Nach wenigen Jahren ausgebrannt

Daniel Komen

Zwei seiner Weltrekorde überlebten sogar El Guerrouj, Gebrselassie und Bekele.

Zur Person:
Geboren am 17. Mai 1976 in Nyara
Größe: 1,70 m
Gewicht: 60 kg

Jeder Athlet, der die Weltspitze erreicht, bringt ein großes Maß an Talent mit. Allein durch hartes Training schafft es keiner. Aber einige sind mit mehr Talent gesegnet als andere. Daniel Komen ist dafür ein Beispiel. Der Kenianer wurde mit 18 Jahren zweifacher Junioren-Weltmeister und verbesserte zwischen 1996 und 1998 sechs Welt­rekorde, davon zwei in der Halle. Mehr als zehn Jahre später sind seine Rekorde über 3000 Meter, zwei Meilen auf der Bahn und 3000 Meter in der Halle noch immer unerreicht. Selbst Weltklasse­läufer wie Hicham El Guerrouj, Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele haben sich daran die Zähne ausgebissen. Doch die außergewöhnliche Erfolgsgeschichte währte nicht lange.

Daniel Komens Stern leuchtete von 1994 bis 1998. Danach ging’s mit ihm bergab, auch wenn er 1999 in Sevilla noch WM-Fünfter wurde und 2001 die 5000 Meter in 13:01,98 Minuten lief – für einen Komen war das nur noch Mittelmaß. Mit 25 oder 26 Jahren, in einem Alter, da andere sich erst dem Höhepunkt nähern, war er am Ende angelangt. Rückblickend steht für ihn fest, dass er vor allem zwischen 1996 und 1998 seinen Körper zu sehr gefordert hat: Fast in jedem Rennen gab es einen Weltrekordangriff.

„Der 3000-Meter- Weltrekord 1996 in Rieti – das war das beste Rennen meines Lebens“, sagt er. „Im Lauf jenes Jahres hatte ich aber im Cross und auf der Bahn nicht weniger als 26 harte Rennen. Heute denke ich, dass darin der Grund zu suchen ist, warum ich später nicht mehr richtig auf Touren kam. Wir Läufer sind keine Maschinen, bei denen man einfach den Motor auswechseln kann.“

Daniel Komen lief sein erstes 10000-­Meter-Rennen bereits im Alter von neun Jahren. Das Laufen lag ihm im Blut. Zwei- bis viermal am Tag rannte er die vier Kilo­meter zur Schule und zurück, sein richtiges Training – pro Tag etwa eine Stunde – ab­solvierte er im Sportunterricht. Er wartete zu Hause jeweils bis zum allerletzten Moment und rannte dann, so schnell er konnte, in die Schule – um der Strafe des Lehrers zu entgehen. Zu Komens überragendem Talent gesellte sich also auch ein „unbewusstes“ Training, so wie das auch heute noch bei den meisten Kenianern der Fall ist.

Daniel Komen hat fast alle Trainingstage­bücher aus den 90er-Jahren aufbewahrt. Ein Blick hi­nein offenbart: Die Monate September und Oktober waren komplett trainingsfrei. Ausruhen stand auf dem Programm. Sein Gewicht stieg von 60 auf 65 Kilo. „In der ersten Novemberwoche nahm ich das Training wieder auf, meist dreimal am Tag, aber sehr langsam, vielleicht eine Stunde um 6 Uhr, 30 bis 40 Minuten um 10 Uhr und noch mal 30 bis 40 Minuten gegen Abend. An Sonn­tagen gab es einen Longrun von ­einer Stunde und 15 Minuten.

Kurz: viel Ausdauer, auch Hügelläufe, aber kein intensives, sondern ein sehr leichtes Training, das dazu diente, den Körper auf die richtige Trainingsarbeit vorzubereiten. Am 1. April begann dann jeweils das Bahntraining. Die ersten paar Wochen lief ich in Trainingsschuhen, nicht mit Spikes.“ Normalerweise gab es zwei Bahntrainings und ein Fahrtspiel pro Woche.

Was in den Trainingstagebüchern nicht vermerkt ist, sind all die Sprint- und Kraft­übungen, die in Nyahu­ruru an der Tagesordnung waren. Komens langjähriger Coach, Jim­my Beauttah, der in den 90er-Jahren in Nya­hururu für Kim McDonald arbeitete und auch Moses Kiptanui an die Weltspitze brachte, war im Training immer für ein paar „Spezialitäten“ gut.

Er sagte einmal: „Wenn es um Kilometerumfänge, Fahrtspiel oder das Bahn­training geht, macht im Grunde jeder Coach dasselbe. Aber ich habe mir immer etwas Besonderes einfallen lassen. Zum Beispiel einmal in der Woche unmittelbar nach einem Dauerlauf von einer Stunde und 15 Minuten, wenn die Muskulatur ermüdet ist, zehn 100-Meter-Sprints. Dann auch schnelle Schritt­kombina­tionen oder Sprints mit einem Reifen, der mit einem Gurt um die Hüfte befestigt ist. Das Ziehen des Reifens führt zu speziellen Anpassungen in der Muskulatur. Ich benutzte auch Gummi­bänder oder freie Gewichte und Medizinbälle, um den Körper zu kräftigen.“ All diese Trainingselemente wurden individuell eingesetzt, abhängig vom Fitnesszustand eines Athleten.

Daniel Komen war Ende der 90er-Jahre einer der Großverdiener in der Leichtathletik: ­Allein der Grand-Prix-Gesamtsieg 1996 brachte ihm eine Viertelmillion Dollar. Damals lebte er noch in einer Holzhütte ohne Wasser und Strom. Inzwischen wohnt er mit seiner Familie in einer Villa in Eldoret. Er besitzt zahlreiche Häuser, die er vermietet, er hat mehrere Fahrzeuge und eine 100-Hektar-Farm in der Nachbarschaft des berühmten Kipchoge Keino. Daniel Komen ist reich, für kenianische Verhältnisse sogar sehr reich. Aber er hat seine Herkunft nie vergessen. Schon mehrmals ist er mit einem Lastwagen voller Kleider und Nahrungsmittel ins Gebiet des Turkanasees gefahren, wo die Ärmsten der Armen leben.

Daniel Komen: 2 Trainingswochen aus der Vorbereitung auf den Weltrekord am 19. Juli 1997 über zwei Meilen in Hechtel und die WM in Athen vom 2. bis 10. August 1997.

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