Sie war ihrer Zeit voraus

Ingrid Kristiansen

Ingrid Kristiansen lief in den Achtziger Jahren in einer anderen Dimension. Über alle Langstrecken war sie Weltspitze.

Zur Person:
Geboren am 21.03.1956 in Trondheim als Ingrid Christensen
Größe: 1,69 m
Gewicht: 50 kg

Welche Rolle die Norwegerin Ingrid Kristiansen in den achtziger Jahren spielte, lässt sich – auf heute bezogen – mit der britischen Weltklasseläuferin Paula Radcliffe vergleichen, mit einem kleinen Unterschied: Ingrid Kristiansen repräsentierte nicht nur über die Marathonstrecke Weltklasse, sie zählte auch auf den Unterdistanzen zur Weltspitze, das zeigen ihre Marken über 5000 und 10000 Meter.

Ihr Weltrekord über 10000 Meter hielt übrigens 16 Jahre. Paula Radcliffe unterbot ihn bei den Europameisterschaften 2002 in einem denkwürdigen Alleingang bei Dauerregen im Münchner Olympiastadion. Kein Athlet in der Leichtathletik-Geschichte hielt wie Ingrid Kristiansen gleichzeitig Weltrekorde über 5000 Meter, 10000 Meter und Marathon. Sie war die erste Frau, die die 5000 Meter unter 15 Minuten und die erste, die unter 14:45 Minuten lief.

Frauen holten auf
Die achtziger Jahre waren das Jahrzehnt, in dem der Langstreckenlauf salonfähig wurde und der Frauen-Marathon eine Leistungsexplosion nach der anderen erlebte. Das lag zum einen daran, dass Frauen Nach- bzw. Aufholbedarf hatten in Disziplinen, die bislang noch keine offizielle Anerkennung genossen, aber auch zunehmend daran, dass offizielles Preisgeld eine Rolle zu spielen begann und weltweit Marathonläufe in Großstädten für erhebliche Aufmerksamkeit bei den Medien sorgten.

Noch wenige Jahre zuvor war die 1500-m-Strecke die längste Meisterschaftsdistanz für Frauen, erst 1980 wurde erstmals eine Weltmeisterschaft im 3000-m-Lauf ausgetragen. Eine andere norwegische Weltklasseläuferin hatte den Weg mitbereitet: Grete Waitz feierte nach ihrem Wechsel vom Bahn- und Crosslauf zum Marathon Ende der siebziger Jahre Serienerfolge auf der Straße und gewann den New York-Marathon zwischen 1978 und 1988 insgesamt neun Mal.

Der Anfang beim Skilanglauf
Ingrid Christensen, wie sie vor ihrer Heirat mit Mädchennamen hieß, war seit ihrem 12. Lebensjahr ausdaueraktiv, vor allem im Skilanglauf, wo sie 1978 den 21. Platz bei den Weltmeisterschaften in Lahti belegte. Bei den Junioren-Europameisterschaften gewann sie von 1973 bis 1975 Gold, Silber und Bronze. Skilanglauf bewirkt ein hohes aerobes Basisniveau, auf das Ingrid Kristiansen aufbauen konnte. Im Unterschied zu anderen Weltklasseläuferinnen zog es sie in den kalten Monaten nicht in wärmere Gefilde, um sich auf die Saison vorzubereiten. Sie bevorzugte eine Mischung aus Skilanglauf, Laufbandtraining und Läufen im Freien.

Ihr langjähriger Trainer Johan Kaggestad meinte einmal, es sei der Entwickung vom Holz- zum Glasfiberski Ende der siebziger Jahre zu verdanken, dass Ingrid Kristiansen zur Läuferin und nicht zur Skilangläuferin wurde. Ihre relativ zierliche Läuferkonstitution sei der kraftraubenden Technik, welche die neuen Ski erforderten, nicht gewachsen gewesen.

Das Trainingsprinzip
Geringe Intensität bei hohem Umfang – so lässt sich das Trainingsprinzip der Norwegerin zusammenfassen. Kaggestad legte Wert auf die Feststellung, dass sich ein Training auf Höchstleistungsniveau sehr an persönlichen Verträglichkeiten zu orientieren habe. Sein Credo: Hohe Umfänge bringen nichts, wenn der Athlet danach ausgepowert ist. Kristiansen vertrug diese Trainingsform sehr gut, nicht zuletzt aufgrund ihrer guten Grundlagenausdauer.

Auf dem Weg zum Weltrekord: 1985 stellte Ingrid Kristiansen mit 2:21:06 Stunden eine neue Bestmarke auf.

