Der Läufer-Knigge

§2 Überholen und überholen lassen

Darf man überholen? Wenn ja, wie? Und wie lässt man sich richtig überholen?

Es gibt kaum etwas Peinlicheres, als einen anderen Läufer zu überholen, um dann 500 Meter weiter schwer atmend und völlig entkräftet einzubrechen. Auf der feierabendlichen Laufrunde wird man ein solches Verhalten vielleicht noch mit einer gewissen Belustigung zur Kenntnis nehmen. Setzen Sie aber mit hochrotem Kopf und sichtbar am Ende Ihrer Kräfte auf der Zielgraden eines Marathons zum Spurt Ihres Lebens an, um die Mitstreiter, die Sie die letzten 20 Kilometer mitgezogen haben, auf der Zielgeraden noch zu überholen, dann können Sie froh sein, wenn man Sie nur bedauernd belächelt. Denn auf kopf- und rücksichtsloses Überholen auf der Zielgeraden steht in Läuferkreisen die moralische Disqualifikation.

Bliebe noch der umgekehrte Fall: Sie sind nicht derjenige, der überholt, sondern derjenige, überholt wird. Hier heißt es: Haltung bewahren! Genauso, wie es nichts Lächerlicheres gibt, als zu überholen und dann einzubrechen, gibt es nichts Alberneres als Läufer, die die Anwesenheit eines sich von hinten nähernden Läufers mit einem völlig unvermittelten Kickstart quittieren und sich von da an alle Nase lang umdrehen, um sich der eigenen Überlegenheit zu versichern. Seien Sie sich sicher: Wenn der andere physisch in der Lage dazu ist, wird er genau jetzt alles daran setzen, Sie zu überholen – auch wenn er es eigentlich nie darauf angelegt hatte.

Legen Sie sich in solchen Fällen eine große Portion Gelassenheit zu und arbeiten Sie lieber an Laufstil und Lovehandles als an der Beschleunigung von 8 auf 18 km/h in drei Sekunden. Ein lockerer, eleganter Schritt, stramme Waden und ein flacher Bauch lassen Sie professionell aussehen, ganz egal, in welchem Tempo Sie durch die Gegend laufen. Es weiß schließlich niemand, ob Sie gerade einen Tempodauerlauf oder eine Regenerationseinheit absolvieren.

Regel 1
Nähert sich ein auf der Trainingsrunde befindlicher Läufer von hinten einem anderen Läufer, sollte er diesen nur dann überholen, wenn er das Tempo, das er beim Überholvorgang anschlägt, im Zweifelsfall auch bis nach Hause halten kann. Ein Überholvorgang, der damit endet, dass der vormals Überholte aufgrund eines rapiden Tempo­einbruchs des ursprünglich Überholenden nun seinerseits zum Überholen ansetzt, gilt in Läuferkreisen als rechtmäßiger Belustigungsgrund auf Kosten des Gescheiterten.

Regel 2
In dem Fall, in dem ein Läufer einen anderen Läufer von hinten kommen spürt, sollte er das aktuelle Tempo in jedem Fall beibehalten. Eine sprunghafte Erhöhung des Tempos zur Verhinderung des Überholvorgangs lässt zu Recht auf eine gewisse Un­reife des betreffenden Läufers schließen.

Regel 3
Regel 1 und 2 gelten nicht auf Laufbahnen.

Regel 4
Während eines Wettkampfs gilt das Überholen von Mitläufern auf der Zielgeraden als unsportliches Verhalten. Das gilt umso mehr...
a) je länger die Distanz des absolvierten Rennens ist und
b) wenn es sich um Mitläufer handelt, in deren Wind­schatten sich der betreffende Läufer auf der gesamten Strecke ausgeruht hat.
Ausnahmen:
a) Es geht um Meisterschaften oder olympisches Metall.
b) Die Uhr steht im Zielbereich kurz vor einer magi­schen Grenze und der betreffende Läufer versucht, unter dieser Grenze zu bleiben.

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