Berlin-Marathon

Zwischen Lebenslauf und Läuferleben

Läufer-Predigt zum Berlin-Marathon

Ein motivierter Läufer beim Nikolauslauf Tübingen 2010.

Bild: Tomas Ortiz-Fernandez

Auch die Erwartungen eines Predigers an den geplanten Gottesdienst gehören zu den ungesicherten Hoffnungen und Wagnissen. Das gilt für unsere Ökumenischen Abendgebete, wie auch für jenen Trauergottesdienst, einmal vor Jahren, als nach meinem ersten Satz eine junge Frau aus der Reihe drängte und mit klackenden Stöckelschuhen unüberhörbar den Versammlungsraum im Krematorium verließ. Offensichtlich ging ihr schon dieser erste Satz des Pfarrers über die Hutschnur. Die anderen alle saßen wie erstarrt.

Einige mir Bekannte, die rechts an der Seite standen, schauten zu mir hin, angespannt oder gar unmerklich grinsend: „Was macht er jetzt? Sagt er was?“ Ich aber war erst einmal ziemlich erschüttert. Ja, das passiert mir, dass ich, im Begriff, etwas mir Wichtiges zu sagen, etwas pathetisch klinge oder betulich, du liebe Güte! Und so entfernte sich die junge Frau einfach: Klack, klack, klack, es klang wie das Schlagwerk der Weltenuhr. Dann sagte ich: „Bleiben Sie in Hörweite, es wird sich lohnen, auch für Sie, ich verspreche es Ihnen!“ Das konnte ich sagen, weil ich wusste, was noch alles kommen würde und dass es gut war, ziemlich gut sogar.

Hier in der BLAUEN KIRCHE läuft das anders, keiner geht vorzeitig, aufgeräumte Stimmung schafft sich zum Schluss Gehör. Eigentlich müsste ich auch mal ein paar Buh-Rufe erwarten, die es in Gottesdiensten eigentlich nicht gibt. Aber hier in der BLAUEN KIRCHE am Vorabend des Berlin-Marathons passiert ohnehin, was sonst nicht passiert. Die meisten unter uns gehören zu den inzwischen Unzähligen, welche für ihr Leben gern langlaufen. Es ist für uns mehr als ein Hobby. Es lässt sich nur als „top secret“ von höchster Wichtigkeit in unser Leben einordnen. Meine eigene, für mich selbst schon vor Jahrzehnten gefundene Zuordnung lautet: ZWISCHEN LEBENSLAUF UND LÄUFERLEBEN. Das trifft, glaube ich, genau den Punkt der Selbsteinschätzung bei den Gleichgesinnten.

Dieses scheinbar auf ewig angelegte Bewusstsein lebt jedoch von der befremdlichen Gewissheit, dass es eines Tages zu Ende sein wird, dass das Laufen ein Ende haben wird, dass es ein Ende mit mir hat. Woher kommt diese Hellsichtigkeit des Läufers? Ist er klüger, ahnungsvoller, gottesfürchtiger, als seine nicht laufenden Mitmenschen? Ich neige zu solchen ungesicherten Behauptungen. Sie sind trotzdem Unsinn, schon im Blick auf mich selber ist das erkennbar. Eher schon ist es die ERFAHRUNG, die wir machen. Sie vermittelt uns, wie vergänglich die Schönheit des Laufens ist, seine Geschwindigkeit, seine Lebenskraft.

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