Margot Käßmann

Sport und Kirche

Glauben kann nicht nur geistig, sondern auch körperlich erfahren werden.

Margot Käßmann

Beim Laufen genießt Margot Käßmann gerne die Natur.

Bild: Frank Schinski

In einem Ihrer Bücher beschreiben Sie 16 Grundvariationen der Spiritualität – darunter Pilgern, Tanz, Meditation und Fasten. Warum ist Laufen nicht dabei?
Stimmt, das hätte ich noch einfügen können. Am meisten mitberücksichtigt ist es im Kapitel Pilgern. Da ging es mir ja um den Aspekt, Körperlichkeit auch als einen Teil von Glaubenserfahrung zu verstehen. Kirche und Sport sind sich ja nicht immer gleich so nah. Da können wir noch viel ausbauen, finde ich.

An was denken Sie da?
Zum Beispiel an kirchliche Lauftreffs für Jugendliche zur Gewaltprävention.

Generell tut sich die Kirche ja schwer mit dem Körper. Meist wird der eher als Sündenquell, nicht als Wunderwerk der Schöpfung gesehen.
Das ist in der theologischen Tradition ein großes Problem. Schon Paulus hat ja eine gewisse Leibfeindlichkeit an den Tag gelegt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass Sexualität immer als Gefahr gesehen wurde, weil dabei kaum kontrollierbare Kräfte walten. Ich finde das schade, denn der Körper ist doch auch ein Geschenk Gottes. Wir sollten ihn nicht nur als Ort des Leidens, sondern auch als Ort kraftstrotzender Gesundheit sehen. Dieser Gedanke ist für die Kirche oft neu. Aber es verändert sich ­etwas – denken Sie an die große Begeisterung für das Pilgern. Die Menschen haben Sehnsucht nach körperlichen Erfahrungen des Glaubens.

Gibt es gar keine gegenläufige theologische Tradition?
Die lutherische Seite der Reformation hat durchaus Blick fürs Sinnliche. Zwar war Luther kein Sportler, aber er hat gern gegessen, gern getrunken und hat mit seiner Familiengründung erklärt: Gelebte Sexualität ist nicht geringer zu achten als das Zölibat, sie ist doch auch gottgewollt.

Da wäre es doch mal an der Zeit für eine Predigt über das Laufen. Hätten Sie dafür schon ein Bibelwort parat?
Es würde sich vielleicht die Sport­epistel von Paulus eignen. Aber ich denke vor allem an den Hebräer-Brief und das erwähnte „wandernde Gottesvolk“: „Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und lasst uns laufen mit Geduld.“ (Hebräer 12,1) Das macht deutlich, dass man im Leben nie fest steht, sondern sich immer bewegt. Immer dann, wenn wir ­alles am meisten festhalten wollen, merken wir ja oft, wie un­sere Sicherheiten zerbrechen.

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