Samuel Wanjiru

Olympiasieger und Weltrekord-Aspirant

Das Bild hat sich tief ins Gedächtnis eingeprägt: Es war am 24. August 2008, als Samuel Wanjiru das blau-weiße Zielband im Nationalstadion von Peking erreichte, die Arme gen Himmel gestreckt. Er bekreuzigte sich, ging in die Knie und küsste den Boden. Kenias Gebete waren erhört worden. 48 Jahre, nachdem der barfuß laufende Abebe Bikila in Rom für Äthiopien Gold gewonnen hatte, konnte endlich auch die zweite ostafrikanische Lauf-Supermacht stolz auf einen Marathon-Olympiasieger schauen. Wie damals Bikila schrieb auch Wanjiru sein Kapitel Sportgeschichte mit einem riesigen Ausrufezeichen. Bis zur halben Distanz war er im Weltrekordtempo unterwegs. Auf den letzten sieben Kilometern ließ er seinen letzten Begleiter, den Marokkaner Jaoud Gharib, stehen und erreichte das Ziel im „Bird’s Nest“-Stadion in sagenhaften 2:06:32 Stunden – eine fast unglaubliche Zeit in einem Rennen, das üblicherweise langsam und von Taktik geprägt ist. Fünf Olympische Spiele hatte Carlos Lopes’ Olympiarekord von Los Angeles (2:09:21 Stunden) überlebt, jetzt drang Wanjiru in eine neue Dimension vor. Für seinen italienischen Manager Federico Rosa, der schon Athleten wie Paul Tergat, Martin Lel und Robert Cheruiyot betreut hat, war er bereits damals „der größte Marathonläufer, der je gelebt hat“.

Es schien nur eine Frage der Zeit, bis der Kenianer auch den Marathon-Weltrekord an sich reißen würde, den Haile Gebrselassie einen Monat nach den Pekinger Spielen auf 2:03:59 verbesserte. Mit 21 Jahren war Wanjiru auf den Langstrecken ein ebensolches Phänomen wie der 22-jährige Usain Bolt am anderen Ende der Skala. Zu welcher Leistung würde er fähig sein, wenn er über mehr Trainingsjahre und Marathonerfahrung verfügte? Wir werden es nie erfahren.

Am 16. Mai starb Samuel Wanjiru nach einem Sturz vom Balkon seines Hauses in Nyahururu. Die Obduktion der Leiche ergab, dass die tödlichen Verletzungen am Hinterkopf möglicherweise nicht durch den Sturz verursacht wurden, sondern durch Fremdeinwirkung. Dann wäre es kein Unfall, sondern Mord.