„Pumpgun-Ronnie“

Der Marathon-Räuber

Der Film "Der Räuber" beschreibt das Leben des raubenden Marathonläufers Johann Kasten­berger aus Österreich.

Szenenbild aus

Hauptdarsteller Andreas Lust auf der Flucht.

Bild: Zorro Film

Einer der spektakulärsten Verbrecher im Österreich der Nachkriegszeit, der „Pumpgun-Ronnie“, war zugleich ein erfolgreicher und bekannter Volksläufer. Auf der Basis der ungewöhnlichen Geschichte entstand ein ambitionierter Kinofilm von Regisseur Benjamin Heisenberg.

Bis heute hält Johann Kasten­berger den Streckenrekord des Kainacher Bergmarathons, der mit 1800 Höhenmetern als schwerster österreichischer Berg­lauf gilt. Seine 3:16:07 Stunden von 1988 wurden seither selbst von Spitzenläufern nicht annähernd erreicht. Auch andere österreichische Volksläufe führen Kastenberger in ihren Ergebni­schroniken der Achtzigerjahre ganz weit oben. Doch zur nationalen Berühmtheit wurde Kastenberger erst im November 1988, als sich heraus­stellte, dass eben dieser Sportler der Schwerverbrecher war, der als „Pumpgun-Ronnie“ die Nation mit einer beispiellosen Bankraubserie in Atem gehalten hatte.

Bewaffnet mit einer mehrschüssigen Schrotflinte und getarnt mit einer Ronald-Reagan-Maske überfiel Kastenberger 1988 zahlreiche Kreditinstitute rund um Wien – drei davon an einem einzigen Tag – und erbeutete dabei insgesamt über vier Millionen Schilling. Im November desselben Jahres wird er verhaftet, verhört und gesteht dabei einen drei Jahre zurückliegenden Mord an einem Kollegen, der ihn mit seinen ständigen Sticheleien, aber auch mit seinem pene­tranten Rauchen nervte. Nur einen Tag nach seiner Inhaftierung gelingt ihm die Flucht aus der Polizeikaserne am Wiener Rennsteig. Vier Tage lang läuft der routinierte Sportler der Polizei buchstäblich davon und wird ironischerweise erst erwischt, als er mit einem geklauten Auto die Flucht fortsetzen will. Beim Versuch, eine Polizeisperre auf der Westautobahn Wien – St. Pölten zu durchbrechen, wird er angeschossen, fährt verletzt noch 400 Meter weiter und macht dann mit einem Kopfschuss seinem Leben selbst ein Ende.

Die Geschichte des 1958 geborenen Einzelgängers, der kurz nach seinem Abitur die erste Bank überfiel und dafür gleich sieben Jahre in den Knast kam, hat der Schriftsteller Martin Prinz 2002 in seinem hoch gelobten Roman „Der Räuber“ (Jung und Jung, 15,90 Euro) sensibel aus der Innen­perspektive eines Läufers beschrieben. Prinz, 34, ebenfalls ein begeisterter Aus­dauersportler, erkannte Kastenberger (im Buch „Rettenberger“) auf den Polizei­fotos als den Gewinner einiger Volksläufe wieder, an denen er Mitte der Achtziger­jahre selbst teilgenommen hatte. Die Filmproduktionsfirma Nikolaus Geyrhalter erwarb die Filmrechte am Buch und brachte den Autor mit dem 33-jähri­gen Regisseur Benjamin Heisenberg („Schlä­fer“, 2005) zusammen.

Bereits kurz vor Beginn der Dreharbeiten sprachen wir mit dem Autor Martin Prinz, dem Regisseur Benjamin Heisenberg und dem Hauptdarsteller Andreas Lust, 41, der von Prinz selbst für seine Rolle in Form gebracht wurde.

RUNNER’S WORLD: Haben Sie als Autor oder Regisseur nicht die Befürchtung, dass man sich – speziell als Läufer – zu sehr mit dem Bösewicht identifizieren könnte?

PRINZ: Im Roman wird ja gleich zu Anfang der Mord in einer Weise erzählt, der den ­Leser nachhaltig irritieren dürfte. Das rela­tiviert sicher die Vorbildfunktion oder die Vorstellung, dass ein perfekter Sportler auch ein perfekter Mensch sein müsste.
HEISENBERG: Im Film haben wir uns für eine sympathischere Variante entschieden, werden also den Rettenberger mehr als Identifikationsfigur und weniger als Psychopathen darstellen. Die Figur trägt ja eh schon starke autistische Züge. Wenn man sie gleich zu Beginn mit einem Mord belastet, wird sie für den Zuschauer womöglich gar nicht mehr nachvollziehbar. Deshalb haben wir den Mord weniger martialisch gemacht und im Kontext einer emotionalen Entwicklung in das letzte Drittel des Films geschoben.

Welche Rolle spielt das Laufen im Film?
HEISENBERG: Eine sehr große. Wir zeigen viele praktische Situationen aus dem Läufer­leben: den Wettkampf – live gedreht beim Wien-Marathon –, Schuhekauf, Laktattest, Trainingssituationen, Laufbandeinheiten im Gefängnis und so weiter. Als Ende dann die lange Flucht, die wir wie einen mitverfolgten Marathonlauf darstellen. Dieses starke sinnliche Selbsterleben, das das Laufen bietet, ist das zentrale Thema des Films. Die Film­figur betreibt ihre Raube wie den Sport, analysiert beides auf die gleiche Weise. Deshalb ziehen wir Andreas bei den Bank­überfällen auch ­einen Brustgurt mit Herzfrequenzmesser um.

