Der Läufer-Knigge

§3 Allzumenschliches

Schneuzen, Pinkeln, Pupsen, Spucken und Co.: alles menschlich, allzu menschlich. Aber gerade beim Laufen in der Gruppe oder in bewohntem
Gebiet äußerst heikel.

Stellen Sie sich vor, Sie laufen fröhlich vor sich hin. Leider tut Ihre Nase das auch. Zu blöd, denn das Taschentuch liegt zu Hause. Gerade bei Männern ­eine beliebte Variante: ein Nasenloch zu­halten und losrotzen. Unverzeihlich, wenn jetzt die Hälfte Ihren Hintermann trifft. Gleiches gilt fürs Spucken. Wenn es sich denn gar nicht vermeiden lässt, sollten Sie sich nicht nur für eine möglichst dezente und geräuscharme Va­riante entscheiden, sondern sich auch unbedingt vorher nach hinten absichern.

Noch heikler wird’s, wenn dann auch noch die Blase drückt oder sich das große Geschäft mit zwei Tagen Verspätung ausgerechnet während der Lauf­runde ankündigt. Soll man sich jetzt am besten von allen unbemerkt mit einem gezielten Sprung ins Unter­holz aus der Affäre ziehen oder sich lieber offen­siv auf die unaufschiebbaren mensch­lichen Grundbedürfnisse berufen, die man auch offen am Wegesrand verrichten darf (Frei nach dem Motto: Sollen die anderen doch weg­gucken, wenn es sie stört!)?

Regel 1: Schneuzen
Als adäquatestes Mittel, um die Nase von unerwünschtem Inhalt zu befreien, gilt gemeinhin das Taschentuch. Befindet sich ein solches nicht in erreichbarer ­Nähe, darf in Ausnahme­fällen auf die Entleerung der Nase durch das Zuhalten eines Nasenloches ­unter Zuhilfenahme der Finger zurückgegriffen werden. In diesem Fall aber gilt es, einen möglichst unbeobachteten Moment abzuwarten. Unabdingbar ist es, sich zu versichern, dass niemand Unbeteiligtes mit dem Inhalt der eigenen Nase unfreiwillig in Berührung kommt.

Regel 2: Spucken
Grundsätzlich ist das Spucken beim Sport ­eine erlaubte Verhaltens­weise. Zu bevorzugen ist, gerade im Beisein an­derer Personen, eine dezente und geräuscharme Variante. Des Weiteren gilt die unter Regel 1 genannte Verpflichtung zum Schutz der den Läufer freiwillig oder zufällig umgeben­den Personen: Erst gucken, dann spucken!

Regel 3: Pupsen
Hier gilt an erster Stelle die Regel des vorausschauenden Handelns: Wenn sich die Bildung unangenehm riechender Gase durch eine geringfügige Modifikation des Speiseplans vermeiden lässt, sollte diese Möglichkeit gewählt werden.

Ist diese Vermeidungsstrategie – aus welchen Gründen auch immer – fehlgeschlagen, gelten folgende Regeln:
• Die geräuscharme ist der lauten Variante vorzuziehen.
• Im Zweifelsfall sollte durch gleichzeitiges Husten oder Räuspern die Geräuschkulisse erhöht werden.
• Ein dezentes Zurückfallenlassen ist zur Entlüftung grundsätzlich anzuraten. Wurde der Darmwind trotz ­dieser Vorsichtsmaßnahmen bemerkt, tritt der stilvolle Läufer die Flucht nach vorn an und sagt: „Entschuldigung.“

Regel 4: Verrichten der Notdurft
Wenn sich die Verrichtung der Notdurft, ­welcher Gestalt diese auch sein mag, nicht bis zu Hause oder bis zur nächsten öffentlichen Toilette hinauszögern lässt, gelten folgende Bestimmungen:
• Eine Verrichtung der Notdurft sollte nie auf Privatgrund erfolgen. Umso weniger, je gepflegter dieser ist.
• Zur Wahrung der Schamgrenze aller Personen sollte sich der Verrichtende ein Stück vom Weg entfernen und sich so positionieren, dass allen anderen der Blick auf Gesicht und entblößte Körperpartien erspart bleibt.
• Für Mitlaufende gilt: Mindestens das Tempo verlangsamen oder in respektvoller Entfernung auf der Stelle oder vor- und zurücklaufen und auf die Rückkehr des anderen warten.

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