Erfolge beim Marathon
Mit 21 schnupperte sie erstmals Marathonluft, als sie bei einem Marathon in ihrer Heimatstadt Trondheim auf Anhieb siegte (2:45:14). Drei Jahre später war es soweit. Im Mai 1980 war sie über 3000 Meter unter neun Minuten geblieben, im Juni siegte sie beim Stockholm-Marathon in 2:38:45 Stunden und war damit eine international anerkannte Marathonläuferin.

Im Januar 1983 hatte Ingrid Kristiansen den Houston-Marathon gewonnen (2:33:27) und war bei den Cross-Weltmeisterschaften im März auf Platz 35 gelandet, als sich bei einer Untersuchung (ihr war übel) herausstellte, dass sie im sechsten Monat schwanger war. Dass Regelblutungen ausbleiben bzw. unregelmäßig auftreten, ist bei Hochleistungs-Langstrecklerinnen nichts Außergewöhnliches, was erklären mag, dass die Schwangerschaft erst so spät „entdeckt“ wurde. Ihr Sohn Gaute war kaum geboren, als sie wieder ins Training einstieg. Im Januar 1984, knapp fünf Monate nach der Geburt, siegte sie, wiederum in Houston, in 2:27:51. Das bedeutete eine Verbesserung ihrer Bestzeit um 2:18 Minuten.

Höchstleistungen nach der Schwangerschaft
In Fachkreisen war danach viel die Rede von hormonellen Einflüssen, die schwangeren Hochleistungssportlerinnen nach der Schwangerschaft zu Höchstleistungen verhelfen würde. Eine andere Theorie spekuliert, dass es das Training unter erschwerten Bedingungen sei, das Schwangeren zu Höchstleistungen nach der Geburt verhelfe (erhöhtes Gewicht, Sauerstoffzufuhr, diverse Stoffwechselprozesse).

Im Effekt ist dies übrigens dem Höhentraining zu vergleichen, über dessen Wirkungsweise ebenfalls spekuliert wird: es sind vielleicht nicht die vermehrten roten Blutkörperchen, sondern das erschwerte Training unter Sauerstoffmangel, das die Leistungssteigerung hervorruft. Nach ihrem dritten Platz beim ersten Europameisterschaftsmarathon 1982 in Athen bewies Ingrid Kristiansen beim London-Marathon 1984 ihre Weltklasse, als sie in 2:24:26 Stunden gewann. Das war schneller als der bisherige Streckenrekord, den ihre Landsfrau Grete Waitz im Jahr zuvor aufgestellt hatte (2:25:28) und findet bei einigen Statistikern gar Eingang in die Weltrekordliste, denn sie erkennen die von der Amerikanerin Joan Benoit 1983 auf der Punkt-zu-Punkt-Strecke in Boston aufgestellte Marke von 2:22:43 Stunden wegen des Netto-Gefälles nicht an.

Der erste olympische Marathon 1984
Für die Premiere des olympischen Frauen-Marathons im August 1984 in Los Angeles galt Kristiansen als eine der Top-Favoritinnen, nicht zuletzt weil ihre vermeintlich größte Konkurrentin Joan Benoit wenige Monate vor dem Olympiamarathon einen arthroskopischen Eingriff am Knie hatte. Drei Monate nach ihrem Sieg in Houston hatte sie den London-Marathon in 2:24 gewonnen und im Juni einen Weltrekord über 5000 Meter erzielt (14:58,89), was ihre Favoritenrolle für den Olympiamarathon weiter zementierte. Doch Joan Benoit schockierte die Konkurrenz mit hohem Anfangstempo, setzte sich früh ab, brach wider Erwarten nicht ein und holte sich souverän den Sieg. Für Kristiansen blieb hinter Grete Waitz und der portugiesischen Europameisterin von 1982, Rosa Mota, nur der vierte Platz.

Weltrekord in London
Ein dreiviertel Jahr später zeigte Ingrid Kristiansen ihre Weltklasse mit einem Weltrekord beim London-Marathon in 2:21:06 Stunden und ließ die Spekulationen wachsen, wann es wohl der ersten Frau gelänge, unter die Marke von 2:20 zu kommen. Das dauerte dann allerdings noch 16 Jahre, allein ihr Weltrekord hielt 13 Jahre: die Kenianerin Tegla Loroupe verbesserte 1998 die Marke in Rotterdam um 13 Sekunden.

Ihre Laufkarriere dauerte noch bis Anfang der neunziger Jahre, doch blieb ihr eine Olympiamedaille versagt. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Soul war sie Favoritin über 10000 Meter, musste jedoch mit einer Achillessehnen- verletzung aufgeben. Heute ist sie Delegierte beim Komitee für Straßen- und Crosslauf des internationalen Leichtathletik-Verbands IAAF. Mit ihrem Mann Arve lebt sie in Trondheim. Die Söhne Gaute, Marte und Sondre sind 24, 17 und 14 Jahre alt.

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