Der tragische Held

Henry Rono

Henry Rono stellte 1978 die Welt der Leichtathletik in 80 Tagen auf den Kopf.

Zur Person:
Geboren am 12. Februar 1952 in Kaprirsang/Kenia

Der Kenianer vom Stamm der Nandi, erzielte vom 8. April bis 27. Juni 1978 eine Weltrekordserie, die in der Lauf-Leichtathletik ihresgleichen sucht. Angefangen hatte alles am 8. April in Pullman/Washington (USA), wo Henry Rono zwei Jahre zuvor, im Oktober 1976, ein Wirtschaftsstudium begonnen hatte, das er allerdings nie beendete. Dort steigerte Rono, bis dato ein völlig unbeschriebenes Blatt, den 5000-m-Weltrekord auf 13:08,4 Minuten.

Fünf Wochen später, am 13. Mai 1978, riss Rono in 8:05,4 Minuten auch die Bestmarke über 3000 m Hindernis an sich und es gab nach ihm wohl keinen Weltrekordler über diese Distanz, der eine solch mangelhafte Hindernis-Technik hatte. Am 11. Juni holte er sich in 27:22,4 in Wien den 10000-m-Rekord seines Landsmanns Samson Kimobwa und seine Serie krönte Rono am 27. Juni in Oslo mit 7:32,1 Minuten über 3000 m. Selbst Lauf-Heroen wie der Finne Paavo Nurmi oder die tschechische „Lokomotive“ Emil Zatopek konnten nicht so viele Rekorde in solch kurzer Zeit sammeln.

Fortan wurde Rono von Veranstaltung zu Veranstaltung weitergereicht, startete einfach zu oft, litt zwischenzeitlich unter Verfolgungswahn, glaubte, sein Trainer John Chaplin von der Washington State University wolle ihn umbringen. Kenias Olympiaboykott 1980 in Moskau ersparte ihm möglicherweise eine Blamage. Aber ein Jahr später schaffte Rono noch einmal ein großes Comeback: In Knarvik (Norwegen) steigerte er seinen 5000-m-Weltrekord auf 13:06,2 Minuten. Rono begann wieder gegen stattliche Antrittsgelder zu tingeln, sah aber selten die Ziellinie als Erster. Dann schien der Stern des Henry Rono für ewig versunken.

Doch 1986 brachte er sich noch einmal in erstaunliche Form und lief den Marathon in 2:19:12 Stunden. Es nutzte nichts: Rono wurde zu einem tragischen Helden. Er wurde alkoholabhängig. Die Zugangsdaten der Konten, auf denen sein Geld lagerte, hatte er verloren und vergessen, er wurde sogar wegen Betruges verhaftet. Heute arbeitet Rono angeblich als Kofferträger auf dem Flughafen von Albuquerque/New Mexiko (USA).

Ronos Training
Um Ronos Training ranken sich viele Mythen, wie das so ist, wenn einer „Wunderdinge“ vollbringt. Von ihm existieren kaum Aufzeichnungen über seine frühen Trainingsjahre. Rono war schon 18 Jahre alt, als er mit einem ernsthaften Lauftraining begann. Zuvor hatte er vor allem Fußball gespielt. Er trainierte in seinen besten Jahren dreimal täglich und orientierte sich in den Anfangsjahren vor allem an dem Trainingskonzept seines Vorbildes Kip Keino. Seit 1976/1977 trainierte Rono auch häufig in den USA unter Universitäts-Coach John Chaplin.

Somit fand zwar ein Teil seines Trainings in fast 2000 Meter Höhe in den kenianischen Nandi-Hills statt, aber über lange Zeit war Rono eben nicht in Afrika, sondern „auf Reisen“. An mindestens jedem zweiten Tag standen Intervalleinheiten auf dem Programm. An diesen intensiven Trainingstagen lief er morgens sehr früh zumeist nicht länger als sechs bis acht Kilometer, allerdings oft im hügeligen Gelände mit gesteigertem Lauftempo. Abgeschlossen wurde der frühe Auftakt oft mit Steigerungen und kurzen Sprints. Am späten Vormittag dann Intervalltraining über zumeist relativ kurze Distanzen von 200 bis 400 Meter und am Spätnachmittag dann ab und zu ein zweites Intervalltraining mit längeren Belastungsintervallen oder ein zügiger Dauerlauf von mindestens 70 Minuten Dauer.

Henry Rono: Trainingswoche im Februar 1978.

Einer seiner Weggefährten, der für ihn bei seinem 10000-m-Weltrekord auch Tempo machte, war der Holländer Jos Hermens, der heute unter anderem Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele managt. Hermens über Rono: „Seine Trainingseinheiten waren nahezu unvergleichlich. Wahrscheinlich hatte er größeres Talent als Gebrselassie, und wenn er gut gemanagt worden wäre, hätte er wie Haile zehn Jahre lang Weltrekorde laufen können.“

Was wir von Henry lernen können:
„Enjoy running in the way I was enjoying it. Running and training are very simple things to me. So the way I advise an athlete is not to take it too seriously.“
Haben Sie Spaß beim Laufen, so wie ich es hatte. Laufen und das Lauftraining sind doch so einfach. Mein Rat an Läufer: Nehmen Sie das Ganze nicht zu ernst!

Weiterlesen

Seite 1 von 3
Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Erfolge von Henry Rono