordert – allerdings mussten die Hindernisläufer zu seiner Zeit auch noch Zwischenläufe bei EM und WM absolvieren. Ich bin mir sicher, dass Patriz in der Lage war, um oder sogar unter 8:05 Minuten zu laufen. Schade, dass er das nie beweisen musste.“

Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte Ilg bei den ersten Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1983 in Helsinki, als er seinen Konkurrenten am Wassergraben unwiderstehlich davonrannte und mit zwei Sekunden Vorsprung gewann. Topfavorit Henry Marsh (USA) war am letzten Balken gestürzt, und Ilg musste sich nach dem Lauf von Journalisten die Frage anhören, was ­gewesen wäre, wenn der Amerikaner nicht gestürzt wäre. Dabei gehören zu einem Hindernislauf schließlich Hindernisse, die auf dem Weg ins Ziel übersprungen werden.

Ilgs Karriere dauerte bis 1988. Die Olympischen Spiele von Moskau wurden ihm von der Politik gestohlen, 1984 hielt ihn eine Infektion ab, und 1988 verzichtete er auf eine Teilnahme, weil er sich nicht konkurrenzfähig genug fühlte. Heute fährt er lieber mit dem Rad: „Es fällt mir mittlerweile recht schwer, mich zu motivieren – nach fast 40 Trainingsjahren.“

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