Vom Klassiker zum Rocker

Alberto Salazar

Alberto Salazar war der Marathonläufer schlechthin für die Amerikaner des ersten Laufbooms in den Achtzigern.

Zur Person
Geboren am 17. August 1957 in Havanna, Kuba.
Größe: 1,81 m
Gewicht: 64 kg

In den siebziger und achtziger Jahren setzte sich der Straßenlauf gegenüber der Bahn-Langstrecke in der Popularität endgültig durch. Treffend formulierte es der US-Amerikaner Marty Liquory, einst ein Weltklasse-Mittelstreckler, heute TV-Kommentator bei großen Marathons: „Track is Carnegie Hall, Roadrunning is Rock'n'Roll“. Klassik und Pop - treffender ließe sich die Abgrenzung nicht ausdrücken. Die Straßenläufer der siebziger und frühen achtziger Jahre hatten maßgeblichen Anteil daran, dass der internationale Leichtathletik-Verband schließlich klein beigab und offizielles Preisgeld erlaubte. Zu den Epigonen jener Jahre zählte der US-Amerikaner Alberto Salazar.

Der Sohn kubanischer Flüchtlinge war ein Gewächs der University of Oregon in Eugene, aus der einige Jahre zuvor Steve Prefontaine zu Weltruhm gelangt war, bevor er auf tragische Weise bei einem Autounfall ums Leben kam. Mit zur Popularität beigetragen hat in jedem Fall der Laufboom, der dafür sorgte, dass sich bei Straßenrennen tausende Teilnehmer an den Startlinien versammelten und diesen neuen Sport somit interessant für Sponsoren machte. „Das Geld liegt auf der Straße“ war in jenen Jahren jeder zweite Artikel überschrieben, der sich mit Marathons beschäftigte. Nach Bill Rodgers wurde Alberto Salazar der zweite Superstar im amerikanischen Straßenlauf-Zirkus.

Salazar wuchs in der Nähe von Boston auf und traf als 15-jähriger High School-Läufer auf erfahrene Läufer der Bostoner Laufszene, Bill Rodgers, Randy Thomas, Bobby Hodge, bei denen er ab und zu mittrainierte, zum Beispiel bei den langen Läufen sonntagsmorgens. Als er mit 18 Jahren an die University of Oregon in Eugene wechselte, prophezeite ihm sein Trainer an der Ostküste, Bill Squires, dass er einmal ein guter Marathonläufer würde, allerdings unter der Voraussetzung, dass er nicht mehr als 70 Meilen pro Woche trainierte (112 km).

Er war kein Naturtalent
Doch zunächst einmal galt es die Cross- und Bahnstrecken zu erobern, was ihm auf beeindruckende Weise gelang. Trainiert wurde Salazar in Oregon von Bill Dellinger, der 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio die Bronzemedaille über 5000 Meter gewonnen hatte. Salazar wusste, dass er kein Naturtalent war, kompensierte dies jedoch durch enormen Trainingsfleiß und teilweise totale Verausgabung im Rennen, was letztendlich gesundheitliche Folgen hatte, von denen er sich Jahre später erst erholte. „Andere haben ihr Tempotraining vielleicht schneller absolviert als ich, aber ich habe meines das ganze Jahr hindurch gemacht“, pflegte er zu sagen.

Bei einem Straßenrennen über 12 Kilometer 1977 in Falmouth, Massachussetts (USA) verausgabte er sich dermaßen, dass er mit einem Hitzschlag in eine Badewanne voller Eis gelegt wurde und von einem Priester die Sterbesakramente erhielt. Beim Boston-Marathon, lieferte sich Salazar 1982 mit seinem Landsmann Dick Beardsley, wiederum bei warmen Temperaturen, ein wahrlich heißes Rennen bis zum Zielstrich. Es ging als „Duell unter der Sonne“ in die Marathongeschichte ein. Danach erreichten beide Läufer allerdings nie mehr ihre frühere Form.

Salazar galt als einer der Favoriten für den Olympiamarathon 1984 in Los Angeles. Doch er hatte im Training überzogen und außerdem war es auch dort warm und Salazar landete auf dem 15. Platz (2:14:19). Vielleicht hat der amerikanische Olympiaboykott 1980 Größeres im sportlichen Leben Alberto Salazars verhindert. In jedem Fall ist dieser Boykott hauptsächlich dafür verantwortlich, dass Salazar im Herbst des Olympiajahres 1980 seinen ersten Marathon lief. Er solle es ruhig mal probieren, unterstützte ihn sein Coach.

Ein kraftsparender Laufstil
Alberto Salazar war ein sehr guter Bahnläufer und er war eine Ausnahmeerscheinung, was den Übergang von der Bahn auf die Straße betrifft. Vielleicht war sein Laufstil für einen solchen Übergang ideal, denn er hatte nicht den für gute Bahnläufer typischen hohen Schritt, sondern schlich geradezu über die Bahn, zog die Füße nach innen gestellt nach; kräftesparend, wie dies für den Marathon von Vorteil ist.

Nach dem Olympiadesaster von 1984 war Salazar für Jahre von der Bildfläche verschwunden. Er schlug sich mit gesundheitlichen Problemen herum, die er rückblickend mit seinen komatösen Rennen in Verbindung bringt. 1977 in Falmouth, 1981 beim Crosslauf-Finale der Uni-Teams und 1982 beim Boston-Marathon war er deutlich über seinem Limit gelaufen. Das Immunsystem brach zusammen, Depressionen stellten sich ein. Ende der achtziger Jahre wurde offen über Salazars Medikamenten-Abhängigkeit geredet, von Prozac war die Rede, ein Stimmungsaufheller, in den USA schon damals eine Modedroge. 1994 feierte Salazar ein bemerkenswertes Comeback, als er den Comrades Marathon in Südafrika gewann, den Ultra-Klassiker schlechthin.

Alberto Salazar war nicht nur ein bemerkenswerter Langstreckenläufer, an ihm symbolisierte sich auch der Aufstieg des amerikanischen Sportartikel-Herstellers Nike. Der Sportartikel-Gigant, heute unbestrittener Weltmarktführer, aber zu Beginn der achtziger Jahre noch weit entfernt, die Nummer eins zu sein, machte aus Salazar einen Marathon-Helden, schuf einen Marathon-Mythos, der heute noch nachwirkt, zumal Lauf-Helden in den USA eher selten geworden sind.

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