Das große Interview

Das Training – früher und heute

Heute trainiert Waldemar Cierpinski andere Läufer. Was hat er von früher übernommen und was hat sich geändert?

Interview Cierpinski

Heute trainiert Waldemar Cierpinski unter anderem seinen Sohn Falk.

Bild: Urs Weber

RUNNER’S WORLD: Zu einem ganz anderen Thema: Heute trainieren Sie ja mehrere Läufer selbst. Wie war das in Ihrer aktiven Zeit: Haben Sie Ihr Training selbst stark mit beeinflusst?
Ich habe mich schon immer sehr intensiv mit allem beschäftigt, was ich gemacht habe. Und gelaufen bin ich schon früh. Ich bin selbst, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe und jeden Sommer mit auf dem Acker arbeiten musste und noch in der Kinder- und Jugendsportschule war, oft Sonntags früh einfach aus Neugier über vier Kreise und 55 Kilometer gerannt. Und dann beschäftigt man sich hinterher natürlich mit so einer Herausforderung. Dadurch, dass wir immer alles protokolliert haben, hat man sich davor und hinterher natürlich immer ein kleines bisschen mehr damit beschäftigt. Das hat aber fast jeder gemacht. Und dann kamen die Trainerwechsel, schon 1972 kam Walter Schmidt zu uns, und da war dann die Herausforderung, ob er das genau so machen wird wie der alte Trainer. Dadurch habe ich mich immer mehr damit beschäftigt und habe dann mein Studium angefangen. Und von da an hat man sich automatisch ganz wissenschaftlich mit dem Training beschäftigt. Das, was man in der Anatomie, Biologie, Physik und so weiter zur Kenntnis genommen hat, damit hat man sich dann im eigenen Training auseinander gesetzt. Nun war ich auch viel durch das Hindernislaufen und durch zu spontanes Training zwischendurch verletzt, denn oft wollte ich stets noch mehr machen. Und dann hat man analysiert und genau verglichen. Ich habe jedes Jahr meine eigenen Aufzeichnungen gemacht.

Zu dieser Zeit erhielt ich auch viele wertvolle Anregungen vom wissenschaftlichen Zentrum in Leipzig zum Thema Höhentraining. Das ging damals noch ganz unkonventionelle Wege, da zählte der persönliche Kontakt sehr viel. Es war bei uns zum Beispiel damals üblich, dass man sich spät abends angerufen hat, rein privat. Und da konnte man, ob das Lothar Pöhlitz war, der damals im SV Halle als Cheftrainer mit tätig war, oder sonst wer, die Dinge auf kurzem Wege klären. Die Wege standen einem da offen. Das hat die wissenschaftliche Auseinandersetzung natürlich beflügelt, da habe ich viel gelernt. Und trotzdem braucht man auch mal Anregungen von anderen Sportarten. So fiel mir einmal auf, dass die Ruderer zwei Tage vor einem Wettkampf noch mal eine Vollbelastung gemacht haben, das heißt, die haben vorher noch einmal eine richtige Ausbelastung gemacht! Das war für uns undenkbar. Aber ich habe das ausprobiert, dann übernommen und beispielsweise zwei Tage vor dem Wettkampf noch einen 10-km-Lauf gemacht. Und dabei bin ich übrigens im Training in Moskau zwei Tage vor dem Olympischen Marathon meine Bestleistung gelaufen: 28:05 Minuten. Das habe ich schon Jahre zuvor so gemacht, denn ich wusste, dass zwei Tage später die Superkompensation einsetzt.

RUNNER’S WORLD: Würden Sie das heute mit Ihren Schützlingen auch so machen?
Das kommt immer darauf an. Und das ist auch immer vom Sportler abhängig. Negative Erfahrungen habe ich selbst auch mal gemacht: Dann kam plötzlich die Geschichte mit der Saltin-Diät. Ich habe die Diät gemacht und wahrscheinlich zu wenig Kohlenhydrate zu mir genommen und bin dann mit so einer Ausbelastung gescheitert. Wir sind gerade dabei, dass mit unseren Athleten individuell herauszufinden, wie das dann wirklich hundertprozentig funktioniert.

