Tadesse und Kiplagat Cross-Weltmeister

Straßenlauf-Weltmeister Zersenay Tadesse gewann auch den globalen Titel im Crosslauf.

War schon der 26-Sekunden-Vorsprung von Lornah Kiplagat, die in ihrer einstigen Heimat Kenia mit einem eindrucksvollen Tempodiktat das äthiopische Trio mit Titelverteidigerin Tirunesh Dibaba, Meselech Melkamu und der Kurzdistanz-Weltmeisterin Gelete Burka zermürbte, eine Überraschung – die weitaus größere sollte im abschließenden Männer-Wettbewerb bei den 35. IAAF-Cross-Weltmeisterschaften in der kenianischen Hafenstadt Mombasa folgen: In einem eindrucksvollen Zweikampf zwischen dem fünfmaligen Langdistanz-Weltmeister Kenenisa Bekele und dem 20-km-Straßenlauf-Weltmeister Zersenay Tadesse kündigte eingangs der Schlussrunde die gewohnte Tempoverschärfung des Äthiopiers einen neuerlichen Erfolg des weltbesten Langstrecklers an. Doch wenig später wendete sich das Blatt, auf dem Weg zum sechsten Langstrecken-Crosstitel zeigte Bekele ungewohnte Schwächen, wurde von seinem eriträischen Rivalen ein- und überholt. Wenig später ging Kenenisa Bekele aus dem Rennen – und der Weg zum Sensationserfolg des 25-Jährigen war frei! Bekele erklärte später, dass er unter Magenschmerzen litt.

Mit dieser unerwarteten Wende im Männer-Langstreckenrennen über 12 km hatten diese 35. IAAF-Cross-Weltmeisterschaften ihren kaum erwarteten sportlichen Höhepunkt, ihre Sensation. Mit fünf von acht möglichen Goldmedaillen sorgten die Gastgeber auf dem idyllisch gelegenen Crossparcours auf dem Gelände des Mombasa Golf Club vor den Augen ihres Staatspräsidenten Mwai Kibaki für eine unerwartet große Goldausbeute. Vor allem überrascht die unerwartet klare Dominanz der jungen Männermannschaft gegen die starke Konkurrenz aus Äthiopien, Eritrea, Uganda, Katar, was im Vorfeld bereits zu erheblicher Kritik Anlass gegeben hatte. Für ihre ostafrikanischen Nachbarn Eritrea und Äthiopien gab es bei diesen „Kenia-Spielen“ lediglich einmal Gold. Der achte WM-Titel ging an die Niederlande. Dank Lornah Kiplagat sicherte sich Europa fünf Jahre nach dem Erfolg von Paula Radcliffe wieder einmal einen Cross-WM-Titel, wohl wissend, dass die gebürtige Kenianerin Lornah Kiplagat allerdings erst durch die Heirat mit Pieter Langerhorst die niederländische Staatsbürgerschaft erhielt.

„Kenenisa Bekele war nicht eingestellt, nur Silber zu gewinnen“, äußerte sich Brother Colm, der in seiner über dreißigjährigen Trainerlaufbahn eine kaum zu überblickende Schar von Weltklasseathleten formen konnte, zum unerwarteten Ende des großartigen Zweikampfes zwischen dem Laufstar aus Äthiopien und seinem Herausforderer aus der abgespalteten einstigen Provinz Eritrea. Schon im Vorfeld schien sich alles nur darum zu drehen, mit welcher scheinbaren Leichtigkeit der erst 24-jährige Topstar der Laufszene die ebenfalls es bislang auf fünf Langstreckenerfolge bringenden John Ngugi und Paul Tergat als alleiniger Spitzenreiter ablösen würde. Just in dem Moment, als Bekele am Streckenrand stehen blieb, schienen Tausende von Kenianern diesen unverhofft zu Gold laufenden Tadesse sprichwörtlich adoptieren zu wollen, so jubelten sie dem Bekele-Bezwinger zu. Dahinter eine eindrucksvolle Phalanx aus Kenia: Moses Mosop vor Kipyego Kiprop, Gideon Ngatuny, Hosea Macharingyang und Michael Kipyego, keiner älter als 23 Jahre! Der fünffache Crossweltmeister Paul Tergat, unter anderem als Co-Kommentator vor Ort tätig, freute verständlich über den unerwarteten Ausgang, insbesondere aber über seine jungen Landsleute. „Wir wussten, dass in Mombasa alles möglich sein würde. Es freut mich, dass eine neue junge Brut unterwegs ist, die die Langstrecke künftig beherrschen kann!“

