Die Vorkämpferin

Christa Vahlensieck

In den Siebzigern trug Christa Vahlensieck mit zwei Weltrekorden dazu bei, dass Marathon auch Frauensache wurde.

Geboren am 27. Mai 1949
1,60 Meter, 49 Kilo (zur Wettkampfzeit)
Verein: Barmer TV

Lange Zeit war der Langstreckenlauf Männersache. Frauen wurden von den damals ausschließlich mit Männern besetzten sportlichen Entscheidungsgremien nicht auf längeren Distanzen zugelassen. Noch bei den Olympischen Spielen 1972 war der 1.500-Meter-Lauf der längste Leichtathletik-Wettkampf der Frauen. Erst 1980 wurden erstmals Welt­meisterschaften über 3.000 Me­ter veranstaltet, 1982 durften die Frauen dann bei einer internationalen Meisterschaft Marathon laufen. 1983 wurde die erste Mara­thon-Weltmeis­terin ermittelt und 1984 gab es das erste Olympia-Gold für eine Frau.

Abseits der von Verbänden geregelten Meisterschaften waren Frauen schon deutlich früher auf dem Vormarsch. Bereits 1968, bei der Premiere des Schwarzwald-Marathons, waren Frauen dabei. 1973 fand in Waldniel, nahe Mönchengladbach, auf Initiative des Laufpioniers, Arztes und Trainers Ernst van Aaken erstmals ein internationaler Marathon nur für Frauen statt. Die Siegerin benötigte 2:59:25,6 Stunden. Ihr Name: Christa Vahlen­sieck. Es war die schnellste Zeit einer Europäerin auf der klassischen Distanz, wie wohl das Leistungsniveau auf Grund der fehlenden Meisterschaftsanreize nicht mit dem auf den Kurz- oder Mittelstrecken vergleichbar war.

Christa Vahlensieck, Pionierin des Frauenmarathons.

Deutsche Frauen dominierten
In den USA waren Läuferinnen zu jener Zeit bereits deutlich schneller als drei Stunden gelaufen. Die schnellste offiziell registrierte Marathon-Zeit einer Frau war 2:49:40 (Cheryl Bridges, 1971), allerdings in einem gemisch­ten Rennen. Christa Vahlensiecks 2:59 waren die bis dahin weltweit schnellste Marathonzeit einer Frau in einem reinen Frauenrennen. Wie viele andere Läuferinnen in den siebziger Jahren lief Vahlensieck die längsten Strecken, die für Frauen zugelassen waren – erst 800 Meter, dann 1.500 Meter und schließlich 3.000 Meter. Dann ging es Schlag auf Schlag: Im April 1974 belegte sie beim Boston-Marathon in 2:53:00 Stunden den zweiten Platz, und im Oktober 1974 finishte sie in Essen in 2:42:38. Allerdings war hier die Strecke um rund 700 Meter zu kurz, sonst wäre dies Weltrekord gewesen. Kurz darauf stand der Marathon-Weltrekord bei 2:42:33, aufgestellt von einer Deutschen: Liane Winter aus Wolfsburg hatte diese Zeit 1975 bei ihrem Sieg in Boston erzielt. Wenig später lief Christa Vahlensieck auf der bekannt schnellen Strecke von Dülmen (Westfalen) mit 2:40:15,8 Stunden ihren ersten Weltrekord.

Am 10. September 1977 stand die für den Barmer Turnverein in Wuppertal startende Langstrecklerin im Mommsenstadion an der Startlinie der Deutschen Marathon-Meisterschaften in Berlin. Die Frauen starteten anderthalb Stunden vor den Männern. Der Frauen-Weltrekord im Marathon stand bei 2:35:16 Stunden. Zusammen mit Manuela Angenvoorth lief Christa Vahlensieck ein gleichmäßiges Tempo (1:17:05, 1:17:42). Im Ziel blieb die Uhr bei 2:34:47,5 stehen – Welt­rekord. Ein Jahr später wurde diese Marke von der norwegischen Ausnahmeläuferin Grete Waitz beim New-York-Marathon auf 2:32:30, 1980 dann auf 2:25:42 verbessert.

Je länger die Strecke, desto besser
Ihre Karriere begann Christa Vahlensieck unter ihrem Mädchennamen Kofferschläger. Sie wurde zunächst deutsche Juniorenmeisterin und später deutsche Hallenmeisterin über 1.500 Meter. Doch sie entwickelte sich auf den Mittelstrecken nicht entscheidend weiter und hätte ihre Karriere wohl beendet, wenn sich ihr nicht die Möglichkeit eröffnet hätte, auf längeren Strecken zu zeigen, was in ihr steckte. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die Trainer Manfred Steffny und Ernst van Aaken. Je länger die Strecke war, desto größere Steherqualitäten zeigte Christa Vahlensieck. Und so wurde der Marathon ihre Distanz. Hier mischte sie auf nationaler und internatio­naler Ebene bis weit in die Achtzigerjahre hinein, als der Weltrekord schon bei 2:21 Stunden stand, munter mit. 1988 wurde sie mit 39 Jahren noch einmal deutsche Meisterin über 15 Kilometer. Sie bestritt diverse internationale Marathonläufe und konnte durch ihre konstanten Leistungen zwischen 2:35 und 2:40 auch in internationalen Rennen immer wieder Top-Ten-Plätze belegen und in die Preisgeldränge laufen.

Christa Vahlensieck lebt in Wuppertal und engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich für den karitativen Verein Wuppertaler in Not. Sie läuft noch gelegentlich und fühlt sich nach wie vor fit. Den Hochleistungssport in der Leichtathletik verfolgt sie allerdings eher distanziert.

Alle Portraits aus der Serie "Von den Stars lernen" finden Sie hier.

Text: Thomas Steffens

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