Todesrisiko Marathon?

Todesfälle bei Marathonläufen

Läuft der Tod mit?

Bild: Matt Mahurin

Mitte der Siebzigerjahre stellte Thomas Bassler, ein Pathologe aus Kali­fornien, die verlockende Theorie auf, dass Marathonläufer eine Immunität gegenüber Herzkrankheiten entwickelten. Er verglich Marathonläufer mit dem Volk der Massai in Ostafrika und dem der Tarahumara-Indianer im Norden Mexikos – Völker, bei denen Herzkrankheiten sehr selten bis überhaupt nicht vorkommen. „Marathonläufer haben mit diesen Völkern viel gemeinsam “, schrieb er. Unter Läufern kursierte diese Theorie weltweit, bis immer mehr Fallstudien auftauchten, die sie widerlegten.

Seit Mitte der Siebzigerjahre haben drei Gruppen von Wissenschaftlern unabhängig voneinander Daten über Todesfälle von Marathonläufern bei Wettkämpfen gesammelt. Alle Ergebnisse zusammengenommen ergeben einen Datenpool von mehr als 4,5 Millionen Marathonteilnahmen über einen Zeitraum von 30 Jahren. Von allen Läufern starben 41 an einem Herzinfarkt, also einer von 110 000 Läufern. Bill Roberts, Professor an der University of Minnesota Medical School und seit 1985 ärztlicher Leiter beim Twin Cities Marathon von Minneapolis und St. Paul, fügt hinzu: „Wer einen Herzinfarkt bekommt, ist bei einem Marathon bestens aufgehoben. Die Chance zu über­leben liegt bei 50 bis 75 Prozent gegenüber 15 Prozent, wenn man irgendwo anders einen Herzstillstand erleidet.“ Allenfalls im Krankenhaus ist die ärztliche Versorgung möglicherweise schneller und der nächste Defi­brillator näher.

Paul Thompson und ich hatten gerade eine Runde im Colt Park gedreht, als John Fixx aus seinem Wagen stieg. Ich kenne Fixx seit 25 Jahren, hatte ihn aber länger nicht gesehen und bemerkte, dass er etwas dicker geworden war. Er ist 48 Jahre alt und wiegt 82 Kilo bei einer Körpergröße von 1,80 Metern. Fixx war acht oder neun Jahre alt, als er zusammen mit seinem damals noch nicht berühmten Vater zu laufen begann. An der Universität war er im Leichtathletik-Team, und auch nach dem Studium nahm er noch an Wettkämpfen teil. Seine Marathon-Bestzeit steht bei 2:51 Stunden.

John Fixx hatte gerade sein Studium beendet, als sein Vater Jim starb. Die Familie beantragte eine Autopsie. Dabei wurde bei Jim eine hochgradige Verstopfung in allen drei Koronar-Arterien festgestellt. Der Gerichtsmediziner erklärte der Familie, dass Jim sein Leben durch das Lauftraining vermutlich um acht bis zehn Jahre verlängert hatte. Bevor er 1968 mit dem Laufen begann, hatte er geraucht und wog deutlich mehr als 100 Kilo. Sein Vater hatte seinen ersten Herzinfarkt mit 37 Jahren und starb mit 41.

Im Rückblick fügten sich die Erzählungen verschiedener Familien­mitglieder zu einem Puzzlebild von Warnzeichen zusammen: Kurz vor seinem Tod war Jim eines Nachts schweißgebadet aufgewacht und klagte über Atemnot. Kurz darauf hielt er bei einem Lauf mit seinem Sohn John nach kurzer Zeit inne, sprach erneut von Atem­problemen und dazu von einem Druckgefühl im Oberarm, machte jedoch einen allergi­schen Zustand dafür ver­antwortlich. Wenn sich die Allergie nicht bessere, werde er mal zum Arzt gehen, versprach er. „Aber er war eben ein typischer Yankee, der andere nicht gern mit seinen Problemen belasten wollte“, resümiert sein Sohn John.

„Die Familiengeschichte ist ein wichtiger Faktor, den man nie ­außer Acht lassen sollte“, so Thompson. „Außerdem sollte man wissen, dass es noch andere Warnsignale gibt als die klassischen Symptome wie Druck auf der Brust oder ein Ziehen im linken Arm. Man kann auch ein Ziehen im rechten Arm verspüren, oder es kann etwas sein, das sich anfühlt wie eine Magenverstimmung. Ich sage immer: Wenn Sie etwas spüren, das schnell kommt und wieder geht, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Wenn die Beschwerden oder das Gefühl der Atemlosigkeit jedoch anhalten, sollten Sie unbedingt zum Arzt gehen. Und wenn Sie nicht sicher sind, gehen Sie trotzdem!“

Noch immer mache ich mir bei meinen Mittagsläufen nur selten Gedanken über den Tod. Doch nach all meinen Recherchen mache ich mir mehr Gedanken über mein Herz. Mit Hilfe eines Risikorechners im Internet versuche ich herauszufinden, wie ich mit meinen Gesamt-Cholesterinwerten von 170, meinem HDL von 35 und meinem Blutdruck von 120 zu 80 dastehe. Demnach beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass ich innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Herztod sterbe zehn Prozent. Zehn! Das kommt mir verdammt viel vor.

Was kann ich tun, um das Risiko zu senken? Ich wende mich noch mal an den Kardiologen Paul Thompson. „Wir Ärzte sind keine Zauberer, und Herzkrankheiten sind ein komplexes Thema, sie sind nicht vorhersehbar.“ Doch der Experte gibt mir ein paar Tipps: Ich soll mich weitgehend vegetarisch ernähren, mehr Fisch essen, der viel Omega-3-Fett­säuren enthält, täglich eine halbe Aspirin nehmen und einen Cholesterin-Senker in niedriger Dosis. Ein paar Tage lang fühle ich mich niedergeschlagen, weil ich nichts weiter tun kann, um mein Risiko zu mindern. Aber dann erinnere ich mich an die Worte von Jim Fixx: „Laufen verlängert vielleicht nicht das Leben, aber es macht das Leben lebenswerter.“

Amby Burfoot

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