Alex Hutchinsons Lauflabor

Sind große Marathonläufer im Nachteil?

Arne Gabius ragte aus dem Feld der Afrikaner beim Frankfurt-Marathon heraus. Denn nur wenige erfolgreiche große Marathonläufer gibt es. Nach den Gründen sucht Alex Hutchinson.

Arne Gabius Frankfurt-Marathon 2015 Deutscher Rekord

Auch Arne Gabius überragt mit seinen 1,86 Metern das Feld der Ostafrikaner beim Frankfurt-Marathon deutlich.

Bild: Norbert Wilhelmi

Luke Puskedra lief beim Chicago-Marathon vor zwei Wochen 2:10:24 Stunden, was mit einer Körpergröße von 1,93 Meter recht ungewöhnlich ist. Scott Douglas von der US-Redaktion von RUNNER'S WORLD erstellte eine Liste von Top-Marathonläufern, die über 1,90 Meter groß sind oder waren - diese ist relativ kurz geraten, aber regt an, einmal darüber nachzudenken, warum es so wenige große Marathonläufer gibt oder gab.

Scott und ich tauschten uns per E-Mail zu diesem Thema aus. Noch während ich schrieb wurde mir klar, dass diese Frage viel schwieriger war, als ich angenommen hatte. Hier möchte ich einige Faktoren zum Thema näher betrachten, die vielleicht relevant sein könnten.

Masse nimmt schneller zu als Größe

Ein übliches Argument ist, dass Masse schneller zunimmt als Größe. Scott verweist auf Daten von Marathonläufern, die zeigen, dass jemand, der 10 Prozent größer ist, normalerweise auch etwa 30 Prozent mehr wiegt. Weil man so proportional mehr Gewicht über die Laufstrecke bewegen muss, wird häufig behauptet, dass man dadurch auch mehr Energie verbrennt, seine Reserven schneller aufbraucht und früher ermüdet.

Aber ich bin nicht davon überzeugt, dass diese Argumentation wasserdicht ist. Klar, größere Leute verbrennen mehr Energie, aber sie haben auch größere Muskeln, die mehr Kraft erzeugen und mehr Energie speichern können. Wenn man ein magisches Schrumpfen bzw. Wachsen einer Person bei gleichbleibenden Proportionen verursachen könnte, müsste auch ihre Leistung dieselbe bleiben.

Ein kürzlich gesehener Ausschnitt aus dem Film „The Internship“ erinnerte mich an diesen Aspekt. Er zeigt die berühmte Bewerbungsfrage, die bei Google verwendet wird: „Sie werden auf die Größe eines Bleistifts geschrumpft und in einen Mixer geworfen. In 60 Sekunden fangen die Klingen an zu schwirren. Was machen Sie?“ Die richtige Antwort ist, dass Sie ganz einfach herausspringen würden, denn Ihre Masse nimmt in der dritten Potenz ab, während sich Ihre Muskelkraft aber nur mit der zweiten Potenz verringert (Muskelkraft ist proportional zur Muskelquerschnittsfläche). Also sollten Sie in der Lage sein so hoch zu springen.

Untersuchungen von Nobelpreisträger James Jones

Ist das wirklich wahr? Auf der ACSM-Konferenz dieses Jahres wurde in einem Gespräch mit James Jones eine berühmte Veröffentlichung aus dem Jahr 1950 von A.V. Hill (Nobelpreisträger, der das Konzept der VO2max eingeführt hat) erwähnt. Darin behauptet er, dass „ gleichartige Tiere von unterschiedlicher Größe im Stande sind, die gleichen Geschwindigkeiten zu laufen oder zu schwimmen und die gleichen Höhen zu springen.” Es ist eine faszinierende Studie. Sie vergleicht zum Beispiel Wale, Delfine und Schweinswale, die im Wesentlichen dieselbe Körperstruktur haben, sich aber in der Größe um einen Faktor von bis zu 5.000 unterscheiden. Trotzdem können sie aber in etwa dieselben Geschwindigkeiten schwimmen.

Ebenso leitete Hill Ergebnisse ab, die darauf hinweisen, dass gleichartige Landtiere fähig sind, dieselbe Höhe zu springen und ähnliche Geschwindigkeiten zu laufen. Er führte ebenso Forschungsdaten an, die beispielsweise zeigen, dass Menschen aus dem Stand genauso weit wie eine Springmaus springen und beim Hochsprung dieselbe Höhe wie ein Pferd erreichen können.

Dies ist zwar ein kleiner Exkurs, aber es kommt auf dasselbe hinaus: Einfach nur größer zu sein (unter Beibehaltung der gleichen Proportionen), bedeutet nicht automatisch, auch als Marathonläufer langsamer zu sein. Also, welche anderen Möglichkeiten gibt es noch?