RUNNER’S WORLD: Mit Ihrem Wissen und Know-How könnten Sie dann heute leistungsmäßig weiter sein?
Nein.

RUNNER’S WORLD: Sie haben damals alle optimal gemacht?
Das Training ist ein Gesamtprozess. Da spielen sehr viele Dinge zusammen, die man durch Training für seinen Körper erreichen kann. Wir trainieren ja hauptsächlich die Ausprägung der Organsysteme, die einen langen Zeitraum brauchen. Die Ausprägung der ganzen Muskelstrukturen dagegen lassen sich relativ kurzfristig ausprägen. Entscheidend für einen Ausdauersportler ist vor allem aber der energetische Kreislauf, das Miteinander aller Organsysteme und ihrer Energiekreisläufe, und das sind fünf oder sechs Säulen. Da geht es um die sensorischen Nervenbezüge, das Melden von unten nach oben und die Rückmeldungen zwischen den Systemen. Das Abrufen der geleisteten Arbeit, des Trainings und der neuronalen Prozesse, das ist ein komplexer Prozess auf verschiedenen Ebenen. Das Gute ist: Das ist alles abrufbar, auch noch im hohen Alter.

Im Training geht es darum, wie man die Sicherheitssysteme, die einen da ausbremsen, fit machen kann. Und das ist mir glaube ich ganz gut gelungen. Man hätte auch zu Dopingmitteln greifen können, aber wie man weiß, alles, was zu dieser Zeit geholfen hätte, wäre nur der Schnellkraft förderlich gewesen. Da war also für Ausdauersport nicht viel zu machen. Und die Anabolika-Geschichten, die früher auch schon angefangen haben, die haben nur den Muskelquerschnitt vergrößert, also Gift für einen richtigen Ausdauersportler. Folglich konnte Doping nicht genommen werden.

Was damals viel entscheidender war: Das Umfeld, die Motivation konnte verbessert werden. Der fing mit den ganz primitiven Dingen an, dass man in der armen DDR für einen Olympiasieg Geld bekam, was nicht viel war, circa 15.000 DDR-Mark. Aber ich konnte mir ein Auto kaufen und eine Garage bauen. Dann muss ich sagen, egal was da über die DDR geredet wird: Der Stolz, der einem den Rücken gestärkt hat, die Motivation durch die vielen Sportbegeisterten der DDR, das war motivierend. Ich wäre in Moskau sonst nie ein zweites Mal an den Start gegangen, wenn ich das nicht so herzhaft erlebt hätte. Kurzum, es müssen für eine Topleistung eines Sportlers ganz viele Dinge zusammen kommen. Wenn man also den Kreislauf nicht hinkriegt, wenn man sich natürlich auch durch das Training die nötigen Dinge angeeignet hat, wie Willensstärke, Ausdauer, die Beharrlichkeiten, dann kann man trainieren wie man will. Aber das ist mir offensichtlich gelungen. Dazu hatte ich die Motivation, dass ich immer für meinen Vater gelaufen bin, der steife Knie bekommen hat. Das war immer irgendwo ein kleiner Motivator. Und dann wie gesagt das schöne Gefühl, dass nicht nur ein kleiner Kreis, sondern Tausende hinter einem stehen. Das macht frei und wenn die harten Situationen kommen, dann sagt man sich, dass es einmal schon noch gehen wird.

RUNNER’S WORLD: Wie kann das heute für die jungen Athleten ersetzt werden?
Genau an der Stelle entsteht in der heutigen Zeit ein Schnittpunkt, wo ich sage, es ist schwierig. Es ist deshalb schwierig, weil der Sportler in der heutigen Zeit viel zu viele andere Sachen um die Ohren hat. Dazu ist er ständig materiell gefordert, muss sich fragen, kriegt man die Trainingsvorhaben doch noch finanziert und vieles mehr. Das gab es früher nicht und das hat uns den Kopf frei gemacht. Da hatten wir die Ruhe, um Freude und Motivation zu entwickeln. Heute wird man zu viel abgelenkt.

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Waldemar Cierpinski über das Leben nach der großen Karriere