Laufen Sie selbst auch?
HEISENBERG: Der Film hat mir das Laufen nahegebracht, doch er raubt mir die Zeit dafür. Herr Prinz, Sie dagegen haben ja eine sehr intensive Beziehung zum Thema.
PRINZ: Ja, im November 1988, als Kastenbergers Name bekannt wurde, war das Erstaunen in den Medien und erst recht bei mir groß, dass der „Pumpgun-Ronnie“ einer der bekanntesten Männer der Volkslauf­szene war. Ich war damals noch als Leistungssportler aktiv und erinnerte mich an Läufe als 13- bis 15-jähriger Bub, bei denen Kastenberger Erster oder Zweiter wurde. Bei seiner Flucht habe ich mitgefiebert.

Eine Schlüsselfrage für das Gelingen des Films war sicher die Besetzung der Hauptrolle. Für gewöhnlich bewegen sich Läufer in Filmen völlig unglaubhaft.
HEISENBERG: Wir haben vorrangig nach Darstellern gesucht, bei denen das Leben Spuren hinterlassen hat. Wenn man wie Kastenberger sieben Jahre im Gefängnis saß, sieht man das dem Menschen an. Über 300 Leute haben wir per Foto gesichtet, gut 70 davon zusätzlich per Video, mit 35 Kandidaten ­haben wir probeweise gearbeitet, 4 davon sind in die engere Auswahl gekommen. Mit diesen haben wir ausgiebige Schauspiel- und Lauftests gemacht. Ein Konglomerat von Gründen hat dann zu Andreas Lust geführt: Er ist ein sehr guter Schauspieler, bringt bereits eine glaubwürdige Läuferfigur mit und zeigt genau die richtige Mischung aus Gefährlichkeit und Sympathiewert, die für die Rolle und ins­besondere für den Moment im Film wichtig ist, wenn man erstmals das Gesicht unter der Maske des Räubers sieht.

Wie viel Trainingszeit hatten Sie geplant?
PRINZ: Wir hatten gut drei Monate Zeit. Es war eine ziemlich Gratwanderung. Andreas ist ein sportlich wirkender Nichtsportler. Wir haben also bei Null begonnen, erst mal einen Laktattest gemacht, um die Pulsbereiche für das Training festzulegen und nicht den typischen Hobbysportler-Fehler des zu hohen Tempos zu machen. Wir haben mit drei Einheiten pro Woche angefangen, dann auf bis zu fünf gesteigert. Ziel der einen langen Einheit pro Woche war es, ihn langsam an die eineinhalb Stunden heranzuführen. Bei den anderen Einheiten ging es darum, dass er unterschiedliche Laufgeschwindigkeiten kennenlernt, ohne dass man dabei in der Nähe eines Intervalltrainings wäre. Wir müssen ja auch mit aller Vorsicht die typi­schen Sportverletzungen vermeiden.

Wie effektiv waren Sie als Trainer?
PRINZ: Andreas hat zur zweiten Laktat­messung einen enormen Sprung gemacht, der sogar den Diagnostiker überrascht hat. Unser Glück war es, dass er eine sportliche Vorbildung aus der Jugendzeit mitbrachte. Insgesamt war es eine Punktlandung. Eine zwei Wochen kürzere Vorbereitungszeit wäre wahrscheinlich eine Katastrophe gewesen.

Trainingsziel war ja wohl weniger die Ausdauer an sich, sondern die damit verbundene Ökonomisierung des Laufstils.
PRINZ: Genau. Ich kenne wie Sie keinen einzigen Film, in dem ein Schauspieler als Langstreckenläufer glaubwürdig rüberkommt. Es war mir ganz wichtig, dass der Film nicht den üblichen Missverständnissen über den Laufsport Vorschub leistet. Oft werden die ja wie Kraftsportler dargestellt oder so, als würden sie selbst beim Marathon ständig am ­Limit laufen. Da hatten wir beide auch einige Diskussionen. Manchmal habe ich auf Benjamin eingeredet wie auf eine kranke Kuh.
HEISENBERG: Ja, da ging es zum Beispiel um meine Idee, dass die Hauptfigur nach dem Marathon noch einen Banküberfall macht. Oder es ging um Sex nach dem Laufen. Martin hat mir klargemacht, dass man nach einem Wettkampf fix und fertig ist.

Haben Sie Bedenken, dass man nach dem Film sagt: „Ja, Läufer sind halt verrückt.“?
HEISENBERG: Das glaube ich nicht. Ziel des Films ist es auch, die Faszination für diese natürliche Art der Fortbewegung und der damit verbundenen Freiheit zu vermitteln. Wir werden den Läufer am Ende in der Fluchtsequenz wie in einem Tierfilm zeigen – in dem Sinne, dass man die Schönheit einer natürlichen Bewegung ins Bild setzt.
PRINZ: Es wird ja im Film sehr viel vom Charakter der Hauptfigur auf den langen Gefängnisaufenthalt zurückgeführt. Deshalb wird spürbar, wie viel Sehnsucht in dieser Figur steckt und wie das Laufen diese Sehnsucht teilweise bedienen kann. Aber eben nur teilweise: Sport kann sehr viel Glück erzeugen, aber es bleibt eben nur ein Teil des Lebens. Das sieht man auch bei den übertrainierenden Hobbysportlern, die keine Ruhe­tage kennen, weil sie Angst vor dem Loch haben, in das sie fallen würden. Diese Leute werden sich vielleicht in der Figur des Johann Rettenberger wiedererkennen.

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Interview mit dem Hauptdarsteller Andreas Lust