Marathon-Pläne

Susanne Hahn: „Ich trete im Herbst noch einmal an“

Marathonläuferin Susanne Hahn, die seit 2006 bei allen großen Meisterschaften dabei war, im Interview mit Martin Grüning.

Susanne Hahn

Susanne Hahn

Bild: Norbert Wilhelmi

Marathonläuferin Susanne Hahn (34) ist seit 2006 schon bei allen großen Meisterschaften dabei gewesen, im August wurde die Mutter eines zweijährigen Sohnes bei den Olympischen Spielen in 2:30:22 Stunden 32. Ihre Karriere ist typisch für die einer national sehr erfolgreichen Sportlerin, die aber im Schatten der ganz großen internationalen Stars steht. Susanne Hahn im Interview mit Martin Grüning, dem stellvertretenden Chefredakteur des RUNNER’S WORLD-Magazins.

Martin Grüning: Waren Sie eigentlich mit Ihrem Ergebnis bei den Olympischen Spielen zufrieden?

Susanne Hahn: Mit etwas Abstand: Ja. Da die Strecke mit ihren insgesamt 29 Kurven in jeder der drei Runden an sich keine schnelle Strecke war, darf man, so die Meinung aller Athleten und Trainer vor Ort, zwei Minuten von seiner Zeit abziehen. Da habe ich mich mit 2:30:22 Stunden dann in London schon im Bereich meiner Bestzeit bewegt (Anm. d. Red.: Susanne Hahns Bestzeit steht bei 2:28:49 h, Frankfurt 2011). Und das ist es ja, was man von sich als Athletin beim Jahreshöhepunkt erwarten muss. Die Platzierung war allerdings etwas enttäuschend. Denn mit einer solchen Zeit war man bei den letzten drei Olympischen Spielen und bei den Weltmeisterschaften der letzten Jahre immer sicher unter den ersten Zwanzig.

Martin Grüning: Wie lief das Rennen tatsächlich aus Ihrer Sicht?

Susanne Hahn: Ich habe mir das Rennen später noch einmal im Fernsehen angeschaut und war überrascht, wie viel anders das Empfinden ist, wenn man selbst mitläuft. Mir selbst waren vom Lauf nur wenige Momente noch so richtig präsent. Mit dem vielfach beschriebenen Regen bin ich gut zurecht gekommen. Zu Beginn bin ich ja ganz vorne gelaufen, weil ich einfach schlecht in einem Pulk laufen kann, und ich dabei auch besser den Pfützen ausweichen konnte. Mein Schritt ist relativ groß, da fällt es schwer, hinter anderen herzulaufen. Aber als das Tempo forciert wurde, habe ich es nicht richtig mitbekommen. Zudem war erstaunlich, wie schnell man von Platz eins auf Platz 40 zurückfallen kann. Es war ja sehr lange ein sehr dichtes Läuferfeld vorne, was für eine Meisterschaft relativ ungewöhnlich ist.

Martin Grüning: War es psychologisch eine Herausforderung für Sie, von ganz vorne ins Mittelfeld zurückzufallen?

Susanne Hahn: Nein, es war ja nicht meine erste internationale Meisterschaft, ich wusste, dass ich gegen die Besten der Welt antrete, aber es hat mich eben überrascht, wie schnell man auf einmal mittendrin statt vorne dabei ist.

Martin Grüning: Konnten Sie denn im Lauf immer den Überblick behalten, wie schnell Sie sind, wo Sie gerade liegen?

Susanne Hahn: Nein, leider nicht. Die Kilometer- bzw. Meilenmarkierungen waren schlecht zu erkennen, aber ich bin es gewohnt nach Körpergefühl zu laufen und überbewerte die Kilometerzeiten nicht. In den Marathons, die keine Meisterschafts-Marathons sind, kontrollieren in solchen Situationen meine Tempomacher oder mein Mann, der mich dann auf dem Rad begleitet, die Zwischenzeiten. Aber ich habe ein sehr gutes Körpergefühl und weiß mir meine Kräfte gut einzuteilen, das übe ich auch im Training, da ich selten auf genormten Strecken nach Geschwindigkeitsvorgaben trainiere, sondern mich auch dabei zumeist auf mein Gefühl verlasse bzw. verlassen muss.

