Das große Interview

Das Leben als Sportler in der DDR

Waldemar Cierpinski über die Bedeutung und den Stellenwert des Laufens in der DDR.

Interview Cierpinski

Waldemar Cierpinski in Halle an der Saale

Bild: Urs Weber

RUNNER’S WORLD: Welchen Stellenwert hatte Laufen in der DDR? War das reiner Wettkampfsport oder gab das damals schon Freizeitsportbewegungen?
Leichtathletik an sich hatte in der Bevölkerung riesige Resonanz. Millionen haben die Wettkämpfe am Fernseher verfolgt. Nach meiner Teilnahme an den Olympischen Spielen und meiner Goldmedaille habe ich mehrere Wäschekörbe mit meiner Post füllen können. Die Leute haben unwahrscheinlich leidenschaftlich und nett geschrieben, aus allen sozialen Schichten der Bevölkerung. Aber der Laufsport an sich war vor 1976 ganz schmal. Das Allergrößte war zu der Zeit der Rennsteiglauf, zu dem sich 8.000 Verschworene trafen, denen es aber nicht um Leistung ging. Natürlich gab es unter den Teilnehmern auch Ausnahmen, aber für die meisten war es viel wichtiger, die zwei Abende zu erleben. Das war so die einzige Bewegung. Was man allerdings nach dem Olympiasieg von mir 1976 beobachten konnte, war, dass die Laufbewegung ganz ordentlich zunahm. Man hat natürlich bei den großen Läufen, wie dem Friedenslauf in Berlin, auch Schulen dazu angehalten mitzulaufen, aber nur um dann von Teilnehmerzahlen von bis zu 50.000 sprechen zu können. Ich kann mich noch gut erinnern: Die Siegerehrung war am Alexanderplatz, und Juan Antonio Samaranch musste damals unendlich viele Medaillen übergeben.

RUNNER’S WORLD: Hat auch zu DDR-Zeiten ein Arzt schon mal den Rat gegeben: „Mensch, Sie müssen sich mehr bewegen, gehen sie mal laufen.“?
Ja, das hat jedoch jedes Kind schon sowohl in der Schule als auch Zuhause gepredigt bekommen. Im Kindergarten hat man schon Vorsport in spielerischer Form gemacht, denn bereits dort fing die Sichtung für Sportarten wie Schwimmen, Turnen und Leichtathletik an. Dieses ESA-System („Erweitertes Sichtungs- und Auswahlsystem“, d. Red.) ging durch alle Vereine durch, und da ging es um 600.000 Personen. Aus dieser großen Pyramide hat man dann immer weiter für den Leistungssport sondiert. Angeregt wurde es immer durch Turnvater Jahn und Gutsmuth. Und dann ging es mit dem Pflichtturnen in der Schule weiter. Man hatte zwei bis drei Pflichtstunden Sport zu machen. Heute treten diese Prioritäten leider immer mehr in den Hintergrund. Dass so viel Sportunterricht ausfällt, findet viel zu wenig Beachtung. Dabei fand ich es immer gut, dass die Kinder gerade auch im Sport durch eine Zensur den Pflichtanteil einer Norm gelernt haben.

Ohne eine Vorgabe kann man – und das lernt man nirgendwo so wie im Sport – ganz schlecht eine gewisse Norm fordern. Eine gewisse Toleranz ist dafür natürlich nötig, zum einen für diejenigen, die automatisch eine sehr gute Note bekommen, weil sie einfach sportlich sind und die Voraussetzungen haben; denen sollte es nicht zu leicht gemacht werden. Zum anderen muss man für die Schwächeren die Möglichkeit haben, nicht nur über eine Zensur den Maßstab der Norm anzuzeigen. Denn wenn ein Schüler mit schlechten körperlichen Voraussetzungen eine bestimmte Leistung zeigt und sich dabei anstrengt, ist das für ihn gleichwertig, wie für jemanden, der ohne große Anstrengungen gute Zensuren erlangt. Das hat man, denke ich, in großen Teilen der Erziehung bei den Jugendlichen in der DDR ganz gut hingekriegt. Manchmal war es natürlich zu streng, da man nicht in allen leichtathletischen Disziplinen gut sein muss, wie das bisweilen gefordert wurde. Aber der Ansatz war gut. Denn ohne das Wissen, dass eine gewisse Leistung erbracht werden muss, kann man die Anstrengung des Einzelnen nicht organisieren. So bekommt man keine Normausprägung hin. Und dann stellt sich die Frage, was wir in der Gesellschaft mit Menschen, die kein Normgefühl mehr haben, machen wollen. Normen sind in der Arbeit und im Alltag wichtig. Und da kann der Sport unwahrscheinlich viel leisten. Gott sei Dank wird man sich dieser Aspekte wieder mehr bewusst, weil ohne ein gemeinsames Werte- und Normensystem ein Miteinander schwer möglich ist.

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