Der entscheidende Punkt ist, dass große Menschen nicht einfach ursprünglich kleine Menschen waren, die wie ein Foto mit verzerrten Bildseitenverhältnissen gestreckt worden sind, noch sind sie maßstabgetreu vergrößerte Nachbildungen von kleinen Menschen. Empirische Daten zeigen, dass das Verhältnis irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegt. Aber dies kann auch nicht erklären, warum größere Läufer schneller oder langsamer sein sollten - weil alles davon abhängt, welche besonderen Körperteile gestreckter und größer oder aber unverändert sind.

Laut einigen Studien sind kleine Läufer effizienter

Es gibt einige Studien, die nahelegen, dass kleinere Läufer effizienter sind. Zur Unterstützung dieser Aussage wurde eine Untersuchung über Laufökonomie aus dem Jahre 2007 angeführt. Diese behauptet, dass „der Hauptgrund für die gute Laufökonomie von Läufer ostafrikanischen Ursprungs ihre geringe Größe ist.” Aber die einzigen Beweise, die dies belegen sollen, sind, dass sich die Laufökonomie proportional zum maximalen Wadenumfang verhält: “Dies beruht auf dem gesunden Menschenverstand, denn wir wissen, dass sich zusätzliches Gewicht, besonders am Ende eines langen Hebels (so wie ein Laufschuh), auf die Energiekosten der Gehfähigkeit auswirkt.”

Es ist wahr, dass größere Waden bei einem von zwei Läufern, die sonst von gleicher Statur sind, weniger effizient arbeiten. Aber das hat nichts mit der Größe zu tun. Ein Läufer, der insgesamt größer ist, wird auch größere Muskeln haben, um jene größeren Waden anzutreiben, und somit hebt sich dieser Effekt auf. Es ist nur ein Vorteil, wenn die Waden unverhältnismäßig klein sind, so wie sie es häufig bei ostafrikanischen Läufern sind. Mit anderen Worten, etwas kleiner zu sein, so wie Ostafrikaner normalerweise sind, kann ein Vorteil sein, aber das bedeutet nicht, dass klein zu sein an sich schon ein Vorteil ist. Vielleicht ist auch die Art des Kleinseins, so wie es zum Beispiel die Europäer oder Peruaner oder Tibetaner sind, ein echter Nachteil.

Zwei Argumente für die Benachteiligung größerer Läufer

Also, was sagt uns das? Scott präsentiert zwei Argumente, die für mich Sinn machen. Das erste bezieht sich auf die Überhitzung. Größere Läufer müssen mehr Gewicht schleppen; sie können zwar über genügend Muskelkraft und Energie verfügen, um dies zu tun, werden aber während dieses Prozesses unweigerlich mehr Wärme erzeugen (das ist unvermeidliche Physik). Diese Hitze ist proportional zu ihrer Masse; ihre Fähigkeit, die Hitze wieder abzugeben, ist wiederum proportional zu ihre Körperfläche. Da im Wachstum die Masse schneller zunimmt als die Oberfläche, müssen größere Läufer langsamer laufen, um Überhitzung zu vermeiden.

Das andere Argument ist, dass größere Läufer mit stärkerer Aufprallkraft auftreten. Auch hier liegt dies daran, dass das Gewicht schneller zunimmt als die Fußgröße (die in etwa proportional zur Körpergröße wächst). Also, sofern die Knochen, Bänder, Sehnen und Muskeln von großen Menschen stärker sind, stehen ihnen jedenfalls härtere Zeiten bevor, wenn sie das Training eines Top-Marathonläufers ohne Verletzungen überstehen müssen.

Gibt irgendeine dieser Erklärungen „die Antwort“? Ich glaube nicht wirklich. Tatsächlich denke ich, man sollte die Auffassung, dass große Marathonläufer benachteiligt seien, weiterhin infrage stellen. Ja, 1,93 Meter große Marathonläufer wie Luke Puskedra sind selten. Aber Menschen mit dieser Körpergröße sind in allen Bereichen selten. Wie viele von 100 zufällig ausgewählten amerikanischen Männern im Alter von 20 bis 29 wären Ihrer Meinung nach über 1,93 Meter groß? – Fast keiner.

Durchschnittsgröße der 100 besten Läufer bei unter 1,70 Meter

Es ist sicherlich richtig, dass weltweit die meisten Top-Marathonläufer relativ klein sind. Wie Scott feststellte, lag die Durchschnittsgröße der Top-100-Läufer im Jahr 2012 bei 1,69 Meter. Aber diese Top-Läufer teilen sich auch noch eine Menge anderer Eigenschaften, vom Herkunftsland (fast alle waren aus Kenia und Äthiopien) bis hin zu Faktoren wie dem Wadenumfang. Letztlich vermute ich, dass Körpergröße schon eine gewisse Rolle spielt (wie schon angedeutet, beispielsweise durch die komplizierte Beziehung zwischen VO2max und Gewicht), aber ich glaube nicht, dass es so eindeutig ist wie wir häufig annehmen. Und klar - sollte ich etwas Offensichtliches übersehen haben, teilen Sie mir dies bitte mit!

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