Martin Grüning: Wie kann man die Platzierung in London einordnen? Oder: war die zweite Teilnahme nach Peking 2008 der größte sportliche Erfolg in Ihrer Karriere?

Susanne Hahn: Eine Teilnahme an Olympischen Spielen ist schon ein Karriere-Höhepunkt, aber den einen größten Erfolg kann ich nicht benennen. Ich bin stolz auf meine Konstanz: Denn stets ist es mir gelungen, mich für den internationalen Höhepunkt zu qualifizieren, wenn ich dazu antrat. Besonders gut in Erinnerung sind mir dabei die Siege bei den Marathons in Mainz 2008 oder Düsseldorf 2009. Aber auch die deutschen Meistertitel im Cross, über 10 km oder Halbmarathon, die dritten Plätze mit der Mannschaft bei der Cross-Europameisterschaft 2000 und 2011, oder im Marathon-Europacup 2006 waren tolle Erlebnisse, dazu viele stimmungsvolle Crossläufe in Belgien, nein, es lässt sich eine so lange Laufbahn nicht auf einen Moment oder Erfolg reduzieren…

Martin Grüning: Obwohl Sie seit Jahren sehr konstant großartige Leistungen bringen, scheinen Sie immer ein wenig im Schatten der „Mikis“ und „Mockis“ zu stehen und jetzt sogar auch noch einer Anna Hahner. Trügt der Eindruck oder empfinden Sie das auch so?

Susanne Hahn: Ich denke, das ist schon so, aber dafür gibt es plausible Gründe. Erstens war ich tatsächlich häufig auch nur Zweite hinter Irina „Miki“ Mikitenko und Sabrina „Mocki“ Mockenhaupt und speziell Letztere ist einfach auch ein wenig extrovertierter als ich, dazu kommt ihre sehr bodenständige Art und der Dialekt… Und Anna Hahner ist mir vermutlich gar nicht unähnlich, wird aber von ihrem Umfeld zurzeit medial sehr stark gepusht, mal abwarten, wo das hinführt. Wenn mir die fachliche Anerkennung im richtigen Maße zuteil wird, dann passt das schon so.

Martin Grüning: Sie machen kein Höhentraining, keine Bahnrennen, gibt es noch andere Dinge, die Sie von den anderen Spitzenläuferinnen unterscheiden.

Susanne Hahn: Dass ich keine Bahnläufe und kein Höhentraining mache, hat keine methodischen Hintergründe, sondern einfache praktische. Irgendwann stellten mein Mann Frank und ich fest, dass es immer zur Bahnsaison bei mir überhaupt nicht lief, und in der Analyse stellte sich heraus, dass ich eine Pollenallergie habe, wodurch die Bahnsaison im späten Frühling und Sommer grundsätzlich kritisch war. Mit dem Höhentraining haben wir es auf verschiedenen Höhen dreimal probiert, aber ohne einschlägigen Erfolg. Da kann man sich diese Trainingsform sparen, die zudem ja nicht risikolos ist. Weiterhin mache ich auch keine Leistungsdiagnostiken, da in den letzten Jahren die Trainingsanalysen meines Trainers zielführender und treffender waren.

Martin Grüning: Auf London haben Sie sich aber unter anderem in Garmisch-Partenkirchen vorbereitet, sollte das ein mittlerer Höhenreiz sein? Der Effekt ist ja eher umstritten?

Susanne Hahn: In Garmisch-Partenkirchen waren wir, weil meine Eltern dort eine Ferienwohnung haben, sodass mit meiner Mutter, die uns begleitet hat, zusätzliche Betreuung für unseren Sohn vor Ort war. Zudem ist die Luft dort gut und sind die Strecken profiliert, sodass ich einiges im Kraftausdauerbereich getan habe – Anstiege können mich nicht mehr zurückschrecken! Mit einem Höhenreiz hatte das nichts zu tun.

