Interview

"Jeder ist ein Ironman!"

Urs Weber sprach mit Andreas Niedrig, dessen Wandel vom Junkie zum Ironman in "Lauf um dein Leben" verfilmt wurde.

Die Geschichte ist vielen Ausdauersportlern bekannt: Andreas Niedrig wurde vom Junkie zum Ironman. Triathleten kennen ihn als den Shooting-Star, der in Roth 1997 mit der schnellsten Zeit eines Ironman-Neulings (8:06:58 Std.) auf den fünften Platz kam. Wenn man Andreas Niedrig persönlich kennen gelernt hat, so fällt es echt schwer, sich ihn als Junkie vorzustellen. Der Film von Regisseur und Drehbuchautor Adnan Koese, den Produzenten Fritjof Hohagen sowie Clarens Grollmann, der in diesen Tagen in die Kinos kommt (Start: 24. April), gibt hier einen drastischen Einblick.

RUNNER’S WORLD-Redakteur Urs Weber sprach mit Andreas Niedrig über den Film, die Darsteller und die Frage, warum in jedem Menschen ein kleiner Ironman schlummert.

Andreas Niedrig (40) hat seine sportliche Profikarriere beendet.

Bild: Gabriella Meros/Kinowelt, Kerstin Stelter/enigma film

Wie hast du an dem Film mitgewirkt oder Einfluss auf ihn genommen?
Sehr stark. Der Regisseur Adnan Koese und der Produzent Fritjof Hohagen hatten mich beim Triathlon in Roth beobachtet und sind danach auf mich zugekommen. Ich hatte bereits eine Menge anderer Anfragen zur Verfilmung meiner Lebensgeschichte und ich hätte für viel Geld auch die Rechte an der Geschichte verkaufen können. Aber das wollte ich nie. Adnan Koese und Fritjof Hohagen dagegen hatten ein Konzept, wo ich mich eins zu eins wiederfand. Wir hatten sehr engen Kontakt, er war oft bei mir und meiner Familie zu hause, wir haben uns lange unterhalten. Und während des Films hatten wir ständig Kontakt, ich habe ja die Dreharbeiten begleitet, von Anfang bis Ende, und ich war oft selbst mit vor Ort.

Findest du dich in dem Film wieder? Ist das die Verfilmung der Lebensphase, wie du sie erlebt hast?
Ja. Absolut. Und das macht wahrscheinlich den Film auch schwierig. Es ist ein schwieriger Film, da gibt es kein Vertun; kein Film, den man sich mal beim Mittagessen anschaut. Aber mein Leben war auch schwierig, deshalb wollten wir kein Heldenepos. Mir ist wichtig, dass der Film zeigt, wie ich es geschafft habe - aber deswegen bin ich noch kein Held. Deshalb wollte ich auch keine reine Sportgeschichte, in der ich nachher als „Rocky Balboa“ dastehe. Das wollten viele andere, die einen Film aus meiner Lebensgeschichte machen wollten. Und das wäre sicher für mich finanziell viel interessanter gewesen, aber es wäre nicht mein Film gewesen, nicht mein Leben. Ich wollte nicht der coole Held sein.

Der Zuschauer wird überrascht sein: Er erfährt mehr über dich als Junkie als als Sportler!
Ja, so war nun mal die Einteilung in meinem Leben. Alles andere wäre kitschig gewesen. Ich bin von meinem 13 bis 21. Lebensjahr abhängig gewesen. Das ist nun mal der längste Teil meines Lebens, wo sich mein Leben massiv verändert hat. Die Alternative wäre ein Sportfilm gewesen, der mal kurz zeigt, wie ich ein Junkie war. Aber dann wäre es nicht meine Geschichte gewesen. Vor allem sollte man sich die Frage stellen ob der Zuschauer immer und immer wieder sehen will wie ich als Sportler durchs Ziel laufe.

Du wirst in dem Film von Max Riemelt gespielt: Hattest Du zu ihm mal Kontakt?
Ja, sehr viel. Ich war ja zum Beispiel bei den Dreharbeiten beim Ironman auf Lanzarote dabei, wo wir während des Ironman gedreht haben, da haben wir uns näher kennen gelernt. Der Max war sehr interessiert an meiner Geschichte, er hat viele Fragen gestellt und wir haben uns prima verstanden. Trotzdem hat er mich nicht kopiert, sondern mich als Rolle gespielt, mit Distanz.

Die Filmszenen aus der Drogenszene sind teils sehr drastisch. Entspricht das Deinen Erfahrungen?
Ja, ein Film kann das kaum einfangen wie das ist, wenn man harte Drogen nimmt. Oder wie es ist, wenn man auf Entzug ist. Die Realität war für mich damals um vieles härter als der Film es zeigt.

Die Sportszenen hätten sich viele Läufer und Triathleten sicher ausführlicher und authentischer gewünscht?
Ja, das stimmt. Aber ich finde es gut so, wie es der Film zeigt. Der Sport ist hier künstlerisch dargestellt, filmisch inszeniert. Ich wollte auch nicht die schillernden Bilder von Hawaii da mit reinbringen. Im Film fehlt ganz bewusst die Quälerei, da fehlt Schweiß. Natürlich hätte man mich als Vize-Weltmeister zeigen können, als schnellster Neu-Einsteiger im Ironman. Aber dann wäre es eine Geschichte geworden, wo der Zuschauer das Kino verlassen hätte mit dem Gefühl, das mein Leben einmalig wäre.

Lauf um dein Leben
Das Filmplakat.

