Wien-Marathon 2014

Wie Anna Hahner zum Vienna-Triumph flog

In der dramatischen Schlussphase des Vienna City Marathons flog Anna Hahner 300 Meter vor dem Ziel förmlich an der führenden Chepkwony vorbei. Das Rennen aus ihrer Sicht.

Wie Anna Hahner zum Vienna-Triumph flog

Anna Hahner tanzt Walzer nach dem Zieleinlauf beim Wien-Marathon.

Bild: photorun.net

Die letzten Meter bis zum Sieg beim Wien-Marathon 2014

Gabriele Nicola war wahrscheinlich der Erste, der die Sensation kommen sah. Der italienische Trainer beobachtete seine Läuferin Caroline Chepkwony auf den Fernsehbildern, als sie kurz vor Kilometer 40 noch rund zwei Minuten Vorsprung hatte. „Das könnte noch eng werden“, sagte der erfahrene Coach, der unter anderen die Kenianerin Mary Keitany betreut, als er sah, dass Chepkwony längst nicht mehr rund lief.

Nicola sollte recht behalten. Kurz darauf brach die Kenianerin vollkommen ein. Während der Coach zunächst muskuläre Probleme vermutete, wurde später bekannt, dass Chepkwony unter Unterleibsproblemen litt. Auch die Zuschauer merkten, dass noch etwas ging für Anna Hahner (Run2Sky/Gengenbach). „Sie haben mir 1.500 Meter vor dem Ziel zugerufen: Die steht fast, die kannst du noch einholen“, erzählte die deutsche Läuferin und fügte hinzu: „Das habe ich zu diesem Zeitpunkt aber nicht geglaubt.“

Als die Kenianerin dann plötzlich in Sichtweite vor ihr auftauchte, „habe ich nicht mehr auf die Zeit geschaut sondern nur noch auf sie“. Aber Anna Hahner machte sich bewusst nicht viele Gedanken über den greifbar nahen Sieg in dieser Situation. „Ich habe den Kopf ausgeschaltet und nur noch darauf geachtet, möglichst flüssig zu laufen.“ In einer der dramatischsten Schlussphasen in der jüngeren Geschichte des Vienna City Marathons flog sie 300 Meter vor dem Ziel förmlich an der nur mühsam joggenden Chepkwony vorbei. „Ich habe mich nicht mehr umgeschaut sondern nur noch gedacht, hoffentlich reicht es.“

„Alles Walzer“ für Hahner beim Wien-Marathon

Von einem Podestplatz hatte Anna Hahner vor dem Start träumen dürfen, denn die Konstellation mit der Konkurrenz war günstig – doch an einen Sieg konnte sie niemals denken. „Ich lebe gerade einen Traum“, sagte sie, nachdem sie in 2:28:59 ins Ziel gelaufen war. „Alles Walzer“ war das Motto des Vienna City Marathons. Dreimal tanzte Anna Hahner im Ziel noch Walzer. „Ich hätte zwar keinen Meter mehr laufen können, aber im Dreivierteltakt ging es noch“, sagte Anna Hahner, die sich nachmittags dann mit ihrer Zwillingsschwester Lisa ein Stück Sachertorte gönnte.

Schon am kommenden Sonnabend geht Anna Hahner wieder an den Start. Beim Paderborner Osterlauf wird die 24-Jährige über 10 km laufen, wobei das wohl sechs Tage nach dem Marathon eher ein Auslaufen beziehungsweise Schaulaufen wird. Am folgenden Wochenende tauschen die Hahner-Twins dann wieder die Rollen: Beim Hannover-Marathon wird Lisa an den Start gehen, während Anna ihre Schwester dann anfeuern wird.

Nach dem Wien-Marathon steht die EM im Blickpunkt

Der Marathon bei den Europameisterschaften in Zürich ist das nächste große Ziel von Anna Hahner. Hier will sie zusammen mit Lisa an den Start gehen, die die Norm im vergangenen Jahr in Frankfurt erfüllt hat. An Zürich hat Anna Hahner, die in Frankfurt 2013 ihre Bestzeit von 2:27:55 gelaufen war, bisher jedoch noch nicht gedacht. Die Planungen für die EM beginnen erst jetzt. „Voraussichtlich werden wir in der Vorbereitung nach Turin fahren, zu unserem Trainer Renato Canova“, sagte Anna Hahner.

Seit rund einem Jahr ist der Italiener Canova, der unter anderen eine Reihe von kenianischen Weltklasseläufern trainiert, der Coach der Hahner-Twins. Auf die Frage, was anders ist als früher, antwortet die Wien-Siegerin: „Die Trainingsspitzen sind noch intensiver, dafür gibt es dann auch wieder ruhigere Tage. Nach einer wirklich harten Belastung folgen dann wieder zwei Tage Erholung.“ Die härteste Trainingseinheit in der Marathon-Vorbereitung war ein 40-km-Lauf nach einer 20-minütigen Einlaufphase. „Renato Canova sagt: I let your body decide not your mind“, erklärt Anna Hahner, die Einstellung des Coaches – der Körper und nicht der Kopf entscheidet, was möglich ist. „Unsere Einstellung zum Training hat sich verändert, wir haben uns keine Grenzen mehr gesetzt.“

Gleiches gilt auch für die langfristigeren Zeitziele im Marathon: „Wir setzen uns keine Grenzen für den Marathon und haben nicht irgendeine bestimmte Zeit im Kopf“, sagt Anna Hahner. Die Geschwister wollen herausfinden, was möglich ist. „Ich glaube nicht, dass die Hautfarbe ein limitierender Faktor ist“, sagt Anna Hahner, die vor dem Wien-Marathon von ihrer kleineren, 16-jährigen Schwester Charlotte Ohrringe in Form von Vögeln als Glücksbringer geschenkt bekommen hatte. In Wien „flog“ Anna Hahner dann zum Sieg. Es war der erste große Marathonsieg einer deutschen Läuferin bei einem ausländischen Rennen seit Irina Mikitenko 2009 den London-Marathon gewonnen hatte. Diese beiden Siege sind zwar nicht miteinander vergleichbar, doch Anna Hahner ist auf einem guten Weg zu weiteren Erfolgen.