Parallelität der Ereignisse: Beide Straßenlauf-Weltmeister von Debrecen sind nun auch Cross-Weltmeister. Hier Tadesse, dort Kiplagat. Und die Neu-Holländerin hatte viele Fans an der Strecke. In Orange gekleidet, fieberten 200 Landsleute (aus Kenia) ihrem überragenden Sieg auf der 8-km-Strecke entgegen – und sollten nicht enttäuscht werden. „Das sah vielleicht leicht aus, aber immerhin saßen mir zwei Cross-Weltmeisterinnen im Nacken“, so die glückliche Siegerin. Und an die Adresse des kenianischen Verbandes: „Mein einziger Plan war, wie ich am besten der Hitze trotzen könne.“ Letztes Jahr überraschend Zweite, nun überraschend Weltmeisterin – und zugleich kündigte sie ihren Rücktritt als Crossläuferin an. Schließlich ist sie nicht zuletzt als Straßenlauf-Weltmeisterin und 20 km-Weltmeisterin längst auf der Straße eine der Großen. Geschlagen Lornahs frühere Teamkolleginnen, die zwar auf den Rängen fünf bis acht einkamen, aber gegen Äthiopien einmal mehr den Kürzeren zogen.

Kenia überlegen wie selten, so lässt sich die Situation bei den Junioren beiderlei Geschlechts umschreiben. Nach den Irritationen mit dem eine Runde zu früh angezogenen Endspurt und dem Kollaps der Titelverteidigerin Pauline Korikwiang setzten sich über 6 km mit Linet Chepkwemoi vor Mercy Kosgei und Veronica Wanjiru letztlich doch drei Kenianerinnen durch, bei den Junioren waren dies mit Asbei Kiprop, Vincent Kiprop Chepkok, Mathew Kipkoech Kisorio und Leonard Patrick Komon gleich vier aus dem Gastgeberland, so dass hier mit 10 Punkten auch der Teamerfolg mit der Idealpunktzahl überlegen ausfallen musste. Eritrea schnappte mit 44 Zählern dem Rivalen aus Äthiopien (54) die Silbermedaille noch weg.

Überraschend stark präsentierten sich die deutschen Junioren. Als bestes europäisches Team platzierten sich die DLV-Junioren mit Thorsten Baumeister, Rico Schwarz, Jonas Matti Markowski und Manuel Stöckert auf Rang zwölf, noch vor so starken Cross-Nationen wie Großbritannien (13.), Italien (14.) und Spanien (15.). „Unsere Jungs waren unter diesen schwierigen Bedingungen deutlich besser als erwartet“, freute sich DLV-Nachwuchstrainer Werner Grommisch über den starken Auftritt. „Die Mannschaft hat genau das umgesetzt, was wir uns zuvor auch vorgenommen hatten, nämlich vorsichtig angehen und jede Möglichkeit zur Abkühlung zu nutzen!“ Und dennoch brach Thorsten Baumeisters Kreislauf im Ziel, das er als viertbester Europäer auf Rang 57 erreichte, zusammen. „Nach einer Runde habe ich schon gemerkt, dass ich am Limit laufe. Ich wollte nur noch über die Ziellinie…“, so ein sichtlich entspannter Trierer nach kurzer ärztlicher Behandlung.