Ein weiterer Aspekt im Film ist die wichtige Beziehung zu Deiner Frau Sabine, mit der Du zwei Kinder hast. Die Beziehung ist quasi ein Rettungsanker. Ist dies nur ein filmische Inszenierung oder war das tatsächlich so?
Da ist nichts erfunden, denn inszeniert ist ja der ganze Film. Und das war mir wichtig, dass Sabine so dargestellt wird. Adnan Koese hat ja auch viel Zeit bei mir und meiner Familie verbracht und war da gefühlsmäßig ganz nah dran, so dass er den richtigen Einblick gewonnen hat.

Wie war es für Euch, für Deine Frau und Dich, den Film über Dich zu sehen?
Das war sehr, sehr hart für uns. Ich war mit meiner Frau in der Preview, ich glaube für sie war es noch bedrückender. Wir haben geheult. Es kamen so viele Erinnerungen wieder hoch. Und der Film zeigt ja auch, wie eng das damals war. Ich bin froh und kann dankbar sein, dass ich heute noch lebe. Meine Frau hat übrigens auch Jasmin Schwiers, die Schauspielerin, von der sie verkörpert wird, kennen gelernt. Dadurch ist ihre Rolle auch so authentisch geworden in dem Film.

Es wird viel gesprochen und gemutmaßt über das Thema Suchtverlagerung; man kann zum Beispiel über Alkoholiker lesen, die von der Flasche wegkamen und zu laufen anfingen. – Ist der Vergleich zulässig, also gibt es dieses Ersatzmoment, das der Sport einnimmt? Auf einen Nenner gebracht: Sport statt Drogen?
Naja, da reden viele Hobbypsychologen mit, die von der ganzen Sache keine Ahnung haben, die sich nicht mit der Drogenproblematik auseinandergesetzt haben. Suchtverlagerung ist für mich in dem Zusammenhang kein passender Begriff. Das ist keine reine Suchtverlagerung. Das hört sich so negativ gegenüber Junkies an. Aber ich bin auch nicht in eine neue Sucht hineingeraten. Der Sport ist in allen Belangen positiv besetzt. Ich erreiche mit dem Sport Ziele, die ich selbst gesetzt habe. Sucht hat immer etwas Zerstörerisches, durch den Sport habe in meinem Leben nur dazu gewonnen. Ich kenne die ganze Diskussion, aber eigentlich interessiert mich das gar nicht so sehr. Für mich sind andere Aspekte viel entscheidender.

Welche?
Ich bin jetzt 20 Jahre clean. Ich habe Erfolge gehabt im Triathlon – und das habe ich mir hart erarbeitet. Eigentlich habe ich nicht viel Talent, im Triathlon musst ich mir alles hart antrainieren. Aber nach der Therapie damals habe ich angefangen zu kämpfen. Und diese Botschaft kann ich heute glaube ich sehr glaubhaft rüberbringen: Dass man Selbstverantwortung entwickeln muss. Das gilt für jeden, egal welche Geschichte er hat. Und insofern ist mir der Film auch wichtig: Der Sport gilt hier eigentlich nur als Metapher. Der Sport soll austauschbar sein, durch Malerei, durch Kunst, durch irgend etwas, für das man sich interessiert und einsetzt. Ich will an alle Menschen appellieren, an sich selbst zu arbeiten. Mit der eigenen Persönlichkeit kann man auftrumpfen, mit der Einzigartigkeit, die jeder Mensch in sich hat. Damit kann man überzeugen, und dann hat man auch eine Chance.

War dies auch die Motivation für die namhaften Schauspieler, die der Film ja hat – etwa Axel Stein oder Uwe Ochsenknecht – in dem Film mitzuwirken?
Ich glaube ja, oder ich hoffe es. Und darauf bin ich schon ein wenig stolz. Jedenfalls hat Uwe Ochsenknecht das auch gesagt, dass ihm die Geschichte mit ihrer Authentizität zu meiner Person gefallen hat. Wenngleich ich hinzufügen möchte, dass das Drehbuch von Adnan Koese und Fritjof Hohagen, sie haben das Drehbuch gemeinsam geschrieben, sicherlich den Ausschlag gegeben hat.

Wie oft gehst du heutzutage laufen oder trainieren?
Ich mache keinen Profi-Sport mehr, aber ich bin schon noch aktiv. Ich will jetzt beim Ironman Südafrika mitmachen, da habe ich noch eine Rechnung offen, weil ich da vor zwei Jahren nicht ins Ziel gekommen bin.

Wie lebt Andreas Niedrig heute? – Du hast den Leistungssport beendet, was machst Du jetzt?
Derzeit kann ich mich ehrlich gesagt kaum retten vor Anfragen zu Interviews, Einladungen zu Talkshows und Galas. Ich muss derzeit aufpassen, dass ich alles auf die Reihe kriege und mich auf das konzentrieren kann, was wichtig ist: Gleichzeitig zum Film kommt mein zweites Buch raus, „Das Prinzip Zukunft“. Darin geht es um das, was ich an Schulen, in Seminaren und bei Vorträgen immer wieder vermittle. Und das werde ich in Zukunft verstärkt machen. Ich erzähle meine Lebensgeschichte und zeige, um welche verschiedenen Aufbausteine es in meinem Leben ging. Dabei will ich die Menschen nicht von mir begeistern, sondern von sich selbst begeistern. Und ich glaube, dass in jedem Menschen so ein kleiner Ironman steckt. Vor dem Hintergrund meiner Geschichte kann ich dabei gar nicht arrogant wirken, wenn ich den Menschen so etwas sage, dass jeder sein eigenes Ziel erreichen kann.

Eine Filmkritik von Urs Weber über "Lauf um dein Leben" finden Sie hier.

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