Nach dem London-Sieg 2008

Irina Mikitenko

Nach ihrem Sieg und Deutschen Rekord in London 2008 ist sie die derzeit beste deutsche Langstreckenläuferin.

Zur Person:
Geboren am 23. August 1972 in Bakanas, Kasachstan.
Größe: 1,58 Meter
Gewicht: 49 Kilogramm
Verheiratet, zwei Kinder
(Alexander, 14, und Vanessa, 3)

Irina Mikitenko siedelte 1996 nach Deutschland über (Spätaussiedler) und erhielt 1997 die deutsche Staatsbürgerschaft, da ihre Eltern noch deutsche Pässe besaßen – die Urgroß­eltern waren nach Kasachstan ausgewandert. 1996 nahm sie für Kasachstan an den Olympi­schen Spielen teil (5000 Meter, im Vorlauf ausgeschieden).

Von der Außenseiterin zur Olympia-Favoritin
Das trübe Wetter im Februar schlug Irina Mikitenko aufs Gemüt. „Im Winter, wenn es draußen grau und nass ist, fällt es mir schwer, mich fürs Training zu motivieren“, sagt sie. „Dann gehe ich morgens raus und denke schon mit Grauen daran, dass ich nachmittags noch mal raus muss.“ Kurz darauf zog sie sich für vier Wochen ins Höhentrainingslager zurück. Sie wählte dafür einen Ort aus, der kaum entlegener hätte sein können. Der Issyk-Kul-See liegt unweit der chinesischen Grenze 1600 Meter hoch im kirgisischen Bergland, umrahmt von mehreren Fünftausendern.

Die Gegend kannte Irina Mikitenko noch aus ihrem ersten Leben, das sie in Kasachstan verbrachte, bevor sie 1996 nach Deutschland kam. Dort trainierte sie in Höhenlagen um 1700 Meter, die Strecken waren weitgehend flach, die Witterungsbedingungen mit Tagestemperaturen um 16 Grad ideal.

Kurz vor Ostern reiste Irina Mikitenko wie geplant zurück nach Deutschland, um beim Paderborner Osterlauf, einem Halb­marathon, ihre Form vor dem London-Marathon zu testen. Der Test ging gut aus: Mit 1:08:51 Stunden lief sie persönliche Bestzeit, der London-Marathon konnte kommen. Da war zwar noch diese Knöchelverletzung, die beim Osterlauf aufbrach – eine alte Trainingsverletzung, hervorgerufen durch sehr hohe Trainingsumfänge. Doch wenige Tage vor London gab der Arzt Entwarnung und sie konnte unbeschwert starten.

Die Weltrekordlerin fehlte in London
Der London-Marathon hatte zwar durch die verletzungsbedingte Absage der Weltrekordlerin Paula Radcliffe seine Top-Favoritin verloren, doch im Feld gab es noch genug starke Läuferinnen, von denen mehr erwartet ­wurde als von Irina Mikitenko. Aber die Deutsche verstand es, den Vorteil der Außenseiter­rolle im Rennen zu nutzen. Souverän hielt sie
sich ständig in der Spitzengruppe auf und bestimmte mit zunehmender Renndauer gar das Tempo. Nachdem die beiden größten Favoritinnen, die Äthiopierinnen Gete Wami und Berhane Adere, bereits zurückgefallen waren, führte sie schließlich mit ihrem entscheidenden Vorstoß wenige Kilometer vor dem Ziel die Entscheidung herbei: mit einer Zeit von 2:24:14 lief sie als Siegerin ein.

Was den Sieg von Irina Mikitenko beim London-Marathon auszeichnet, ist die Art, wie er herausgelaufen wurde: In einem rei­nen Frauenrennen mit Top-Besetzung kon­trollierte sie den Rennverlauf entscheidend mit. In dieser Manier werden große Meisterschaftsrennen gelaufen, was Irina Mikitenko, ob es ihr passt oder nicht, zu einer der Top-Favoritinnen beim Olympia-Marathon in Peking am 17. August macht. In London standen die Wetten der Buchmacher auf sie noch zwischen 1:10 und 1:18. In Peking wird man nicht so viel gewinnen, sollte sie in die vorderen Ränge laufen.

Ausdauertalent in die Wiege gelegt
Irina Mikitenko kam 1996 zusammen mit ihrem Mann Alexander als Spätaussiedlerin aus Kasachstan nach Deutschland und erhielt 1997 die deutsche Staatsbürgerschaft, auf die sie durch ihre deutsche Abstammung ein Recht besaß (die Urgroßeltern waren aus­gewandert). Das Ausdauertalent wurde ihr übrigens in die Wiege gelegt: Vater Leonid war 1966 EM-Dritter über 10.000 Meter und ­hatte über 5000 Meter eine Bestzeit von 13:36. Als Jugendliche war sie Eiskunstläuferin, mit 14 Jahren wandte sie sich dem Laufen zu.

Kaum eingebürgert, wurde Irina Miki­tenko 1998 auf Anhieb Deutsche Meisterin über 10.000 Meter und versuchte sich in der Folgezeit zunächst hauptsächlich auf den Bahn-Langstrecken – allzu lange, ist man heute versucht zu sagen, denn ihre Ausflüge auf die Halbmarathon-Distanz deuteten bereits an, dass ihr wahres Potenzial auf den längeren Straßenstrecken liegt.

London war erst Irina Mikitenkos zweiter Marathon. Schon bei ihrem geglückten Debüt beim Berlin-Marathon vor einem Dreivierteljahr hatte sie ihr Leistungsvermögen angedeutet. Aus lauter Vorsicht und Respekt vor der Strecke war sie in der Hauptstadt mit stark angezogener Handbremse auf den zweiten Platz gelaufen und hatte mit 2:24:51 Stunden die schnellste Zeit einer Deutschen seit neun Jahren erzielt (nach Kathrin Dörre-Heinigs 2:24:35 im Jahr 1999 in Hamburg). Irina Mikitenko hat endlich ihre Parade-Distanz gefunden.


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