Vor 30.000 Zuschauern, von denen die meisten durch eine überraschende Wende in der Ticketpolitik ohne Eintritt letztlich Augenzeugen eines großen Sport-Spektakels werden konnten, schrammten diese 35. Cross-Weltmeisterschaften allerdings knapp an einem Debakel vorbei. Zwar blieben die angekündigten Protestaktionen islamistischer Gruppen nicht zuletzt wegen einer massiven Präsens von Armee, Polizei und Sicherheitskräften aus, doch dafür gab es erhebliche organisatorische Mängel, die sicherlich nicht mit „afrikanischen Verhältnissen“ abgetan werden können. So manche vollmundigen Versprechungen der kenianischen Verbandsoberen um Präsident Isaiah Kiplagat und Generalsekretär David Okeyo wurden keineswegs so umgesetzt, wie es der Leichtathletik-Weltverband IAAF wollte. Alleine die Wahl von Mombasa als Austragungsort anstelle der eher in gemäßigten Regionen liegenden Hauptstadt Nairobi oder des Läuferzentrums Eldoret erwies sich als katastrophaler Fehlgriff. Dutzende von völlig erschöpften Athleten mussten aus einem wenig abgesperrten Zielbereich von einer sicherlich emsig arbeitenden, aber total überforderten Sanität abtransportiert werden. Selbst viele afrikanische Athleten wie die kenianische Junioren-Titelverteidigerin Pauline Korikwiang wurden Opfer dieser extremen äußeren Bedingungen. Die vollmundig angekündigten Wasserduschen kamen mangels vorhandenem Wasserdruck ebenso wenig zum Einsatz, Journalisten mussten zwei Stunden warten, bis der zugesagte Bus-Shuttle sie zurück zum Pressezentrum bringen sollte.

Professor Helmut Digel, der deutsche IAAF-Vizepräsident und vor Ort eingesetzte Organisationsleiter, wollte keineswegs die Situation vor Ort beschönigen, warb allerdings auch für Verständnis für den nur bedingt Einfluss nehmenden Leichtathletik-Weltverband. „Das waren sicherlich die heißesten Cross-Weltmeisterschaften…“ – und er meinte dieses sicherlich auch im mehrdeutigen Sinne. „30.000 Zuschauer haben wir noch niemals zuvor gehabt. Für Kenia ist es zudem das größte Sportereignis, das jemals hier ausgerichtet wurde und ist zudem Anerkennung für die großen Läuferleistungen der Kenianer in den vergangenen Jahrzehnten. Der Austragungsort Mombasa ist alleinige Entscheidung unseres Mitgliedsverbandes Kenia. Wir haben darauf keinen Einfluss gehabt….“. Keine Frage, Kenia ist eines der ärmsten Entwicklungsländer mit zugegeben erheblichen Problemen im Gesundheitswesen und in der Grundversorgung mit Nahrung und ärztlicher Versorgung. Doch sehenden Auges haben sich die IAAF-Funktionäre auf die Fähigkeiten von Athletics Kenya verlassen, und diese sind zweifellos begrenzt, und deren Führer sind zudem eher mit ihrer Selbstdarstellung beschäftigt als man gewillt war, alle anstehenden Aufgaben zeitgerecht abzuwickeln.

Eine stimmungsvolle, allerdings zu langatmige Zeremonie zum Abschluss der Wettbewerbe entschädigte zwar für vieles. Doch der Internationale Leichtathletik-Verband ist gut beraten, die nächsten Weltmeisterschaften in organisatorisch stabile Hände und zudem in gemäßigte Breiten zu legen, sonst leidet schon kurzfristig die Disziplin Crosslaufen, die zweifellos in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung bedeutet, aber keineswegs eine Überforderung für nahezu alle Teilnehmer und Funktionäre darstellen darf.

Wilfried Raatz aus Mombasa
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