Mockenhaupt und Fitschen 10.000-m-Meister

Bei den deutschen Meisterschaften über 10000 Meter hatte Irina Mikitenko keine Chance.

Um es vorweg zu sagen: das mit Spannung erwartete Duell zwischen Sabrina Mockenhaupt und Irina Mikitenko, den beiden Vorzeige Athletinnen der deutschen Langstrecke, fand in Zeulenroda nur für gerade einmal einen Kilometer statt. Bereits nach drei von 25 Runden klaffte zwischen der eigens zum Erzielen der Norm für die Weltmeisterschaft eingesetzten Tempomacherin Zakia Mrisho und Sabrina Mockenhaupt und der Herausforderin Irina Mikitenko eine kleine Lücke, die die Wattenscheiderin nie mehr völlig schließen konnte. Stattdessen kehrte im Waldstadion im Thüringischen Vogtland Ernüchterung ein, denn zudem machte ein böiger Wind alle Hoffnungen auf die Normerbringung für Osaka zunichte. Auch wenn die kleine Siegerländerin auf dem Schlusskilometer noch einmal tüchtig Gas gab, mit 31:56,09 Minuten lag die 27-Jährige 16 Sekunden über der vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) geforderten Norm, ihre Konkurrentin folgte mit mehr als einer halben Runde Rückstand mit 32:42,95 auf Rang zwei.

Der Auftritt des 10.000-m-Europameisters Jan Fitschen hingegen wurde mit einem engagierten Endspurt erwartungsgemäß mit dem Gewinn der Meisterschaft entschieden, dahinter setzten ausnahmslos junge Talente ein erstes Ausrufezeichen. „Heute haben wir vielleicht das erste Ergebnis eines Fitschen-Effekts gesehen“, freute sich Bundestrainer Detlef Uhlemann über den Coup einiger Nachwuchskräfte.

So liefen hinter dem Überraschungs-Europameister aus Göteborg mit den beiden 21-jährigen Zelalem Martel und Christian Glatting zwei Nachwuchskräfte ein, die mit 29:22,39 bzw. 29:22,82 Minuten die Norm für die U-23-Europameisterschaften in Hengelo klar unterboten. Aber damit noch nicht genug, im weiteren Feld wussten sich die noch der Jugendklasse angehörenden Thorsten Baumeister und Matti Markowski mit der U-19-EM-Norm zu empfehlen. „Das haben die Jungs klasse gemacht“, lobte Uhlemann den jungen Nachwuchs. „Auch wenn das Starterfeld mit den Männern und Junioren recht groß war, heute haben vor allem die jungen Läufer profitiert. Das muss doch einfach auch motivieren, wenn ein Europameister im gleichen Rennen startet.“ Selbst so etablierte Kräfte wie Sebastian Hallmann, Crossmeister Stefan Hohl und der noch in der Schlussrunde ausgestiegene Stefan Koch mussten sich dem couragierten Auftreten der Nachwuchsläufer beugen.

Jan Fitschen spannte sich immer wieder in der Startphase vor die zunächst vielköpfige Spitzengruppe, um das Tempo für die angestrebten Zielzeiten hochzuhalten. „Ich wollte natürlich bei diesem Wind nicht unbedingt die ganze Zeit über das Tempo machen, schließlich ist es eine Meisterschaft. Es war natürlich gut, dass dann die jungen Leute auch wirklich viel für das Tempo getan haben.“ Der Wattenscheider hat letztlich das, was ihn besonders auszeichnet: Mit einer schnellen Schlussphase machte er alles klar für den Sieg. Ohne Zweifel wäre es weitaus schwerer geworden, wenn der im April im italienischen Ferrara bei der Europa-Challenge zum Sieg gelaufene André Pollmächer seine Startzusage auch eingehalten hätte, doch der junge Leipziger wird Anfang Juni bei einem auf die EM-Norm ausgerichteten Rennen im belgischen Neerpelt starten.

