Sieger beim New-York-Marathon

Orlando Pizzolato

1984 gewann Pizzolato als "Nobody" völlig überraschend den New-York-Marathon.

Pizzolato

Orlando Pizzolato 1986 in Stuttgart.

Bild: Claus Dahms

Zur Person:
Geboren am 30. Juli 1958 in Thiene (Italien)
Größe: 1,79 m
Gewicht: 61 kg
Elernter Beruf: Physiotherapeut

In Deutschland hätte man von Altweibersommer gesprochen: Es war schwül-warm an der amerikani­schen Ostküste am letzten Oktober-Wochenende des Jahres 1984. Am Sonntagvormittag lag die Luftfeuchtigkeit bei 90 Pro­zent, und die Temperaturen erreichten in der Spitze 26 Grad. Der Start des New-York-Marathons an jenem 28. Oktober war auf 10:40 Uhr angesetzt. 18 365 Läuferinnen und Läufer hatten gemeldet. Und natürlich beeinflussten die Witterungsbedingungen den Rennverlauf auf dem welligen Stadtkurs mit seinen löcherigen Asphaltstraßen. Etwa bei der Halbmarathon-Marke im Stadtteil Queens übernahm der in der internationalen Fachwelt praktisch vollkommen unbekannte Italiener Orlando Pizzolato die Führung. Er war 26 Jahre alt und hatte bis dahin zwölf Marathons bestritten, zweimal gab er auf. ­Seine Bestzeit von 2:14:42 Stunden hatte er 1982 in Auckland (Neuseeland) aufgestellt. In Italien zählte er zu den besten Straßenläufern, und er brachte sehr gute Voraussetzungen mit. Erstens war er es ­gewohnt, bei ungemütlich warmen Tem­peraturen zu laufen, und zweitens kannte er die Strecke aus den Jahren 1982 (aufgegeben) und 1983 (2:15:28 Stunden, 16. Platz).

Mit acht Gehpausen zum Sieg
1:05:02 Stunden wurden für Pizzolato bei der Halbmarathon-Marke gestoppt. Für ­einen Läufer mit einer Bestzeit von 2:14 auf einem welligen Kurs wie dem in New York und unter diesen Bedingungen war das ein Kamikaze-Tempo. Der Italiener hatte bald einen komfortablen Vorsprung, musste aber auf den letzten zehn Kilometern für seinen Vorstoß büßen. Insgesamt acht Geh­pausen legte er ein, mal hatte er Wadenkrämpfe, mal trank er, mal schüttete er sich Wasser über den Kopf. Der Brite Dave Murphy (Bestzeit 2:11) kam näher und näher. Im hügeligen Central Park, auf Höhe des Museum of Metropolitan Art, etwa drei ­Kilometer vor dem Ziel, glaubte er, ihn einholen zu können. Doch Pizzolato mobi­lisierte seine letzten Reserven und zog ­davon. Im Ziel hatte er eine Dreiviertel­minute Vorsprung. Und hinter ihm rannte noch ein anderer ins Rampenlicht: Herbert Steffny aus Freiburg, der Dritter wurde. Ein Jahr später stand Orlando Pizzolato wieder am Start an der Verrazano-Narrows Bridge. Diesmal war die Konkurrenz stärker, aber der Italiener hatte nach seinem Vorjahreserfolg viel Selbstbewusstsein getankt, außerdem hatte er eine wichtige Lektion in Sachen Taktik gelernt. Und er war bestens in Form. Im Frühjahr hatte er bereits gezeigt, dass er internationales Niveau repräsentierte, als er beim Marathon-Weltcup in Hiroshima in einem erstklassig besetzten Rennen Sechster geworden war und dabei mit 2:10:26 Stunden eine persönliche Bestzeit aufgestellt hatte.

„Pizzolato was more than a pasta tiger“, lobte das Laufmagazin „The Runner“ in seiner New-York-Reportage den Italiener in Anspielung auf seinen „Zufallssieg“ 1984, als den viele Experten diesen Coup betrachteten. „1984 war ich ein Außenseiter, das machte es einfach“, wird er zitiert, „da ließen sie mich laufen, als ich forcierte, weil sie glaubten, ich würde das nicht durchhalten. Diesmal ist die Situation anders, denn ich trage die Startnummer eins.“

»Begrenztes Potenzial«
Pizzolato lief das beste Rennen seiner Kar­riere. Die Temperaturen waren mittags über 20 Grad gestiegen, doch es war nicht so schwül wie im Vorjahr. Auf halber Strecke fing Pizzolato an, das Tempo zu verschärfen, um die enteilten Läufer einzuholen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Italiener weder ­eine Ahnung, wie viele Läufer vor ihm lagen (zehn), noch wer an der Spitze lag (Ahmed Salah). Er sammelte einen nach dem anderen ein, und bei Kilometer 36 sah er Salah vor sich, der bis zehn Kilometer vor dem Ziel noch auf eine Endzeit von 2:08 zusteuerte. In Höhe des Wasser-Reservoirs im Norden des Central Parks schloss Pizzolato zu Salah auf, und die Führung wechselte ständig auf dem welligen Kurs. Auf den Anstiegspassagen führte Pizzolato, bergab Salah, bis der Italiener am letzten Hügel alles auf eine Karte setzte und noch mal forcierte. Salahs Widerstand war gebrochen. Die letzte Meile wurde ein Triumphzug für Orlando Pizzolato, und im Gegensatz zum Vorjahr konnte er ihn richtig genießen. Mit dem zweiten Sieg in Folge, in der ansprechenden Zeit von 2:11:34, hatte er gezeigt, dass er kein Zufallssieger war.

Ein Jahr später wurde Pizzolato beim Mara­thon der Leichtathletik- Europameis­ter­schaften in Stuttgart Zweiter hinter seinem Landsmann Gelindo Bordin. Wie in Stutt­gart profitierte er auch beim WM-Marathon 1987 in Rom davon, dass er lange Zeit zusammen mit Bordin lief. Dieser gewann das Rennen (und wurde 1988 Olym­pia­sieger), Pizzolato wurde Sechster.

Herbert Steffny, der beim New-York-Marathon 1984 mit dem dritten Platz seinen internationalen Durchbruch gefeiert hatte und 1985 beim Weltcup in Hiroshima (14.) wie auch beim EM-Marathon 1986 in Stuttgart (3.) hinter Pizzolato platziert war, erinnert sich an den Italiener: „Er war ein kluger Taktiker, der aus seinem begrenzten Potenzial das Optimum herausgeholt hat.

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