Todesrisiko Marathon?

Training macht den Unterschied

Läuft der Tod mit?

Bild: Matt Mahurin

Der Fitness-Forscher Steven Blair ist ein echtes Unikum. Er zählt zu den führenden Epidemiologen weltweit und ist leidenschaftlicher Läufer. Dabei sieht der 69-Jährige wahrlich nicht aus wie ein langjähriger Läufer: Er ist kugelrund (88 Kilo bei einer Körpergröße von 1,62 Metern) und trägt einen kurz geschnittenen, grauen Bart. Er schätzt, dass er in den vergangenen 40 Jahren über 110 000 Kilometer zurückgelegt hat – inklusive 18 Marathons (Bestzeit 3:28). Unseren Lauf beginnen wir zunächst im Gehschritt, bevor Blair in ein sehr gemütliches Lauftempo verfällt, etwa sieben Minuten pro Kilometer. „Ich laufe fast jeden Morgen und bezeichne mich immer noch als Läufer, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob meine Nachbarn das auch so sehen. Die fragen sich vermutlich, ob ich noch laufe oder schon gehe“, erklärt er.

Blair hat 22 Jahre am Cooper Aerobic Center in ­Dallas gearbeitet, zunächst als Forscher, später als Vorstandsvorsitzen­der. Ihm verdankt Kenneth H. Cooper, Gründer des gleichnamigen Instituts, seine Reputation auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge durch sportliche Betätigung. Heute lehrt und forscht Blair als Pro­fessor an der University of South Carolina und wirbt weiter für seine Überzeugung, dass es den Menschen viel besser ginge, wenn sie sich nur 30 Minuten am Tag bewegen würden.

Ein Sport-Epidemiologe beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen sportlichen Aktivitäten jeglicher Form und ihren Auswirkung auf die Gesundheit, speziell im Hinblick auf Herzkrankheiten, Diabetes oder Bluthochdruck. Die Schwierigkeit besteht dabei darin, kontrollierte Versuche durchzuführen. Menschen sind nun mal ­keine Versuchskaninchen, die man für einige Wochen in einen Käfig sperren und auf ein Laufrad setzen kann. Daher weichen die meisten Epidemiologen auf Fragebögen aus, um Verhaltensmuster zu ergründen. Allerdings sind die Resultate von zweifelhaftem Wert, denn die meisten Menschen unterschätzen, wie viel sie essen („Schokolade? Ganz wenig!“), und überschätzen, in welchem Maße sie sportlich aktiv sind („mindestens fünf- bis sechsmal pro Woche“).

Steven Blair geht anders vor: All seine Versuchspersonen haben die Cooper-Klinik besucht und dort einen Belastungstest auf dem Laufband absolviert. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte später werden dieselben Probanden noch einmal nach ihrem Gesundheitszustand befragt. In den vergangenen 30 Jahren wurden 80 000 Frauen und Männer im Cooper Center auf Herz und Nieren geprüft. Die Ergebnisse sind erstaunlich.

Insgesamt betrachtet weisen die Fittesten unter den Probanden eine um 50 Prozent geringere Sterblichkeitsrate auf als jene, die am wenigsten fit sind. Sie sind außerdem weit weniger anfällig für Herzinfarkt, Diabetes oder Bluthochdruck. Auch viele Krebserkrankungen kommen bei ihnen weniger häufig vor, und neuesten Erkenntnissen zufolge treten bei ihnen auch weniger Fälle von Altersdemenz und Alzheimer auf.

Wohlgemerkt: Die fittesten Probanden sind keine Supersportler, die bei Wettkämpfen ganz vorn liegen. Die meisten von ihnen laufen lediglich 25 bis 40 Kilometer pro Woche in einem ruhigen Tempo (zirka sechs Minuten pro Kilometer). „Unsere Daten sind der vielleicht beste Beweis für die positiven Auswirkungen körperlicher Fitness auf den Gesundheitszustand“, sagt Blair. „Der Punkt ist, dass die Ergebnisse unseres Laufbandtests denen, die mit Fragebögen erzielt wurden, deutlich überlegen sind.“

Blair gibt zu, dass es sicherlich gesünder wäre und er weniger oft Cholesterin und Blutdruck prüfen lassen müsste, wenn er zehn Kilo weniger auf den Rippen hätte. Er hatte zwar noch keinen Herzinfarkt, dafür aber eine Angio­plastie (gefäßerweiternde Maßnahme) und eine Bypass-Operation hinter sich. „Aber wenn ich keinen Sport treiben würde“, meint er, „hätte ich diese Eingriffe vielleicht schon zehn Jahre früher gehabt.“ Die Ergebnisse seiner Testreihen an der Cooper-Klinik lassen hoffen, denn sie zeigen, dass Dicke, die fit sind, in etwa genauso gesund sind wie Unsportliche mit Normalgewicht. Oder anders ausgedrückt: Regelmäßige sportliche Belastung gleicht viele der Nachteile aus, die durch Übergewicht entstehen.

Trotz aller Studien wissen Blair und andere Forscher nur allzu gut, dass es keine Garantien gibt. Herzprobleme kommen unausweich­lich mit zunehmendem Alter häufiger vor. Sportliche Betätigung wird empfohlen, ist jedoch nicht automatisch ein Heil­mittel. Es gibt keinen verlässlichen Schutz gegen Herzkrankheiten. Und Blair weiß auch, was ihm blüht, sollte ihn der Tod eines Tages beim Laufen ereilen: „Fitness-Experte starb beim Laufen“ werden die Schlagzeilen lauten, und das Wort „Ironie“ wird in keiner Meldung fehlen, als würden er und seine Kollegen behaupten, Laufen sei eine Garantie für ewiges Leben. Doch das liegt ihnen fern, denn sie kennen die Fakten: Jeder muss sterben, und manche sterben beim Laufen.

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