Sabrina Mockenhaupt schwankte in ihrer Bewertung zwischen einer gewissen Enttäuschung über die verfehlte Norm von 31:40 und ihrem Meisterschaftserfolg über ihre Dauerrivalin Irina Mikitenko. „Ich muss nicht über die WM-Norm philosophieren“, wehrte Sabrina Mockenhaupt mögliche Diskussionen über die wenig meisterschaftswürdigen Rahmenbedingungen ab. „Die Norm war heute eigentlich drin, denn ich bin in einer guten Form. Trotz der für mich engagierten Tempomacherin musste ich immer wieder gegen den Wind ankämpfen. Es ging einfach nicht schneller. Aber ich werde schon noch zeigen, dass ich Osaka-würdig bin.“

Der Einsatz der leistungsstarken tansanischen Läuferin geht alleine auf die Initiative von Sabrina Mockenhaupt und ihrem Manager Oliver Mintzlaff zurück, der erklärte: „Die Verpflichtung von Zakia hat Sabrina rund 2000 Euro gekostet, die sie aus ihrer Tasche bezahlt. Der Verband hat sie bei der Verpflichtung einer Tempomacherin nicht unterstützen wollen, obwohl dies früher durchaus gemacht wurde. Wir werden natürlich überlegen, ob bei derart willkürlichen Meisterschaftsvergaben künftig ein Start überhaupt noch in unserem Interesse liegt.“

Bis 7000 m führte unter diesen schwierigen Bedingungen die eigens aus Mailand eingeflogene Tempomacherin, dann musste Mocki zwangsläufig das Renngeschehen übernehmen. „Für mich war es nach dem Ausstieg bei der European Challenge wichtig, dass ich beweise, dass ich doch kämpfen kann. Und das ist mir heute gelungen. Von Irina hätte ich erwartet, dass sie länger dranbleiben würde. Aber ich glaube, sie hat sich schon in Richtung Marathon verabschiedet.“

Und Irina Mikitenko gestand freimütig ein, dass sie mit dem angeschlagenen Tempo so ihre liebe Mühe hatte. „Sabrina war heute einfach besser. Die WM in Osaka werde ich noch nicht abhaken, im vergangenen Jahr habe ich ähnlich angefangen und mich dann steigern können. Ich bin in der Marathon-Vorbereitung und das hat für mich Priorität.“

Gerade einmal 300 Zuschauer, zumeist Betreuer und Familienangehörige, säumten das weitläufige Rund im auf einer Anhöhe frei liegenden Stadion, das bislang eher als Segelwiese für Wurf- oder Sprintwettbewerbe aber keineswegs als ideale Langstreckenstätte bekannt war. Dass Leichtathletik trotz Großwerbetafeln kaum einen Stellenwert in dieser Region besitzt, mag daran zu erkennen sein, dass beim gleichzeitig nebenan stattfindenden Kreisliga-Fußballspiel mehr Zuschauer anwesend waren als bei einer attraktiven Deutschen Meisterschaft. „Ich hätte diese Meisterschaft nicht nach Zeulenroda vergeben, aber wir haben im DLV ein Rotationsprinzip, und der Thüringische Verband hat an seinem Bewerber Zeulenroda festgehalten“, zeigte sich Jürgen Mallow, der Leitende Bundestrainer, verständnisvoll der aufkommenden Kritik gegenüber. Zugleich verwies er auf eine Vielzahl von Stadien und Ausrichtern, die in der Lage gewesen wären, derartige Titelkämpfe auszurichten. Zugleich kritisierte er die frühen Startzeiten, so den 10.000 m-Start der Frauen um 17.30 Uhr. Zumal sich später der zeitweise böige Wind, wie vorauszusehen war, weitgehend gelegt hatte. „Warum nicht einmal eine Abendveranstaltung?“

In den zugleich ausgetragenen Staffel-Meisterschaften setzten sich bei den Männern (3 x 1000 m) die LG Nord Berlin in eindrucksvoller Weise in der Besetzung Jonas Stifel, Carsten Schlangen und Franek Haschke vor dem Laufclub Erfurt und der zweiten Berliner Mannschaft durch. Auch dem TV Wattenscheid gelang eine erfolgreiche Titelverteidigung, denn Janina Goldfuß, Kerstin Werner und Monika Gradzki setzten sich über 3 x 800 m gegen TSV Bayer Leverkusen und den SC Potsdam durch. Den 5000-m-Titel der weiblichen Jugend sicherte sich dank einer entschlossenen Schlussrunde die Sauerländerin Mareike Schrulle in allerdings enttäuschenden 17:31,61 Minuten. Wilfried Raatz