Martin Grüning: Sie sprechen es an, Sie sind nicht nur Leistungssportlerin, sondern auch Mutter, 2010 kam Ihr Sohn Michael zur Welt. Ist das eine enorme zusätzliche Belastung?

Susanne Hahn: Es lässt sich organisieren, aber es muss eben gut organisiert werden. Seitdem Michael da ist, arbeitet mein Mann in Teilzeit, und wir versuchen alle Ansprüche zusammen zu bringen. Ein Beispiel: Seitdem Michael da ist, trainiere ich auch wieder ab und zu auf der Bahn, statt nur noch im Gelände. Auf der Bahn fällt meinem Mann nämlich die Aufsicht über Athletin und Kind einfach leichter…

Martin Grüning: Ihr Mann Frank ist Ehemann, Vater und Coach gleichzeitig. Geht das immer zusammen? Gibt das nicht auch mal Zoff, wenn die Athletin mit dem Coach nicht einer Meinung ist oder ähnliches?

Susanne Hahn: Das bekommen wir gut zusammen ... oder getrennt, je nachdem wie man es betrachtet. Früher wurde ich von meinem Vater trainiert, von daher war mir das Gefühl schon bekannt, wenn zu dem Coach eine starke emotionale Verbindung besteht. Tatsächlich ist es aber so, dass wir alle Lebensbereiche gut miteinander vereinbaren können. Es bringt richtig Spaß, wenn die gesamte Familie im Koordinationstraining eingebunden ist, mit Michael habe ich schon einen Trainingspartner....

Martin Grüning: War der gemeinsame Sohn auch Grund für Ihr vorbildliches Engagement für die SOS-Kinderdörfer?

Susanne Hahn: Es kam einiges zusammen: die Geburt von Michael, aber einfach auch die Anfrage der SOS-Kinderdörfer. Natürlich sehe ich, dass es längst nicht allen Kindern so gut geht, wie unserem Sohn, und deshalb will ich dort helfen. Dann passt es natürlich auch, dass die SOS-Kinderdörfer ihre Anliegen unter anderem in Laufaktionen bewerben, dadurch kann ich natürlich besonders hilfreich sein.

Martin Grüning: Wie sieht die sportliche Zukunft aus? Laufen Sie erst im kommenden Frühjahr Ihren nächsten Marathon oder schon in diesem Herbst?

Susanne Hahn: Ich werde im Herbst nochmal einen Marathon laufen. Die Vorbereitung auf London war einfach zu gut, als dass ich sie nicht noch für den Herbst nutzen wollte. Nach London habe ich gute 14 Tage nicht trainiert, jetzt merke ich aber, dass ich noch immer ein hohes Laufniveau habe und das will ich nutzen. Außerdem will ich bei einem Herbst-Marathon, ganz nüchtern gesagt, auch unsere Haushaltskasse aufbessern. Es ist ja nicht so, dass ich des Geldes wegen laufe, aber nach einem solchen Jahres-Höhepunkt wie den Olympischen Spielen, wo man ausschließlich für Ruhm und Ehre gestartet ist, darf auch mal das Geld im Fokus des sportlichen Ehrgeizes stehen.

Martin Grüning: Zum Schluss: Wird es auch ein Laufen nach der sportlichen Karriere geben? Olympiasieger Dieter Baumann nennt sich „Lebensläufer“, werden Sie auch wie er ewig weiterrennen?

Susanne Hahn: Eher nicht. Ich freue mich auch auf eine Zeit ohne streng geregeltes Lauftraining. Und ich habe auch noch neben dem Laufen andere Interessen und Fähigkeiten. Meine Promotion im Fachbereich Sprachwissenschaften liegt zum Beispiel derzeit auf Eis. Aber dem Laufen werde ich natürlich irgendwie immer verbunden bleiben, sicher aber nicht im Kabarett wie Dieter ...