Gerard Nijboer

Wie aus einem mittelmäßigen Fußballer ein begnadeter Läufer wurde.

Zur Person
Geboren am 18. August 1955 in Hasselt
Größe 1,83 m
Gewicht als Leistungssportler: 71 kg

Die Entdeckung des Talents von Gerard Nijboer ist eine eigene Geschichte: Klein-Gerard träumte wie viele Jungen von einer Karriere in der niederländischen Fußball-Nationalmannschaft. Mit seinem Team in Raalte steckte er aber hauptsächlich Niederlagen ein, und schließlich übernahm auch noch ein „harter Hund“ das Training und ließ die jugendlichen Fußballer zweimal statt einmal in der Woche trainieren. Das gefiel Klein-Gerard zunächst gar nicht. Aber zu seiner Überraschung merkte er bald, dass plötzlich die Gegner ihm, dem technisch wenig versierten Mittelfeldspieler, hinterher rannten statt umgekehrt. Und noch überraschender: Bei Laufwettkämpfen in der Schule lief er auf einmal auch vorneweg statt hinterher. Aus dem mittelmäßigen Fußballer wurde ein begnadeter Läufer.

Arend Karenbeld, Sport-Dozent in Deventer, übernahm später das Training von Nijboer. Er ließ seinen talentierten Schüler
bewusst verschiedene Laufgeschwindigkeiten trainieren, denn Karenbeld wusste, dass es für maximale Leistungen im Marathon von ausschlaggebender Bedeutung war, einerseits nicht nur viel Tempoarbeit zu machen, aber auch nicht nur lange zu laufen. Karenbeld war der Auffassung, dass die Kombination der Intensitäten der Schlüssel sei, der die Tür zum Siegerpodest aufschloss.

Im Nachhinein glaubt Nijboer allerdings, dass er trotz der Warnungen seines Lehrmeisters oft zu hart trainierte. Er führt es darauf zurück, dass eine sensible Belastungsbestimmung in den frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nur schwer möglich war, denn es gab noch keine Herzfrequenzmesser. Nijboer und Karenbeld nahmen den Puls zwar auch schon nach jeder Laufbelastung, allerdings mit der Hand an der Halsschlagader.

Krank am Start
Den ersten Höhepunkt seiner Karriere begann er krank und schwach. Elend ging es Nijboer am Start des olympischen Marathons in
Moskau 1980, den er aber schließlich – zu seiner eigenen Überraschung – als Zweiter hinter Waldemar Cierpinski beendete. Unglaublich, da er durch eine Darminfektion in den Tagen vor dem Marathon sechs Kilo abgenommen hatte. Oder war dies sogar ein Vorteil? Nijboer, ein relativ schwerer Läufer, fühlte sich in Moskau leicht wie ein Federchen. Was er aber noch mehr zu fühlen meinte: Er hatte in Moskau zwar Silber gewonnen, aber Gold verloren. Er wollte der Marathonwelt noch zeigen, wer im Augenblick der Beste der Welt war. Und so legte er im Training noch ein Schüppchen drauf und provozierte damit prompt eine Knieverletzung. In New York musste er im selben Jahr als einer der Favoriten aufgeben.

Schon im Frühling des olympischen Jahres 1980 war er in Amsterdam aus der Anonymität herausgelaufen mit einer Zeit von 2:09:01 Stunden – Europarekord. Die Strecke wurde anschließend zwar angezweifelt, aber zu Unrecht. Nijboer gehörte zur absoluten Weltklasse und alles schien möglich. Doch was folgte, war ein einziger Leidensweg: Das Knie war schuld. Akupunktur, ein von seinem Schwiegervater erfundener Kraftapparat und eine gute medizinische Beratung durch den Sportarzt Peter Vergouwen brachten ein „Wunder“ zustande: Nijboer schaffte es 1982 tatsächlich an die Startlinie der Europameisterschaften in Athen.

Es war extrem heiß und Nijboer wusste schon vorher (und so selbstverständlich war das damals nicht), dass eine gute Getränkeversorgung und eine entsprechende Vorbereitung in der Hitze der entscheidende Unterschied zwischen Alles und Nichts sein konnten. Beim Marathon verpasste er zwar ein paar Mal seine Flasche, aber der Belgier Karel Lismont gab ihm von seinen Getränken ab. Nijboer heute: „Karel sagte mir, dass ich nicht zu viel trinken sollte, denn das würde die Leistung nachteilig beeinflussen.“

Im Chaos zum Titel
Im „gut organisierten“ griechischen Chaos („Bei Kilometer 25 musste ich plötzlich einem Bus ausweichen. Hinter den Zuschauern kam ich wieder auf die Laufstrecke zurück.“) jagte Gerard Nijboer seinen Landsleuten, die begeistert am Fernsehen zuschauten, Schauer über den Rücken, als er in Führung liegend plötzlich stehen blieb. War er überwältigt von der Hitze? Nein, er band in aller Gemütsruhe einen Schnürsenkel, der aufgegangen war.

Viele Jahre später gibt er zu, dass tatsächlich nicht viel daran fehlte, dass er ausgestiegen wäre. Nur der Gedanke, dass er das antike Olympiastadion als Sieger betreten könnte, hielt ihn davon ab, der Versuchung nachzugeben. „Bei Kilometer 35 dachte ich: Jetzt musst du gut aufpassen, dass du keinen Kollaps bekommst.“ Die Belgier Lismont und Parmentier standen schließlich neben ihm auf dem rein niederländisch sprechenden Siegerpodest. Nijboer sah erschöpft, aber überglücklich aus.

Gerard Nijboer: Eine Trainingswoche im Juni 1982 (vor den niederländischen 25-km-Meisterschaften)

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